Die "Bürgerinitiative Demokratie anstiften" macht sich für mehr Demokratie in Reinhardtsdorf-Schöna stark - hier bei einer Infoveranstaltung über die NPD im Sächsischen Landtag (Foto: BI Demokratie anstiften).
In Reinhardtsdorf-Schöna engagiert sich die "Bürgerinitiative Demokratie anstiften" gegen rechtsextreme Einstellungen. Gar nicht so einfach, ist der Ort doch bekannt für seine hohe NPD-Anhängerschaft. Umso wichtiger, dass die Initiative für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie nominiert wurde. Anetta Kahane, Jurymitglied und Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, erzählt uns mehr über die Engagierten aus der Sächsischen Schweiz.
Die Arbeit der Bürgerinitiative "Demokratie anstiften" und ihrer Vorsitzenden Bianca Richter ist ausgezeichnet. 2008 lobte das "Bündnis für Demokratie und Toleranz" die Initiative, 2009 erhielt sie den "Gustav-Heinemann-Preis". Aus ihrem Heimatort kennt die 31-jährige Psychologin allerdings andere Reaktionen auf ihre Arbeit. In der sächsischen Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna konnte die NPD bei der Kommunalwahl 2004 das Rekordergebnis von 25 Prozent verbuchen. Auch bei der Bundestagswahl 2009 wählten stattliche 12,9 Prozent die NPD. In dem 1.500-Einwohner-Ort werden oft weniger die Neonazis ausgegrenzt als die Menschen, die sich für Demokratie engagieren.
"Ich erlebe eine Gemeinde voller Ignoranz und Schweigen", sagt Bianca Richter – und dass sie immer noch keine Antwort auf die Frage habe, die ihr so viele Journalisten, Politiker, Kirchenvertreter und Zugereiste stellen: Warum wählen bei Ihnen so viele NPD? "Doch auch wenn mich manchmal Resignation beschleicht, ist unsere Bilanz nicht schlecht: Wir haben einen neuen Bürgermeister, der Demokratie lebt und Rechtsextremismus als Problem erkennt, wir haben viel ehrenamtliches Engagement in der Bürgerinitiative, bieten pro Monat eine aufklärende Veranstaltung an und haben die Zahl der Wählerstimmen für die NPD zumindest schon um 100 Stimmen reduzieren können." Außerdem konnte 2009 eine Vertreterin der Initiative in den Gemeinderat einziehen.
Die Arbeit begann 2004, als Bianca Richter und ihr Bruder mit einer Flugblattaktion versuchten, neue NPD-Rekordergebnisse in Reinhardtsdorf-Schöna zu verhindern. Die Folge: mehr Anfeindungen als erwartet, aber auch Unterstützung. Die NPD hat Mitglieder, die im Dorfverband anerkannt sind. Spätestens dann werden Skandalisierungen schwer, wenn jeder mit jedem persönliche Beziehungen pflegt.
Die Mitglieder der Bürgerinitiative "Demokratie anstiften" setzen sich gegen viele Widerstände für mehr Demokratie im Ort ein. Sie sind Demokraten im besten Sinne. Die Initiative versucht, der Situation mit Belebungen des Ortes zu begegnen: Sie stellen positive Heimat-Bezüge durch ein Bilderrätsel in der Lokalzeitung her, setzen neue Impulse für den Tourismus und unterstützen neue Formen der Mitbestimmung für die Gemeinde. Es sind Aktionen, um den Phrasen der Neonazis entgegen zu treten und um ihre Mitmenschen mehr für Demokratie zu begeistern. Ein großer Erfolg der Initiative: Ein NPD-Bürgermeister wurde verhindert, indem ein parteiunabhängiger Kandidat motiviert wurde. Gastwirt Olaf Ehrlich gewann die Bürgermeisterwahl 2006. Bianca Richter resümiert: "Die Stimmung hat sich geändert. Die Neonazis haben sich mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Das hat allerdings für unsere Arbeit auch den Nachteil, dass sie für den Rest der Dorfbevölkerung weniger wahrnehmbar, aber immer noch existent sind."
Anetta Kahane
Der Beitrag erschien erstmals am 3.11.2009 in der Sächsischen Zeitung.
Mehr Informationen über den Sächsischen Förderpreis für Demokratie unter:
www.demokratiepreis-sachsen.de