Bad Nenndorf: Neonazis mit hängenden Köpfen abgezogen

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Bad Nenndorf: Neonazis mit hängenden Köpfen abgezogen

Jahrelanges Ziel der Neonazi-Aufmärsche: das Wincklerbad in Bad Nenndorf. Foto: © Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt"

 

Engagement gegen Rechtsextremismus lohnt sich. Keine Kundgebungen von Neonazis mehr in Bad Nenndorf!

Von Milan Swarowsky

Seit dem Jahr 2006 veranstalten Neonazis im niedersächsischen Kurort Bad Nenndorf regelmäßig Demonstrationen, von ihnen selbst „Trauermärsche“ genannt. Ihr Ziel: das Wincklerbad.

Diese ehemalige Kureinrichtung diente nach dem Zweiten Weltkrieg dem britischen militärischen Geheimdienst als Verhörzentrum. Bis 1947 kam es in dieser Einrichtung zu schweren Übergriffen an Häftlingen. Nachdem dies in Großbritannien bekannt wurde, wurden die Verantwortlichen Militärs vor Gericht gestellt und das Lager noch im gleichen Jahr geschlossen.

Die Nazis glaubten, im Wincklerbad einen Ort von hohem Symbolcharakter gefunden zu haben. In einer Kleinstadt, die mit ihren 10.000 Einwohner_innen keinen nennenswerten Widerstand erwarten ließ, wollten sie eine bundesweite braune Wallfahrtsstätte etablieren. Ihr Ziel: Deutsche Kriegsschuld leugnen, Täter zu Opfern machen und Geschichte umdeuten!

Neonazi-Aufmärsche bis 2030

Ende Juli 2006 fand der erste sogenannte „Trauermarsch“ statt, zu dem rund 100 Rechtsextreme aus dem gesamten Bundesgebiet anreisten. Die Neonazis drohen, solange wiederzukommen, bis ihre Forderungen nach Aufstellen einer Gedenktafel und Umbau des Wincklerbades in ein „Foltermuseum“ erfüllt sind. Ihre Propagandafeiern hatten sie deshalb erst bis zum Jahre 2010, später dann bis 2030 angemeldet. Von sich aus wollten sie also nicht so schnell wieder verschwinden!

Anfangs konnten die Neonazis ihre Teilnehmerzahlen jährlich verdoppeln, bis die Demonstrationen im Jahr 2010 mit ca. 1.000 Rechtsextremen ihren bisherigen Höhepunkt fanden. Doch seitdem sind die Zahlen rückläufig.

Doch schon unmittelbar nach dem bekannt werden  der angekündigten Neonazi Aufmärsche in Bad Nenndorf trafen sich Vertreter_innen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Arbeiterwohlfahrt, der örtlichen Jüdischen Gemeinde, der Parteien, des Jugendzentrums, des Präventionsrates und verschiedene Einzelpersonen, um das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ zu gründen. Durch viel Engagement gelang es dem Bündnis, parallel zum ersten „Trauermarsch“ im Kurpark ein buntes Kulturfest auszurichten. Seit 2009 rufen das Bad Nenndorfer Bündnis und der DGB zu einer gemeinsamen großen Gegendemonstration auf. Weil das Organisieren von Aktionen gegen die Aufmärsche der Neonazis immer vielseitiger wurde, hat sich das Bündnis im Jahr 2011 als Verein zusammengeschlossen. Das Motto des Vereins: Handeln und Diskutieren statt Wegsehen.

Um die Bevölkerung mit ins Boot zu holen findet in Bad Nenndorf jährlich ein internationales Kulturfest statt. Hieran beteiligen sich bereits von Anfang an örtliche und regionale Musiker, Turn-, Theater und Tanzgruppen mit verschiedenen Hintergründen. Und das trotz starkem Gegenwind und Einschüchterungsversuchen:

Denn die Rechtsextremen versuchten von Anfang an zu verhindern, dass sich ein breiter Bürgerprotest gegen ihre Aktivitäten formiert. So verhöhnten sie das Engagement des Bündnisses auf ihrer Internetseite und verunglimpfen einzelne Mitglieder öffentlich. Es gab Drohgebärden regionaler Neonazis gegenüber Bündnismitgliedern bis hin zu Steinwürfen in das Schlafzimmerfenster eines Vorstandsmitglieds von „Bad Nenndorf ist bunt“.

Demokratisches Engagement zeigt Wirkung

Trotzdem kamen im Jahr 2010 zu der Gegendemonstration 1.000 Menschen zusammen um ein Zeichen gegen rechts zu setzen. Aus Sicherheitsgründen durfte die Kundgebung nur bis zwei Stunden vor dem Naziaufmarsch stattfinden. Doch im Anschluss versammelten sich viele der Demonstranten  am Straßenrand des Aufmarsches, um diesen mit Musik und Vuvuzelas zu stören.

Gestärkt durch diese Erfahrungen veranstalteten 2011 mehrere Bürgerinnen und Bürger Privatpartys mit Hunderten von Gästen in Restaurants und Vorgärten an der Route des Nazimarsches. Die jüdische Gemeinde feierte in ihrem Zentrum mit vielen Unterstützern das Sabbatfest. Der Protest entwickelte Stück für Stück den Charakter eines Volksfestes mit ernster Botschaft.

Noch mehr als im Jahr zuvor war 2012 deutlich zu sehen, dass Bad Nenndorf den Nazis keinen Spaß macht. Aber auch ihr eigenes Organisationschaos war unübersehbar, was ihren Frust noch steigerte. In Medienberichten hieß es daher: „Nazis ‚mit hängenden Köpfen abgezogen’“ und „’Marsch der Ehre’ gerät zum Trauerspiel“. Entmutigt von dem starken Gegenprotest nahmen von Jahr zu Jahr weniger Rechtsextreme an ihren Kundgebungen teil – bis im Jahr 2016 gar niemand mehr anreiste.

Denn der zivilgesellschaftliche Widerstand gegen die Nazis steht heute stabil in Bad Nenndorf und findet überregionale Unterstützung. Wie im letzten Jahr auch, plant das Bündnis ein kleines Fest zu veranstalten, damit die Neonazis nie wieder auf die Idee kommen, ihren Marsch in Bad Nenndorf abzuhalten. Geplant ist ein Kulturfest mit Musik und Reden von Bürger_innen und Politiker_innen.

Dass solch ein Fest trotz des Erfolgs gegen die „Trauermärsche“ nötig ist, zeigen neuerliche rechtsextreme Aktionen in dem Ort. In den letzten Wochen wurden das Flüchtlingsheim und Gebäude der jüdischen Gemeinde mit Hakenkreuzen beschmiert. Die Polizei wurde leider nicht aktiv, weshalb Mitglieder des Bündnisses nun nachts die Gebäude bewachen um die Täter ausfindig zu machen und der Polizei zu melden.

 

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