Ben Becker in "Ein ganz gewöhnlicher Jude", Foto: ndr, c
Welche Filme eignen sich, um in der Bildungsarbeit Wissen über jüdisches Leben in Deutschland zu vermitteln? Was für ein Wissen vermitteln sie? Das fragt sich eine Veranstaltungsreihe der Amadeu Antonio Stiftung, die am 25. Mai mit Oliver Hirschbiegels „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ zu Ende geht.
„Juden werden bei diesem Film von einem Aha-Erlebnis zum nächsten gleiten, Nichtjuden die Empfindungen heute in Deutschland (oder Österreich) lebender Juden vielleicht etwas besser verstehen“, beschreibt Alexia Weiß den 2005 erschienen Film „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ im „Nu – Jüdisches Magazin für Politik und Kultur“. Die Jüdische Allgemeine bescheinigte dem Regisseur Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) hingegen, mit dem Stoff überfordert gewesen zu sein, ein Klischee jage das nächste. Hendryk M. Broder kritisierte im Spiegel, es werde ein Jude gezeigt „wie der Philosemit ihn liebt“.
„Kitsch“ oder „beklemmend zutreffender Befund“?
Ben Becker spielt in der Verfilmung des gleichnamigen Buches von Charles Lewinsky den jüdischen Journalisten Emanuel Goldfarb, der von einem Gymnasiallehrer in den Unterricht eingeladen wird. Das Einladungsschreiben an die jüdische Gemeinde, in dem von „jüdischen Mitbürgern“ die Rede ist und das mit einem „friedlichen Shalom“ endet, erzürnt Goldfarb jedoch derart, dass er nicht einmal mehr in der Lage ist, eine Absage zu schreiben. Stattdessen spricht er sich die Entgegnung in ein Diktiergerät vor und lässt so das Publikum an einem fast 90-minütigem Monolog über jüdische Identität in Deutschland teilhaben. „Es ist nun mal so, dass die Leute auf meinen Familienfotos auf ganz andere Weise tot sind als die Leute auf Ihren“ beschreibt der nach 1945 geborene Goldfarb sein Verhältnis zur nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft. Ob er die Schulklasse nicht doch im Unterricht besuchen wird, bleibt bis zum Ende offen.
Umgang mit dem Film für MultiplikatorInnen
Ob und inwiefern „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ für den Unterricht oder die Bildungsarbeit genutzt werden kann, soll im Anschluss an die Filmvorführung in den Räumlichkeiten des American Jewish Committee in Berlin, Leipziger Platz 15, diskutiert werden. Begleitet wird die Filmreihe, die in Kooperation mit dem Leo Baeck Institut, dem Anne Frank Haus und dem American Jewish Committee stattfindet, von einer Publikation der Amadeu Antonio Stiftung: In „Sehen. Deuten. Handeln“ werden verschiedene Spiel-, Dokumentar- und Projektfilme vorgestellt, die jüdisches Leben in Deutschland heute thematisieren. Zu jedem Film bietet die Broschüre Arbeitsblätter, die helfen sollen, die Filme im Unterricht oder anderen Bildungszusammenhängen zu verwenden.
„Ein ganz gewöhnlicher Jude“ am 25.05.2010 um 17:30 Uhr im Berliner American Jewish Committee Office, Leipziger Platz 15.
Die Broschüre „Sehen. Deuten. Handeln. Projektfilme, Dokumentar- und Spielfilme für den Unterricht zum Thema jüdisches Leben in Deutschland heute“ kann hier heruntergeladen werden.
Von Daniel Poensgen