Think Rural!

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

"Think Rural!"

© Schloss Bröllin

Wagner-Feigl-Forschung – Florian Feigl, Otmar Wagner Aufbau Ost / Graspiloten Schloss Bröllin

 

Die Lebensqualität der Menschen im ländlichen Raum ist oft verbesserungswürdig. Aber was sind machbare Lösungsansätze und nachhaltig wirkende Konzepte? Dies war das Thema der Tagung „Think Rural! - Dynamiken des Wandels in peripheren ländlichen Räumen und ihren Implikationen für die Daseinsvorsorge“, die Ende Oktober in Greifswald stattfand.

Professoren aus unterschiedlichen Disziplinen tauschten sich dabei über die Problematik schrumpfender Bevölkerungszahlen und der verhältnismäßig geringen Infrastruktur im ländlichen Raum sowie die Auswirkungen dieser Situation auf die Daseinsvorsorge aus. Denn im ländlichen Raum herrscht oft eine Situation, die von Abwanderung, Arbeitslosigkeit und einem Rückgang von kulturellen Angeboten geprägt ist. Weitere negative Faktoren sind eine geringe Auslastung von Versorgungseinrichtungen, Finanzknappheit der öffentlichen Kassen und Anpassung an den Klimawandel. Nicht nur Versorgungsengpässe sind das Problem, sondern auch der Verlust sozialer Orte und staatlicher Repräsentations- und Schutzräume. Das bürgerschaftliche Engagement ist deshalb mehr als notwendig.

„Wenn weniger Menschen da sind, brauchen wir ja auch weniger Infrastruktur: Der letzte macht das Licht aus!“ Auf diese Situation reagiert die Politik oftmals mit Ignoranz oder Hilflosigkeit - eine Lücke, die sich rechte Parteien, wie die NPD, zu Nutze macht und als vermeintlicher "Kümmerer" füllt. Rechtsextreme Gruppierungen können in einer solchen Situation leicht Fuß fassen. Das Gefühl vieler Menschen, politisch machtlos zu sein, ebnet dieser rechten Strategie vielerorts den Weg. Aber auch durch offene oder verdeckte Bedrohung üben Rechtsextreme in ganzen Landstrichen Druck aus, worauf sowohl die Bevölkerung als auch die Polizei häufig mit Ignoranz, Hilflosigkeit oder Überforderung reagiert.

Neue Herausforderungen für Bürgerschaftliches Engagement

Dies alles stellt eine große Herausforderung für bürgerschaftliches Engagement und die Zivilgesellschaft dar. Aber sind sich die Bürgerinnen und Bürger dessen überhaupt bewusst? In ländlichen Gebieten mangelt es oft Kommunikationsräume, in denen sich demokratische Strukturen entwickeln können. Daher ist für die Verbesserung der Lebensqualität der Umbau oder Aufbau einer öffentlichen Infrastruktur und der räumliche Ausbau von Infrastrukturleistungen wichtig. Nur, wer ist in der Lage dies umzusetzen? Wie kann neues Engagement gewonnen werden? Wie kann Integration über Kommunikation gelingen, wenn gesicherte Infrastrukturleistungen, Kommunikationsräume und eine kritische Öffentlichkeit fehlen?

Es gilt, neue Entwicklungsmodelle für den ländlichen Raum zu entwickeln! Traditionelle Maßnahmen der Förderpolitik haben bisher nicht gegriffen. Darum muss genauer hingeschaut werden: welche Methoden, Ansätze und gewachsene Strukturen gibt es und gilt es zu unterstützen? Wer sind die örtlichen Akteure? Es sind oft Menschen, die in kleinen Initiativen engagiert sind und solche, die in soziokulturellen, pflegenden und lehrenden Bereichen umfassend aktiv sind.

Stärkung der lokalen Akteure

Deutlich wurde auf der Tagung, dass der Schlüssel zur positiven Entwicklung in der Stärkung und Bildung der lokalen Akteure liegt. Voraussetzung für eine effektive Entwicklung ist dabei die Vernetzung und Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure. Nötig ist auch eine Unterstützung durch Beratung und fachliche Begleitung wie zum Beispiel mit Tandemprojekten, die grundlegende Verbesserung der Ausbildungssituation, Orte und Mittel, um sich zu treffen, funktionierende, vernetzte Strukturen.

