Auf dem Salon "Human Rights" diskutierte André Koch (Mitte) mit Claudia Lohrenscheit (links) und Helga Thomé (rechts) über die Umsetzung von Kinderrechten. (Foto: J.S.)
Der Salon "Human Rights – Kinder haben Rechte" der Amadeu Antonio Stiftung am 7. Juli hatte zwei Themenschwerpunkte: Kunst und Politik. Wie beides zusammenkommt und wie die Kinderrechte praktisch umgesetzt werden können, darüber diskutierte André Koch mit Expertinnen aus der Menschenrechtsarbeit.
Zu Beginn des Salons kam die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, Kunst und Politik zu vereinen. Ida Schildhauer vom Kreis der Freunde und Förderer der Amadeu Antonio Stiftung gab eine positive Antwort, indem sie einige Exponate des Projekts "Human Writes" der Forsythe Company präsentierte, die der Stiftung sechs Arbeiten zur Verfügung gestellt hat.
Die Entstehung der Kunstwerke erwies sich alles andere als einfach. Die Künstler sollten unter den denkbar schwierigsten Bedingungen jeweils einen Artikel aus der "Declaration of Human Rights" zu Papier bringen: Die weißen Papierbögen lagen auf den Tischen, doch die Künstler konnten nicht einfach so loslegen, wie sie es üblicherweise gewohnt sind. Manche von ihnen waren im Raum angebunden, wieder andere mussten sich Kreide und Kohle in den Mund oder zwischen die Zehen klemmen. Genau wie in der realen Welt sollte die Realisierung der Menschenrechte in diesem Kunstprojekt so schwer wie möglich sein. Die Aussage: Die Menschenrechte in die Tat umzusetzen ist alles andere als einfach!
Im Anschluss an die Präsentation der Exponate diskutierten Helga Thomé (Praxisbegleitung des Projekts "Kinderrechte in der Kommune" der Amadeu Antonio Stiftung) und Dr. Claudia Lohrenscheit (Deutsches Institut für Menschenrechte) mit André Koch (Amadeu Antonio Stiftung) über Theorie und Praxis der Kinderrechte. "Wenn man Kinder auf das Thema anspricht, fragen viele als erstes, warum es denn überhaupt Kinderrechte gebe", so Claudia Lohrenscheit. Kinder seien doch auch Menschen - wie unterscheiden sich also die Kinderrechte von den allgemeinen Menschenrechten? Lohrenscheit zufolge hätten die Kinder damit genau den Kern der Sache getroffen: Es lässt sich nämlich vieles aus der allgemeinen Menschenrechtskonvention ableiten, aber nicht alles ist selbstverständlich. So zum Beispiel der Name und die Geburtsurkunde. Auf beides hat jedes Kind einen Anspruch – zumindest theoretisch.
Das Übereinkommen über die Rechte des Kindes, kurz UN-Kinderrechtskonvention genannt, wurde im November 1989 von der UN-Generalversammlung angenommen und trat im September 1990 in Kraft. Beim Weltkindergipfel im gleichen Jahr verpflichteten sich Regierungsvertreter von Ländern aus der ganzen Welt zur Anerkennung der Konvention. Die Kinderrechtskonvention hat die größte Akzeptanz aller UN-Konventionen. Mit Ausnahme von zwei Staaten (USA und Somalia) haben weltweit alle Länder dieser Erde die Kinderrechtskonvention ratifiziert. Die Konvention definiert Kinder als Menschen, die das 18. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen haben. Sie legt wesentliche Standards zum Schutz der Kinder weltweit fest und stellt die Wichtigkeit von deren Wert und Wohlbefinden heraus. Die vier elementaren Grundsätze, auf denen die Konvention beruht, beinhalten das Überleben und die freie Entwicklung von Kindern, die Wahrung ihrer Interessen, die Nichtdiskriminierung sowie die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben.
