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Lesung

Lith Bahlmann, Dotschy Reinhardt

9841 - Gelungenes Gedenken


Am Donnerstag den 15. Juli ging das Begeleitprogramm zum temporären Denkmal für Johann „Rukeli“ Trollmann zu Ende. Im Juni und Juli fanden mehrere Vorträge, Lesungen und Präsentationen statt, die den Genozid an Sinti und Roma im Nationalsozialismus thematisierten. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützte dieses Projekt.

„Ich bin Sinteza. Eine Frau aus dem Volk der Sinti. Eine Ravensburgerin. Im Moment eine Berlinerin.“ (Dotschy Reinhardt)

Heimat und Identifikation, Diskriminierung und die Traditionen ihres Volkes sind Themen mit denen sich die Autorin und Musikerin Dotschy Reinhardt in ihrer Familiensaga „Gypsy - Die Geschichte einer großen Sinti Familie“ beschäftigt. Sie räumt in ihrem Buch mit immer noch vorherrschenden Vorurteilen gegenüber Sinti und Roma auf, mit denen sie sich selbst seit ihrer Kindheit konfrontiert sah. Gleichzeitig schafft sie es die Geschichte ihres Volkes anschaulich darzustellen und über die Verfolgung und Diskriminierung der Sinti und Roma aufzuklären. Die ergreifende Lesung von Dotschy Reinhardt aus ihrem Buch war die Finissage der Veranstaltungsreihe zum temporären Denkmal für Johann „Rukeli“ Trollmann.

 
Denkmal

Die Skulptur 9841

Bereits am 9. Juni wurde das Denkmal 9841 eingeweiht. Mit der außergewöhnlichen Skulptur wurde der sinto-deutscher Boxer Johann Trollmann geehrt, der wie über eine halbe Million Sinti und Roma Opfer des NS-Regimes wurde. Dabei steht Tollmanns Geschichte und das ihm gewidmete Denkmal nur stellvertretend für die schreckliche Verfolgung seines Volkes. Das Berlin-Dresdner Künstlerkollektiv Bewegung NURR entwickelte das Konzept der Installation in Zusammenarbeit mit Florian Göpfert. Seitdem stand der schräg in die Erde eingelassene Boxring aus Beton im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg. „Die schräge Ebene des Boxrings garantiert keinen Halt mehr, so, wie die brutale Diffamierung „nicht-arischer“ Menschen zu Beginn des Dritten Reiches Trollmann sukzessiv in den Abgrund von Rechtlosigkeit und Verfolgung zog“, so die Organisatorinnen. Ein Denkmal, das nicht nur zum Betrachten, sondern auch zum Begehen und Nutzen aufruft, wie die Kuratorinnen es bei der Einweihungsfeier beschrieben.

Erinnerung an die Verfolgung

Bei der Eröffnungsfeier mahnte Dr. Silvio Peritore vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma zur Zeit der Nationalsozialisten nicht zu vergessen. Er hob hervor, dass diese die Identität nachhaltig geprägt habe: „Selbst sogennante ‚1/8- Zigeuner’ wurden noch vergast“. Gleichzeitig wies Peritore auf die Absurdität der zurzeit vermehrt stattfindenden Abschiebungen von Sinti und Roma aus Deutschland hin. Dabei handle es sich vor allem um Menschen, die in den 90er Jahre aufgrund der Kriege am Balkan und politischer Verfolgung in südosteuropäischen Ländern zugewandert seien. Diese Abschiebungen bezeichnete er als unglaublich wobei das Publikum ihm mit starkem Applaus zustimmte. Auch die Verzögerung der Einweihung des Denkmals zur Erinnerung an den Porajmos, also den Holocaust an Sinit und Roma, sei ein weiteres Zeichen für den unsensiblen Umgang mit der Geschichte.

Mit Vorurteilen aufräumen

Dieser Kritik schloss sich auch Petra Rosenberg, die Vorsitzende des Landesverbandes der deutschen Roma und Sinti in Berlin und Brandenburg an. In ihrer Ansprache machte sie deutlich mit welchen Vorurteilen Sinti und Roma auch heute zu kämpfen haben. Als ein Beispiel nannte sie die Bezeichnung der Sinti und Roma als „Fahrendes Volk“. In der Geschichte wechselten diese nicht wegen irgendwelcher ethnisch inhärenter Neigungen öfter ihren Wohnort, sondern in erster Linie wegen Diskriminierung und Verfolgung. Zudem hätten 99% der deutschen Roma und Sinti einen festen Wortsitz.

Die Einweihung des Denkmals war nur der Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen, die im Juni und Juli stattfanden. Dabei gelang es den Organisatorinnen ein facettenreiches Programm mit Lesungen, Podiumsdiskussionen und Filmvorführungen zu bieten. „Vor allem war es wichtig, keine Veranstaltung bzw. ein Projekt ‚über’ Sinti und Roma zu machen, sondern mit Ihnen zusammen in die Thematik einzutauchen“, erklärte Simon Marschke einer der Kuratoren. Einer der Höhepunkte war die Stolpersteinverlegung für Johann Trollmann in der Nähe des Viktoriaparks. Nun erinnert ein ständiges Denkmal an Trollmann, auch über die Zeit der temporären Skulptur 9841 hinaus.

Von Laura Frey
 

"Undeutsch" boxen
 

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