Stolpersteine – Kunst oder Pflicht?

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Stolpersteine – Kunst oder Pflicht?

Stolpersteine Berlin
 

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zur Stolpersteine-Wanderausstellung, die bis zum 28. Oktober 2010 im Foyer des Rathauses Schöneberg steht, fand am 29. September die Veranstaltung „Stolpersteine – zwischen Gedenken und Bedenken“ im Kinosaal des Rathauses statt.
 


Den Einstieg in den Abend machte der Historiker Wilfried Burkhard, Leiter der Koordinierungsstelle Stolpersteine für Berlin. Neben der vollständigen Organisation des Projekts für die Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg und der Dokumentation von Verlegedaten und –orten in Berlin gehört zu den Aufgaben der Koordinierungsstelle die inhaltliche und biografische Recherche. Burkhard sprach von der Bedeutung der Stolpersteine, die dezentral an individuelle Opfer erinnern und von der Initiative und den Recherchen engagierter Menschen abhängig ist. In dem Zusammenhang äußerte er Bedenken über die Vermittlung der biografischen Angaben, die über die NS-Opfer in die Metallplatten der Stolpersteine eingraviert werden. Seiner Meinung nach seien die Angaben unzureichend, und er würde es begrüßen, wenn Demnig auf Änderungswünsche bezüglich der Angaben individuell eingehen könnte, doch der Künstler empfände diese Einmischung angeblich als „Sabotage“.

Ulrike Schrader fänd bei den Stolpersteinen die Benennung der Opfergruppe notwendig, merkte allerdings kritisch an, dass es durchaus auch möglich sei, dass die Nachfahren der Ermordeten die Eingravierung der Opfergruppe als Fortsetzung der Stigmatisierung als „Asoziale“ usw. empfinden könnten. Darüber hinaus wisse die Leiterin der Alten Synagoge Wuppertal aus persönlichen Gesprächen mit Nachfahren, dass diese nicht immer vor der Verlegung eines Stolpersteins in Kenntnis darüber gesetzt werden. Dies sei bereits mehrmals vorgekommen und bestätigte neben anderem „Fehlverhalten“ seitens Stolperstein-Initiativen und Gunter Demnig ihre Skepsis gegenüber dem öffentlichen Gedenk-Mainstream, der allgemeinen Begeisterung über das Projekt und der Eigendynamik, die es mittlerweile angenommen habe: die Popularität und der Erfolg des Projekts, die prominenten Auszeichnungen Demnigs, die „Verselbstständigung“ durch Bürgerengagement, das in wettbewerbsähnliches Verhalten ausarten würde, wenn es bspw. darum geht, dass sich mehrere Städte nicht auf die Verlegung eines Stolpersteins festlegen können, da der Mensch, dem der Stolperstein gewidmet werden soll, mehrere Wohnorte hatte. So werden auf Grund dieser Uneinigkeit manche Stolpersteine mehrfach verlegt. Denkbar ist aber auch, dass es in manchen Fällen gar nicht erst zur Kommunikation zwischen den Initiativen kommt.

Die mehrfache Verlegung eines Stolpersteins für einen Ermordeten: für Ulrike Schrader vor dem Hintergrund einer ordnungsgemäßen Dokumentation unprofessionell – für im Publikum anwesende Vertreter_innen von Stolperstein-Initiativen wiederum könne es angesichts von mittlerweile rund 23 000 verlegten Stolpersteinen noch lange nicht „zu viele“ geben. Wie dem auch sei: Das Interesse, so schnell wie möglich so viele Stolpersteine wie möglich zu verlegen, wirft für Frau Schrader die Frage auf, ob die Stolpersteine überhaupt noch als Chance zur Erinnerung wahrgenommen werden und was die Motive für dieses Ausmaß an Engagement seitens Stolperstein-Initiativen und Patinnen und Paten sind. Als Frau Schrader als mögliche Funktionen des Engagements bzw. der Stolperstein-Patenschaft „Gewissensbereinigung in Form einer Ablasszahlung“ und „Überidentifikation mit den Opfern“ angab, äußerten einige Besucher_innen der Veranstaltung – unter ihnen auch Vertreter_innen von Stolperstein-Initiativen – persönliche Betroffenheit und fragten kritisch nach, was Frau Schrader zur Arbeit in der Alten Synagoge Wuppertal bewogen haben mag.

Stolpersteine als Orte der Trauer und als Kunst

Darüber hinaus wiesen sie darauf hin, dass für viele Menschen erst mit den Stolpersteinen Orte entstanden wären, an denen persönlicher und individueller um die NS-Opfer getrauert werden kann. Aus persönlicher Erfahrung wüssten sie, dass viele Nachfahren dies „dankbar“ nutzen – während Frau Schrader eher vor der Funktion der Stolpersteine als Ort kontinuierlicher Trauerzeremonie warnte, da dies durch die Fixierung auf die Opfer und auf die Trauer zu einem einseitigen Umgang mit der NS-Geschichte führen könne.

Frau Schraders Kritik an die Person Gunter Demnig wurde vom Publikum zurückgewissen mit dem Hinweis, die Stolpersteine seien ein „Kunstprojekt“, ein genialer künstlerischer Einfall und keine „Dienstleistung“. Wer bessere künstlerische Ideen habe, solle sie einfach realisieren und nicht mit dem Finger auf Demnig zeigen.

In der Frage nach dem Interesse der Jugendlichen und den damit verbundenen Herausforderungen an die Gedenkpädagogik räumte als einziger Teilnehmer Andrés Nader von der Amadeu Antonio Stiftung die Notwendigkeit ein, die deutsche Gesellschaft als Einwanderungsgesellschaft zu begreifen. Das heißt, die Gedenkpädagogik sollte die Jugendliche nicht ausschließlich als Nachfahren von Täter_innen ansprechen, sondern eher als Mitglieder einer Gesellschaft begreifen, die verpflichtet ist, zum nationalsozialistischen Erbe Stellung zu nehmen.

Von Jacqueline Aslan

 

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