Holocaust, jüdisches Leben und Antisemitismus in der DDR

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Wie war es mit der Erinnerung an den Holocaust, jüdischem Leben und Antisemitismus in der DDR?

Antisemitismus in der DDR
 


In Berlin wurde gestern das Buch zur Ausstellung "Das hat's bei uns nicht gegeben - Antisemitismus in der DDR" vorgestellt. Auf dem Podium wurde es persönlich: Wie lebte es sich als Kind jüdischer Eltern in der DDR?

Seit drei Jahren tourt die Ausstellung "Das hat's bei uns nicht gegeben - Antisemitismus in der DDR", die Heike Radvan und Bettina Leder für die Amadeu Antonio Stiftung konzipiert haben, durch Deutschland. In vierzig Orten waren die Tafeln bereits zu sehen, die auf Ergebnissen lokalhistorischer Rechercheprojekte von Schülerinnen und Schüler aus acht ostdeutschen Städten beruhen. Jetzt wurde die Ausstellung ergänzt und überarbeitet - und noch dazu in Buchform publiziert, um zu ermöglichen, die zahlreichen spannenden Einzelaspekte zu Hause zu vertiefen.

Zum Neustart gab es am 24. August 2010 eine Podiumsdiskussion im Centrum Judaicum in Berlin, die einen persönlichen Blick auf die Frage ermöglichte, ob und wie Judentum oder auch der Holocaust Thema im DDR-Familienalltag waren. Alle Gäste des Podiums lebten als Kinder in der DDR - größtenteils als Kinder jüdischer Eltern.

André Hermlin etwa, Leiter des Swing Dance Orchestras und Sohn des berühmten DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin, berichtete von zahlreichen Erlebnissen mit Antisemitismus im Alltag: "Ich hatte einen Lehrer, der auch einmal offen sagte: Das mit den Juden sei so eine Sache, natürlich gäbe es unschuldigen Juden, die in den KZs ums Leben gekommen sind, aber auch die jüdischen, kapitalistischen Milliardäre."

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, erinnerte sich, dass die Elterngeneration vor allem nicht als Juden kenntlich sein wollten, um nicht schon wieder anders zu sein als ihre Mitmenschen: "Das Verhältnis zum Jüdischen war im Kommunismus sehr ambivalent - Juden waren ja nicht nur die Opfer des Holocaust, sondern auch Synonym für den bösen Kapitalismus. Auch war im System Individualität und damit Abweichung vom Kollektiv nicht gewollt. Zu sagen 'Ich bin anders' war schon die Tat eines Mutigen."

Thomas Heppener, Leiter des Anne Frank Zentrums und nichtjüdischer Herkunft, berichtete von seinem Aufwachsen in der DDR: "In der Schule lernten wir nichts über Schuld und Verstrickung der Menschen vor Ort - dort war nur von Klassenkämpfern für eine glückliche Zukunft die Rede. Damit wurde der Blick auf die eigenen Familiengeschichten verstellt." Selbst das Tagebuch der Anne Frank sei in der DDR oft instrumentalisiert worden, etwa, um nachzuweisen, dass die Mörder alle im Westen gelandet wären.

Mit dieser in der DDR propagierten sauberen Trennung in Faschisten in der Bundesrepublik und Antifaschisten in der DDR sei den Menschen dort per se die Möglichkeit erschwert worden, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, meint André Hermlin: "Es wurde ja klar vermittelt: Uns geht das nichts an."

Schrifsteller Jacob Hein erinnerte sich daran, wie improvisiert das jüdische Leben in der DDR oft war, weil es viele säkulare Juden gab, die gar nicht so recht wussten, was Jüdischsein für sie bedeutet: "Auch hier galt: Wenn man nur die Juden sehen würde, würde man gar nicht glauben, dass diese Menschen irgend etwas gemeinsam hätten, weil sie so verschieden sind - nur in Abgrenzung zu anderen sind sie als Juden gekennzeichnet."

Hein merkte auch an, dass es verschiedene Arten von Antisemitismus zu verschiedenen Zeiten der DDR gab, und erwähnte neben dem staatlichen Antisemitismus der ersten Zeit der DDR auch den Antisemitismus, der Ende der 1970er Jahre als Haltung aufkam, die auch DDR-Feindlichkeit ausdrücken sollte, sich in neonazistischem Hass und Gewalttaten etwa gegen Punks entlud - und dies unter den Augen der Stasi, die nicht eingriff, weil ihnen die freiheitlichen Bestrebungen von links ein noch stärkerer Dorn im Auge war. Andrej Hermlin berichtete in diesem Zusammenhang von einem Gespräch seines Vaters mit Erich Honeker, der zur Thematik gesagt habe: "Was soll ich da machen - das sind alles gute Arbeiter, die erfüllen alle ihre Norm."

Ein kritisches Thema in der DDR war auch das Verhältnis zu Israel, das mit antisemitischsten Vergleichen als Aggressor gegen Palästina gebrandmarkt wurde. Wie ging es da den Kindern jüdischer Eltern, wollte Shelly Kupferberg wissen.

Historikerin Anette Leo berichtete: "Als Kind jüdischer Kommunisten, die ihre jüdische Identität komplett beiseite gedrückt hatten, um Traumata zu vergessen und dazuzugehören, hatte ich in den sechziger Jahren selbst ein kritisches Verhältnis zu Israel - die Parteinahme für Palästina war einleuchtend, und Israel erschien mir zu undifferenziert und nationalistisch. Später waren wir verblüfft, dass in den Kibbuzen in Israel viel mehr der Kommunismus verwirklicht wurde, den wir gemeint hatten, als in den VEBs der DDR."

Anetta Kahane berichtete von ihrem Vater, der als Journalist vom Eichmann-Prozess in Israel berichtete: "Einerseits hat er geschwärmt von Israel und das Land bewundert, dass sein Kämpferherz und sein jüdisches Herz im Gleichklang schlagen ließ - andererseits berichtete er vom Prozess so einseitig, wie es von der DDR-Führung gewollt war, dass man sich nur die Haare raufen konnte."

Einig waren sich die Diskutierenden, dass allein durch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit - im Nationalsozialismus wie auch in der Erinnerung an den Umgang damit in der DDR - die Möglichkeit besteht, fortwirkende antisemitische Stereotype zu erkennen und damit auch zu bearbeiten. Oder wie es Professor Andreas Zick von der Universität Bielefeld in seinem Vorwort nannte: "Je weniger offen ein Vorurteil bearbeitet wird, desto stärker wird es bleiben, sich Wege suchen und sich verbreiten - egal, mit welchen Tabus es belegt ist."

Von Simone Rafael

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