Ostdeutsche Bürgerstiftungen trafen sich in Berlin

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Ostdeutsche Bürgerstiftungen trafen sich in Berlin

 

292 Bürgerstiftungen, davon jedoch nur 23 im Osten Deutschlands: Die Schwierigkeiten, die insbesondere ostdeutsche Bürgerstiftungen im ländlichen Raum haben, waren allen anwesenden Stiftungen auf dem Bürgerstiftungsforum Ost 2010 vor Augen.

 
Über 30 Vertreterinnen und Vertreter aus Bürgerstiftungen und Gründungsinitiativen nutzten am 15. Oktober 2010 das Regionalforum Bürgerstiftungen Ost in Berlin Neukölln zur Fortbildung und zum Erfahrungsaustausch. Erfreulich war, dass viele der 23 ostdeutschen Bürgerstiftungen auf dem Forum vertreten waren, das die Aktive Bürgerschaft e.V. und die Amadeu Antonio Stiftung in Kooperation mit der Bürgerstiftung Neukölln organisiert hatten.

Der Gründungsboom ist vorüber

Zu Beginn der Veranstaltung stellte Bodo Wannow, Projektleiter bei der Aktiven Bürgerschaft e.V., den jüngst erschienenen „Länderspiegel Bürgerstiftungen. Fakten und Trends 2010“ vor. „Der Gründungsboom aus den Jahren 2005-2008 ist vorbei und viele Stiftungen befinden sich inzwischen in der Konsolidierungsphase“, fasste Wannow die aktuelle Entwicklung zusammen. Insgesamt existieren bundesweit derzeit 292 Bürgerstiftungen, davon aber nur 23 im Osten. Dieser hohe Unterschied relativiert sich jedoch ein wenig, wenn man die Zahlen in Bezug zur bundesweiten Bevölkerungsverteilung setzt. Bemerkenswert ist, dass die ostdeutschen Stiftungen im Jahr 2009 bei den Spendeneinnahmen und den Ausgaben für Projektförderung deutlich vor den westdeutschen lagen. Einen Sonderschwerpunkt der Analyse bildet die Untersuchung der Gremienmitglieder. Sie zeigt, dass ehrenamtliche Organmitglieder zwar hoch qualifiziert und gut vernetzt, jedoch ebenso zu fast drei Vierteln über 50 Jahre alt und männlich sind. Insofern appellierte Wannow vor allem mehr junge und weibliche Engagierte für die Gremienarbeit zu gewinnen.

Professionalisierung durch Einführung von Qualitätsstandards

„Was nichts bringt, wird nicht gefördert“ sei inzwischen mehrheitlich das Credo der Stifterinnen und Stifter bzw. Spenderinnen und Spender, erklärte Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer der Aktiven Bürgerschaft e.V., im anschließenden Vortrag. Da sich diese Haltung bei den Förderern immer mehr festigen werde, sprach er sich für eine weitere Professionalisierung der Stiftungsarbeit aus. So plädierte er für die Umsetzung von Qualitätsstandards auf Seiten der Bürgerstiftungen und präsentierte dabei einen von der Aktiven Bürgerschaft entwickelten Merkmalskatalog. Zum einen seien solche Standards „wichtig als Leitbild, an dem sich das eigene Handeln orientieren kann“, zum anderen können sie als Orientierungspunkt für Stifterinnen und Stifter bzw. Spenderinnen und Spender angesichts der zunehmenden Anzahl gemeinnütziger Organisationen dienen. In diesem Zusammenhang verwies Nährlich auch auf die Gründung der Phineo gAG, einer gemeinnützigen Organisation, die entsprechend einer „Rating Agentur“, die Arbeit von Vereinen und Stiftungen bewertet.

