v. l. n. r. Dr. Heike Radvan, Ise Bosch, Prof. Dr. Heather Cameron

Gender mitdenken


Am 30. Juni wurde in der Amadeu Antonio Stiftung feierlich die neue Fachstelle „Gender und Rechtsextremismusprävention“ eingeweiht. Mit der Fachstelle will die Stiftung geschlechterreflektierte Projekte initiieren und so ein bisher wenig beachtetes Thema in den Fokus der Öffentlichkeit rücken.


„Ich freue mich, dass so viele gekommen sind, um heute hier mit uns die Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ zu eröffnen“, sagte Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, zu den zahlreichen Gästen, die gekommen waren um die Eröffnung der neuen Fachstelle zu feiern. Gender und Rechtsextremismus seien zwei Themenfelder, die viele Menschen nicht zusammendenken würden, auch ihr sei der Zusammenhang und dessen Wichtigkeit erst spät bewusst geworden, gab Kahane zu. „Aber dann habe ich überlegt, was ist eigentlich das Gegenteil von Rechtsextremismus? Es ist Gerechtigkeit – und dazu gehört auch Geschlechtergerechtigkeit.“, so Kahane. „Wie kann man für Demokratie und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe sein, wenn man die Geschlechtergerechtigkeit nicht berücksichtigt?“

„Boxgirls“ – Geschlechterklischees durchbrechen

Damit übergab sie das Wort an Prof. Dr. Heather Cameron, Juniorprofessorin für Integrationspädagogik an der FU Berlin und Gründerin von „Boxgirls International“. Mit „Boxgirls“ setzt sich Cameron für die Stärkung von jungen Mädchen und Frauen ein – durch den Sport Boxen. „Durch das Boxen werden die Mädchen nicht nur körperlich stärker, sie bekommen auch ein größeres Selbstwertgefühl und lernen ihre mentalen Stärken kennen. Außerdem hilft ‚Boxgirls’ dabei stereotype Geschlechterklischees zu hinterfragen und zu durchbrechen“, berichtete Cameron. Mit einem Film stellte sie ihr Projekt „Sicher im Kiez“ für Berliner Schülerinnen und Schüler vor, bei dem es vor allem um Gewaltprävention geht. „Wir wollen, dass die Kinder Verantwortung für ihren Kiez übernehmen. Antirassismus, eine bunte Gesellschaft und gesellschaftliche Teilhabe sind unsere Leitlinien“, so Heather Cameron. Eine zukünftige Kooperation mit der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ könne sie sich gut vorstellen, so Cameron. „Aber nicht nur als Gründerin von Boxgirls, sondern auch als Professorin begrüße ich diese Fachstelle sehr! Denn bisher gibt es nicht sehr viele Schnittstellen in dem Bereich zwischen Wissenschaft und Praxis.“

Genderthemen in den Mainstream

Auch Ise Bosch, Geschäftsfüherin der Dreilinden gGmbH, zeigte sich sehr erfreut über die Eröffnung der Fachstelle, für die sie die Förderung übernommen hat. „Dreilinden hat damals schon den Anstoß für das Stiftungsprojekt ‚Lola für Lulu. Frauen für Demokratie im Landkreis Ludwigslust’ gegeben und ich bin stolz, wie weit wir mit ‚Lola’ gekommen sind. Damals war ‚Lola’ einzigartig, jetzt gibt es mehr Projekte in der Art und das ist auch gut so – wir wollen ja schließlich nicht die einzigen bleiben – ganz im Gegenteil.“ Die Dreilinden gGmbH hat es sich zur Aufgabe gemacht Menschenrechte und Demokratie zu stärken und Genderthemen in den Mainstream zu bringen. „Wir sehen die neue Fachstelle als eine ideale Plattform, um das bisherige Nischenthema ‚Gender und Rechtsextremismusprävention’ zu einem selbstverständlichen Thema zu machen. Dreilinden wird die Fachstelle dabei unterstützen den Austausch zwischen Theorie und Praxis herzustellen und die Vernetzung vorantreiben“, so Bosch.

„Einstiegsprozesse von Mädchen und Jungen sind durchaus durch die Kategorie Geschlecht strukturiert“

Schließlich war es an Dr. Heike Radvan, der Leiterin der neuen Fachstelle, ihre zukünftige Arbeit vorzustellen. Dazu fragte sie einleitend – mit einem Augenzwinkern: „Warum überhaupt diese Fachsstelle mit solch einem komplizierten Namen?“ Die Relevanz einer genderreflektierten Rechtsextremismusprävention sei bisher aus dem Blick geraten, obwohl Geschlechterrollen gerade in der rechtsextremen Szene eine große Rolle spielen, so Radvan. „Einstiegsprozesse von Mädchen und Jungen sind durchaus durch die Kategorie Geschlecht strukturiert.“, erklärte Radvan, „Mädchen können sich innerhalb eines rassistischen Weltbildes als deutsche Frau gegenüber Frauen aufwerten, die anders konstruiert werden oder Wertschätzung durch Muttersein erhalten. Für Jungen können traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit eine Aufwertung gegenüber Frauen implizieren und Dominanzverhalten kann zu Gewaltverherrlichung führen. Habe ich als Pädagogin diese Aspekte im Blick, kann ich sie gegebenenfalls nutzen, um rechte Jugendliche in ihrer Orientierung zu hinterfragen und zu irritieren.“

Geschlechterreflektierende Pädagogik

Weil Rechtsextremismus fälschlicherweise immer noch hauptsächlich als männliches Problem wahrgenommen wird, soll ein Förderschwerpunkt der Fachstelle die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen sein. Weiterer Schwerpunkt wird die Weiterbildung und von Pädagoginnen und Pädagogen sein. „Erfahrungen aus der Mädchenarbeit und der antisexistischen Jungenarbeit sollten aufgegriffen und zusammengedacht werden mit Erfahrungen aus der Rechtsextremismusprävention. Um geschlechterreflektierend arbeiten zu können, bedarf es einer längerfristigen und praxisbegleitenden Auseinandersetzung“, sagte Radvan. Die bisherige geschlechtsspezifische Arbeit mit Jungen basiere noch zu oft auf traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit. „Werden zum Beispiel Boxcamps für Jungs angeboten, damit diese sich körperlich betätigen können und durch den Sport einen Ausstieg aus der rechten Szene finden, ohne dass dabei traditionelle Muster von Männlichkeit und körperlicher Dominanz kritisch hinterfragt werden, bildet man mit diesen Trainings schlimmstenfalls zukünftige Schläger aus“, warnte Radvan.

Ausklang des Abends war ein kleines Konzert von Alina und Asrien. Die 14- und die 15-Jährige haben mit Hilfe der Kreuzberger Musikalischen Aktion das Lied „Discover Football“ aufgenommen, Themesong des Internationalen Frauenfußballfestivals in Kreuzberg. Singend und tanzend ging der Abend zu Ende, einige Gäste blieben noch zum anschließenden Public Viewing des Spiels „Deutschland - Nigeria“ der Frauenfußball-WM. Passender hätte die Eröffnung der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismusprävention“ nicht ausgehen können. Heike Radvan zeigte sich zufrieden: „Es war ein schöner Abend – jetzt freue ich mich die künftigen Projekte.“

Von Janna Fießelmann
 

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