Antisemitismus, Muslime und Einwanderungspolitik. Diese drei Begriffe sind umstritten und rufen Vorurteile und Abwehr hervor. In Verbindung betrachtet, eröffnet sich ein noch komplexeres Feld. Das diskutierten am 4. März Anetta Kahane, Eberhard Seidel und Michel Friedman auf der Tagung „Antisemitismus in muslimisch geprägten Milieus“.
„Es geht um drei Dinge: Antisemitismus, Muslime und Einwanderungsgesellschaft. Alle drei sind sehr belastet und/oder umstritten“, sagte Anetta Kahane auf der Tagung „Antisemitismus in muslimisch geprägten Milieus“. Am 4. März lud das Niedersächsische Innenministerium zur Tagung ein. Es diskutierten u. a. Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Eberhard Seidel Geschäftsführer der Initiative „Schule mit Courage – Schule ohne Rassismus“ und Michel Friedman, früherer Vizepräsident des Zentralrats der Juden, und Claudia Dantschke, Arabistin. Mit ihren Beiträgen bereiteten sie die Workshops für den Nachmittag vor, in denen pädagogische Konzepte analysiert und diskutiert wurden. Neben den Fachreferenten kamen dabei auch muslimische Jugendliche zu Wort, die aus ihrem Alltag berichteten.
Antisemitische Anfeindungen
Immer wieder berichten Lehrerinnen und Sozialpädagogen von offenen antisemitischen Anfeindungen unter muslimisch geprägten Schülerinnen und Schülern. „Die Funktion des Antisemitismus ist die Abwehr der Moderne mit Individualität, Eigenverantwortung, räumlicher und intellektueller Flexibilität, horizontaler Vernetzung, Kosmopolitismus, erworbener und nicht ererbter Leistung.“, sagte Kahane. In der Angst vor der Moderne findet sich das gemeinschaftliche Ventil Antisemitismus. „Denn als Träger der Moderne gilt der ‚gottlose Jude’“, schrieb Dantschke in ihrem Beitrag zur Publikation der Amadeu Antonio Stiftung „‚Die Juden sind schuld’ Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus“. „Der Antisemitismus heute bedient sich der antiisraelischen Projektion“, so Kahane.
Gegen den Generalverdacht
Laut der Studie „Integration und Integrationsbarrieren von Muslimen in Deutschland“ des Bundesinnenministeriums definieren 14 Prozent aller Muslime in Deutschland ihre Gemeinschaftsidentität politisch-ideologisch und sympathisieren mit islamistischen Gesellschaftsvisionen. Israel, diffamiert als „zionistisches Gebilde“, spielt dabei eine wichtige Rolle. Natürlich bildet die Kollektivbezeichnung Muslime die Realität nur unzureichend ab. Es gibt unterschiedliche Gemeinschaftsidentitäten mit Hang zum Antisemitismus in muslimisch sozialisierten Milieus, die in ihrer Absolutheit sicher nur auf einen Teil der 3,4 Millionen Muslime in Deutschland zutreffen. Hinzu kommt, dass Einwanderer noch immer stark benachteiligt sind. Die Gesellschaft tut sich schwer sie im Grundsatz als Deutsche zu akzeptieren und daher sind die Diskriminierungen noch weit häufiger als in anderen Ländern, deren Identitäten nicht mehr so drastisch von Ethnizität geprägt ist wie in Deutschland. Obendrein sind die Einstellungen und Debatten der Mehrheitsgesellschaft nicht einfach im luftleeren Raum. „Das Phänomen der Schuldabwehr hat sich verändert, ist aber präsent. Das gilt auch für andere europäische Staaten“, so Kahane. „Das Ignorieren des Problems ist falsch, das Beschönigen ebenso“.
Ansätze für die Praxis
Analysen von Projektionen und Symptomen, Problembeschreibungen und Forderungen müssen sehr genau sein. Je komplexer das Problem, desto vielschichtiger müssen die Lösungsansätze sein. Historisch-politische Bildungsarbeit ist unerlässlich, genauso wie pädagogische Interventionen. Und natürlich müssen sich dazu die Integrationsbemühungen und Einwanderungspolitik in Deutschland ändern. „Es ist der Lackmustest für die Integrationsbestrebungen in Deutschland“, so Kahane. Das Heft „Die Juden sind schuld“ trägt Erfahrungen in Analyse und Praxis im Umgang mit Antisemitismus in muslimisch geprägten Milieus zusammen. Dabei spielt die genaue Wahrnehmung des Problems eine ebenso große Rolle wie die verschiedenen Modelle für die Praxis.
Von Nora Winter