Ideal wäre es, wenn ein partnerschaftliches Miteinander zwischen Bürgerschaft und Verwaltung erreicht werden könnte. Eine Voraussetzung dafür wäre, herauszufinden, wie was funktioniert, den Einsatz der vorhandenen Mittel transparent zu machen und gemeinsame Bedarfe zu ermitteln. Das Aufbrechen von gefestigten Strukturen, die aber nicht produktiv sind, wäre dadurch machbarer. Gemeindeübergreifend könnten runde Tische eingerichtet werden, um über ein Verständnis der Verhältnisse, bürgerliche Beteiligung und Einflussnahme zu entwickeln. Dies ist auch wichtig für lokale Entscheidungsträger, denn nur so kann Hilfe zur Selbsthilfe gefördert werden. Gerade im Zuge der Kreisgebietsreform sollte den einzelnen Gemeinden bzw. Amtsbereichen mehr Autonomie gegeben werden, um sich ihren eigenen Bedarfen und Möglichkeiten entsprechend zu entfalten. Empfehlenswert dafür ist die Zusammenarbeit mit regionalen Partnern, mit denen über vertragliche Vereinbarungen Verbindlichkeiten geschaffen werden. Auch ist es nötig, Menschen, die sich beruflich in diesem Flächenland bewegen wollen, gut auf die besonderen Herausforderungen vorzubereiten. Grundsätzlich sind die Bürgerinnen und Bürger zu mehr Beteiligung und Mitwirkung aufgefordert, was auch bedeutet, mit neuen Formen von Selbstverantwortung und Risiken leben zu lernen.

Die Kirche als Akteur könnte stärker in Erscheinung treten -sie kann sozialen Zusammenhalt schaffen, ihre Einrichtungen bieten Orte für Kommunikation. Es stellt sich also die Frage, ob die Kirchen als Kulturhäuser fungieren könnten.

Ländlichen Raum als lebenswerten Ort aufwerten

Ebenfalls nötig ist eine Imageverbesserung des ländlichen Raumes, um das Leben auf dem Land für die dortige Bevölkerung aufzuwerten und Neuansiedlungen zu fördern. Positive Aspekte wie landschaftliche Schönheit, bestehende Freiräume und dort ansässige Vorbilder könnten besser vermarktet werden, wobei keine Idealisierung stattfinden sollte. Viel eher sollten diejenigen, die sich dort ansiedeln möchten, besser über die Situation vor Ort informiert und entsprechend ihrer Profession geschult werden.

Thematisiert wurde auch das Verhältnis Stadt/Land. Welche Interessen haben Stadtbewohnerinnen und -Bewohner am ländlichen Raum, welche die Landbevölkerung an urbanen Zentren? Umweltprobleme und die gute Entwicklung der Natur sind weitere Indikatoren, die den sorgsamen Umgang mit dem Land wichtigmachen.

So problematisch die Situation in vielen ländlichen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern sein mag, mit den bestehenden Freiräumen, engagierten Menschen vor Ort, wissenschaftlichen Erkenntnissen, weltweiten Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten, innovativer Kreativität und praktischer Forschung können Modellprojekte entwickelt werden, die auf andere Regionen übertragbar sind. Individuelle Modelle statt zentraler Versorgung und räumlich differenzierte Infrastrukturanpassungen bieten die Chance, nachfrageorientierte Infrastrukturangebote zu schaffen. Der ländliche Gestaltungsspielraum und die Freiräume auf dem Land bieten ideale Voraussetzungen dafür, neue Organisationsmodelle zu erproben und neue Handlungskonzepte durchzuführen, um Mecklenburg-Vorpommern zur Modellregion mit internationaler Ausstrahlung zu machen.

Ein friedliches Miteinander und die Bewahrung der Natur erfordert mehr Akzeptanz und Toleranz, gute Verteilung von Ressourcen, Austauschmöglichkeiten, Bildung, Wissen und Information!

Von Katharina Husemann, am 8.November 2012

Mehr Infos unter:
www.think-rural.uni-greifswald.de

 

Kontakt

Amadeu Antonio Stiftung
Novalisstraße 12
10115 Berlin
 

info@amadeu-antonio-stiftung.de

Tel.:  ++49 (0)30. 240 886 10
Fax:  ++49 (0)30. 240 886 22

 

Spendenkonto

Amadeu Antonio Stiftung
GLS Bank Bochum
BLZ 430 609 67
Konto 6005 0000 00
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00
BIC: GENODEM1GLS