Jede Stiftung braucht ein Kernprojekt

Wie kann man Stifter gewinnen? - war die zentrale Frage des ersten Workshops. Zur Klärung dieser Frage waren die Forumsteilnehmer dazu angehalten, ihre Erfahrungen zunächst im kleinen Kreis auszutauschen, um später im Plenum sowohl die Stiftung als auch die Strategien zur Stiftergewinnung vorzustellen. „Wichtig für die Stiftergewinnung ist vor allem, dass die Stiftung ein Kernprojekt hat, das ihr Profil schärft“, befand Friedemann Walther, Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Neukölln, unter allgemeiner Zustimmung. Insgesamt wurde aber deutlich, dass es keinen Königsweg gibt, sondern kreative und auch außergewöhnliche Ideen sowie eine gute Öffentlichkeitsarbeit die Grundlage für erfolgreiches Fundraising bilden. Mit dem Projekt „Versteigerung unbezahlbarer Gelegenheiten“ gab Ulrike Eistert, Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Zwischenraum, hierfür ein sehr gutes Beispiel. Ein Aufstieg auf einem Windrad, eine Fahrt neben einem Lokführer in Thüringen und ein Dinner im Schillerhaus seien einige der bisher versteigerten, einzigartigen Gelegenheiten. Zum Abschluss des ersten Workshops gewährte Dr. Regina Leibhold einen ausführlichen Einblick in die Arbeit der Leipziger Bürgerstiftung. Auch sie betonte wiederholt die Relevanz guter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, ergänzt durch die persönliche Ansprache von Stifterinnen und Stiftern.

Anerkennung muss sich aus dem Sinn eines Projekts ergeben

Nach einer kurzen Kaffeepause versammelten sich die Anwesenden zum zweiten Workshop, in dem unter Moderation von Timo Reinfrank, Stiftungskoordinator der Amadeu Antonio Stiftung, die Frage diskutiert wurde, wie Engagierte für die Stiftungsarbeit gewonnen werden können und deren Arbeit auch anerkannt werden kann. Im Rahmen der Diskussion zeigte sich, dass die Arbeitsbedingungen der verschiedenen Bürgerstiftungen sehr unterschiedlich sind. Während im ländlichen Raum junge, qualifizierte Engagierte aufgrund der vermehrten Abwanderung kaum zu erreichen sind, berichtete Friedemann Walther, dass sich vor allem Studierende zunehmend bei der Bürgerstiftung Neukölln engagieren.

Kontrovers diskutiert wurden mögliche Formen der Anerkennung des Engagements. Dr. Kurt Anschütz, Mitgründer der Bürgerstiftung Berlin Neukölln meinte, dass sich „Anerkennung aus dem Sinn eines Projekts“ ergeben müsse. Friedemann Walther fügte dem hinzu, dass sich Anerkennung auch in der Übertragung von Verantwortung ausdrücken könne. So verwies er auf das Beispiel eines jungen Projektmitarbeiters, der später als Hospitant in den Vorstand berufen wurde. Ein interessanter Diskussionspunkt, der leider unberücksichtigt blieb, wäre die Frage gewesen, wie Menschen aus sozialen Randlagen nicht nur als „Leistungsempfänger“, sondern auch als Engagierte für die Arbeit in Bürgerstiftungen gewonnen werden können, da gerade sie als Multiplikatoren wirken können.

Weiter viel Gesprächsbedarf

Alle Diskussionsteilnehmer waren sich am Ende darüber einig, dass sie wertvolle Erfahrungen für die Arbeit in ihren Bürgerstiftungen gewonnen haben, sie aber gerne noch weiterdiskutiert hätten. Dass sich die Bedingungen der Arbeit von Bürgerstiftungen im ländlichen Raum und in Großstädten deutlich unterscheiden, ist die zentrale Erkenntnis des Forums. Hier sind jetzt vor allem die Verbände in der Pflicht, differenzierte Informations- und Hilfsangebote für Stiftungen in strukturell schwächeren Regionen zu erarbeiten. Mit Spannung darf also der weiteren Entwicklung und dem nächsten Treffen des Regionalforums Bürgerstiftungen Ost im Herbst 2011 entgegen gesehen werden.

Von Christian Müller
 

 

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