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schloss bröllin e.V.

Foto: von schloss bröllin e. V.

Der ländliche Raum in Ostdeutschland im Fokus

Arbeitslosigkeit, Abwanderung, schlechte schulische und medizinische Versorgung – in strukturschwachen ländlichen Regionen sieht sich die Demokratie oft besonderen Herausforderungen ausgesetzt. Wie die demokratische Kultur im ländlichen Raum in Ostdeutschland gestärkt werden kann, erkundet ein neues Modellprojekt der Amadeu Antonio Stiftung.

 
Wenn in den überregionalen Medien über Politik berichtet wird, sind es fast immer größere Städte, die im Mittelpunkt stehen. Nur selten, wie zum Beispiel vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern im September, finden die spezifischen Probleme von strukturschwachen, ländlichen Regionen Erwähnung. Die Herausforderungen sind meist ähnlich: Hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften sowie schlechte schulische und medizinische Versorgung. Gleichzeitig ist die politische Kommunikation vor Ort mangelhaft: Zunehmend werden im ländlichen Raum Gemeinden zusammengelegt, was bedeutet, dass wichtige Institutionen vor Ort – wie Bürgerämter, Schulen oder Kirchen – mitunter fehlen. Ein weiteres Problem stellt die kaum vorhandene demokratische Meinungsvielfalt in den Kommunen dar. Und die Personen, die nicht der Mainstream-Meinung folgen, werden oft angefeindet – insbesondere dann, wenn sie ursprünglich nicht aus der Region stammen. Umso wichtiger erscheint daher, dass die Medien ihrer Rolle als Vierte Gewalt nachkommen und ein pluralistisches Meinungsspektrum abbilden. Jedoch beziehen in ländlichen Regionen, insbesondere im Osten Deutschlands, nur noch wenige Haushalte Tageszeitungen. Dieses Kommunikationsvakuum versuchen in den letzten Jahren verstärkt Populisten und Neonazis zu füllen. Sie inszenieren sich als „Kümmerer“ und Anwalt des Volkes, indem sie zum Beispiel Bürgerfeste organisieren und Gratiszeitungen verteilen. In manchen Bundesländern ist eine regelrechte Medienoffensive der NPD zu erkennen – allein in Thüringen gibt die Partei neun Gratiszeitungen heraus.

 
Projekt „Inklusive Medien- und Kommunikationsstrategien im ländlichen Raum“

 
Mit dem Modellprojekt „Inklusive Medien- und Kommunikationsstrategien im ländlichen Raum“ will die Amadeu Antonio Stiftung neue Formen demokratischer Kommunikation entwickeln und gesellschaftliche Initiativen dabei unterstützen, es nicht den Neonazis zu überlassen, meinungsbildende Informationen zu vermitteln. „Der ländliche Raum wurde bisher vernachlässigt. Durch das Projekt und die wissenschaftliche Begleitung soll herausgefunden werden, was die Leute im ländlichen Raum wirklich wollen“, sagt die Projektleiterin Swantje Tobiassen von der Amadeu Antonio Stiftung. Das Projekt wird in den Landkreisen Teltow-Fläming (Brandenburg) und Vorpommern-Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) starten – beides Regionen mit starken neonazistischen Strukturen. Partner sind die Bürgerinitiative „Zossen zeigt Gesicht“ und „schloss bröllin e.V.“. Angepasst an die Bedürfnisse vor Ort wird mit wissenschaftlicher Unterstützung untersucht, wie der Bedarf an Austausch, Partizipation und demokratischer Teilhabe in strukturschwachen, ländlichen Regionen am besten umgesetzt werden kann.

 


Zossen zeigt Gesicht“


„Wir wollen in unserer Stadt eine neue Form des Miteinanders etablieren“, erklärt Hagen Ludwig von „Zossen zeigt Gesicht“. Zwei Vorhaben seien für die Bürgerinitiative zentral: Zum einen eine Zeitung, die sechsmal im Jahr erscheinen soll. Durch Befragungen und Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern, die vor Ort eine wichtige Rolle spielen, wird in Erfahrung gebracht, welche Themen für Zossen ganz oben auf der Agenda stehen. Zum anderen rückt der öffentliche Raum in den Fokus – insbesondere der so genannte Kraut- und Rübenmarkt, ein regelmäßig stattfindender Markt, bei dem Zossenerinnen und Zossener ihre Produkte einer breiten Öffentlichkeit präsentieren und auf einheimische Erzeugnisse aufmerksam machen können. Der Grundgedanke ist auch hier, den Neonazis nicht das Terrain zu überlassen und gesellschaftliches Engagement anzuregen. „Durch das Projekt sollen neue Ideen entwickelt werden, wie sich Bürgerinnen und Bürger im öffentlichen Raum besser einbringen können“, so Hagen Ludwig.

 
„schloss bröllin e.V.“


Auch für Katharina Husemann von „schloss bröllin e.V.“ ist die Kommunikation mit der Region und die Einbeziehung der Leute entscheidend: „Am besten geht man von Haus zu Haus“. „schloss bröllin e.V.“ ist ein Verein, der sich insbesondere mit Kunstproduktion und -forschung sowie mit Kulturarbeit und soziokultureller Jugendarbeit beschäftigt. Bei dem Kunstprojekt „held/in_dorf“ werden Bürgerinnen und Bürger nach „Heldenfiguren“ befragt – nach Personen, die in der Region eine gewisse Vorbildfunktion einnehmen. Aus den Interviews entsteht dann eine Toncollage, die in einem Reisebus an den jeweiligen „Heldenorten“ abgespielt wird. Das Projekt der Amadeu Antonio Stiftung sei für „schloss bröllin e.V.“ und die Region „eine Riesenchance“, so Katharina Husemann. Vor allem die Langfristigkeit und die fachliche Unterstützung bieten die Chance für eine nachhaltige Entwicklung mit dem Ziel „einer gegenseitigen Befruchtung von Kunst und Region“.
Durch die Heterogenität der beiden Projektpartner und der Regionen wird der Tatsache Rechnung getragen, dass es den ländlichen Raum nicht gibt. Gleichzeitig wird es dadurch möglich, Strategien für verschiedene ländliche Strukturen herauszuarbeiten und daraus Schlussfolgerungen für die Demokratieentwicklung im ländlichen Raum zu ziehen. Denn, deren Stärkung ist dringend geboten.

 

Das Projekt „Inklusive Medien- und Kommunikationsstrategien im ländlichen Raum“ der Amadeu Antonio Stiftung wird gefördert durch das Bundesministerium des Innern im Rahmen des Bundesprogramms "Zusammenhalt durch Teilhabe".

 
Von Felix Fischaleck

 

Fotos von schloss bröllin e.V.

 

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