Amadeu Antonio Stiftung Startseite / Aktuelles / Archiv / August 2007 / Anetta Kahane über den rassistischen Übergriff in Mügeln / "Aufgeben kommt nicht in Frage" - Anetta Kahane im Interview mit sueddeutsche.de

"Aufgeben kommt nicht in Frage"



Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, über deprimierende Ereignisse wie jenes in Mügeln, vorherrschende DDR-Denkmuster im Osten - und den aufreibenden Wettlauf gegen den Rechtsextremismus.

sueddeutsche.de: Auch 17 Jahre nach dem Mord an Amadeu Antonio Kiowa, eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung, kommt es vor allem im Osten Deutschlands immer wieder zu Übergriffen auf Ausländer. Warum lässt sich das Problem nicht lösen?

Anetta Kahane: Zunächst einmal will ich betonen, dass diese Übergriffe sowohl im Osten als auch im Westen passieren. Das rechtsextreme Potenzial ist im Westen genauso vorhanden. Im Osten ist es aber im Verhältnis nun mal sehr viel wahrscheinlicher, Opfer eines Angriffs zu werden.

Auch wenn ich am Telefon und per E-Mail dafür beschimpft werde: Im Osten existiert immer noch ein Denkmuster, das in der DDR antrainiert wurde und das den Menschen sagen soll: ‚Der andere ist immer schuld’. Es gab und gibt diese Projektion nach außen.

sueddeutsche.de: Das Problem der Verantwortung wird also nicht thematisiert?

Kahane: Eigenverantwortung, Individualität und die Auseinandersetzung mit dem Fremden, all das ist unterentwickelt. Es herrscht eine richtige Kleinstadtmentalität - auf eine ganze Gesellschaft hochgerechnet.

sueddeutsche.de: Seit der Gewalttat gegen Amadeu Antonio Kiowa im Jahr 1990 scheint wenig passiert zu sein.

Kahane: Das stimmt nicht. Vor allem in Sachsen, auch in der Gegend um Mügeln, gibt es viele Leute, die mit unserer Stiftung zusammenarbeiten und die sehr aktiv, sehr engagiert und auch sehr erfolgreich sind. Aber Erfolg heißt ja nicht, dass man immer gleich obsiegt. Die rechtsextremen Kräfte, mit denen wir es zu tun haben, sind immer noch viel stärker als wir. Wenn wir es also schaffen, dass es nicht noch schlimmer wird, dann haben wir schon viel erreicht. Wir brauchen aber nach wie vor mehr Leute, die sich engagieren.

sueddeutsche.de: Sie haben also das Gefühl, etwas bewegt zu haben? Auch wenn wieder Bilder wie am Wochenende aus Mügeln im Fernsehen laufen?

Kahane: Das kommt auf meine Tagesform an. Es gibt Auf und Abs. Manchmal ist das Glas halbleer, manchmal halbvoll. Wenn ich an erfolgreiche Engagements in manchen ostdeutschen Städten denke, kann ich mir keinen tolleren Job vorstellen. Andererseits: Wenn etwas passiert wie jetzt in Mügeln - aber auch jenseits von Fernsehkameras - sind das tief deprimierende Momente, in denen die Mundwinkel bis zum Fußboden hängen.

sueddeutsche.de: Vermissen Sie in Ihrer Arbeit die Unterstützung vom Staat?

Kahane: Das Problem ist, dass aufgrund der verschiedenen Zuständigkeiten der Ministerien und zahlreichen bürokratischen Hürden die Hilfe nicht da ankommt, wo sie gebraucht wird. Doch mit dem Ruf nach Hilfe vom Staat ist es nicht getan. Wir sind die Bürger. Wer hindert uns denn daran, selbst was zu unternehmen?

sueddeutsche.de: Also der viel beschworene Aufstand der Anständigen?

Kahane: Genau. Die Gesellschaft muss sich selbst verantwortlich fühlen. Die Beteiligung der Bürger an der Lösung des Problems mit dem Rechtsextremismus kann sich nicht allein darauf beschränken, dass sie lautstark fordern, der Staat solle was machen. Wenn sich der Bürger beteiligen will, kann er zumindest spenden.

sueddeutsche.de: Erreichen Sie mit Ihrer Arbeit auch jene, deren Sichtweise sie ändern wollen?

Kahane: Um sie geht es primär gar nicht. Es wär schon toll, wenn uns jene Teile der Gesellschaft zuhören würden, die uns gedanklich nahe stehen. Ich rede doch hier nicht mit Ihnen, damit mir die Neonazis zuhören. Unser Ziel kann nicht sein, Kranke zu heilen. Unsere Aufgabe sehe ich eher darin, Ärzte auszubilden. Um die Neonazis soll sich die Polizei kümmern.

sueddeutsche.de: Glauben Sie, dass die Bündnisse gegen Rechts den Kampf gewinnen können?

Kahane: Es gibt keine Alternative. Aufgeben kommt nicht in Frage, auch wenn wir nicht sehr stark sind. Aber wir müssen uns beeilen. Wir sind in einem Wettlauf, denn die Nazis dringen allmählich in gesellschaftliche Sphären ein, die wir früher für undenkbar gehalten hätten.


Das Interview führte Gökalp Babayigit.

Lesen Sie hier den Originaltext auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung>mehr

 

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