Aber wie wie sieht es damit in der Praxis aus? Helga Thomé berichtete von ihren Erfahrungen mit dem Projekt "Kinderrechte in der Kommune", das an einer Regel- und einer Förderschule in Brandenburg durchgeführt wurde. Als die Schülerinnen und Schüler mit der Frage konfrontiert wurden, welche Rechte sie für sich in Anspruch nehmen möchten, so erwähnten viele sofort das Recht auf Mitbestimmung. Die Kinder wollen nicht einfach auf einem Spielplatz spielen, der von Erwachsenen angelegt wurde. Sie wollen selbst entscheiden, wo sie spielen dürfen, wollen selbst entscheiden, welche Farbe die Wand bekommt oder neben wem sie im Klassenzimmer sitzen dürfen. Die Kinder beziehen diese Frage ganz konkret auf ihr Alltagsleben; sie möchten ihr Leben aktiv mitgestalten. Zudem war es auffällig vielen Kindern wichtig, dass Erwachsene ihre Privatsphäre achten. Während der Arbeit mit den Kindern, so Helga Thomé, kam die Frage auf, bis wohin die Eltern in das Leben der Kinder eingreifen dürfen. Viele Schülerinnen und Schüler richten sich beispielsweise vehement gegen eine ständige Kontrolle ihrer Handys durch die Eltern. Positiv überrascht war Thomé vor allem darüber, dass die Kinder während des Projektes viel mehr Eigeninitiative zeigten als im normalen Unterricht.
Weniger schön waren die Erfahrungen mit den Lehrkräften. "Kinderrechte lehre ich ab der zweiten Klasse, in der ersten müssen die Kinder erst einmal lernen, still zu sitzen", lautete der vernichtende Kommentar einer Lehrerin aus Brandenburg, als sie gefragt wurde, ob sie nicht gerne einmal das Fach "Kinderrechte" an ihrer Schule lehren würde. Viele Lehrer wissen nicht, wie sie mit dem Thema umgehen sollen. "Die haben tatsächlich Angst, dass die Kinder ihnen am Ende auf der Nase herumtanzen, wenn sie sich erst einmal intensiver mit ihren eigenen Rechten auseinandergesetzt haben", stellte Claudia Lohrenscheit fest.
Als die Kinder erfuhren, wie wenig die meisten Erwachsenen über das Thema Kinderrechte wissen, wollten sie dagegen etwas unternehmen. Sie backten Glückskekse, die jeweils ein Kinderrecht enthalten, drehten einen Film und nahmen sogar einen selbst getexteten Kinderrechte-Song auf. Wichtig war den Projektleitern, dass die Kinderrechte nicht einfach als ein Pflichtthema unter vielen theoretisch abgehandelt werden, wie es häufig im regulären Unterricht geschieht. Das interaktive Element sowie Eigeninitiative und Beteiligung aller stehen beim Kinderrechte-Projekt im Vordergrund. Die Erfahrung, dass sie selbst etwas erreichen können, wenn sie sich für ihre Rechte einsetzen, wird die Kinder viel stärker prägen als eine theoretische Schulstunde.
"Was aber haben nun Kinderrechte mit Demokratie und mit Arbeit gegen Rechtsextremismus zu tun?" wollte André Koch zum Schluss wissen, denn immerhin liege der Fokus der Amadeu Antonio Stiftung auf diesen Themen. Claudia Lohrenscheit betonte, dass es darum gehe, Kinder für eine demokratische Gesellschaft fit zu machen. "Kinder sollen Demokratie so früh wie nur möglich lernen und erleben. Wir können doch nicht erwarten, dass sie mit achtzehn Jahren wissen, was Demokratie bedeutet, wenn sie in vollkommen hierarchischen Strukturen aufwachsen." Lohrenscheit sagte, dass die Kinderrechte nicht isoliert von anderen Rechten betrachtet werden dürften. Die erst kürzlich abgesegneten Behindertenrechte beispielsweise seien ja in erster Linie für die nicht-behinderten Menschen gedacht, die Frauenrechte vor allem für die Männer, die Anti-Rassismus Gesetze nicht in erster Linie für die Opfer, sondern für den Rest der Gesellschaft. "Erst durch eine aktive Zivilgesellschaft können all diese Gesetze in Kraft treten."
"Vielleicht gelingt es uns, was den Künstlern verwehrt blieb: Eine lesbare Umsetzung der Menschen- und Kinderrechte", bemerkte Ida Schildhauer abschießend.
Julia Schörken, Jan Schwab
Mehr zum Kinderrechte-Projekt der Amadeu Antonio Stiftung finden Sie hier:
www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/kinder-und-menschenrechte/
Mehr zum Salon der Stiftung erfahren Sie unter:
www.amadeu-antonio-stiftung.de/freunde-und-foerderer/salon/