Längst überfällige Aufklärungsarbeit
Doch abgesehen von diesem spektakulären Vorfall - wer weiß eigentlich heute noch etwas über die Schicksale der ehemaligen Vertragsarbeiter? Kaum jemand, befürchtet der 1993 gegründete Berliner Verein Reistrommel, denn: Die deprimierenden Geschichten passen nicht ins DDR-Bild der Ostalgiker. Entsprechend dürftig fiel auch die Aufarbeitung aus. „Wenn wir 20 Jahre nach dem Mauerfall über die friedliche Revolution nachdenken, wird es Zeit, auch diesen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, so Thu Bui vom Vereinsvorstand. Wenn man bedenkt, dass die vietnamesische Minderheit in Ostdeutschland sich nach Kräften um Integration bemüht, wie der Verein immer wieder beobachtet hat, und dass diese Bemühungen von der deutschen Mehrheitsgesellschaft nur selten anerkannt werden, erscheint eine Thematisierung der zum Teil erschütternden Biografien der DDR-Vertragsarbeiter als längst überfällig.
Eine Aufgabe, der sich jetzt der Reistrommel-Verein angenommen hat. Entstehen soll eine Ausstellung, die an Beispielen einzelner Schicksale die Lebenswirklichkeit der Vertragsarbeiter in der DDR, während der Wendezeit mit all ihren Umwälzungen und in der Gegenwart darstellt. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert dieses wichtige Vorhaben, da es sich um ein Thema handelt, das bis zum heutigen Tag von der Mehrheitsgesellschaft größtenteils ausgeblendet wird und daher einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf. Der Verein, der aus dem Beratungszentrum für ausländische Mitbürger hervorgegangen ist, hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebenssituation von ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeitern und deren Familienangehörigen zu verbessern. Und dazu gehört neben der Beratung und Betreuung der Betroffenen auch Aufklärungsarbeit. Denn wie gesagt: in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist nur wenigen Menschen bekannt, unter welchen Bedingungen die Vertragsarbeiter leben mussten. Viele, die in der Ausstellung zu Wort kommen, erinnern sich an schwierige Zeiten. So berichtet Augusto Jone Munjunga, der aus dem durch Bürgerkrieg zerrütteten Angola geflüchtet war, über seine Arbeit im Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde: „Die Arbeit war sehr schwer und schmutzig und hatte mit meiner Qualifikation als Finanzbuchhalter nichts zu tun“. Erst nach Protesten bekamen die Vertragsarbeiter eine Teilfacharbeiter-Ausbildung und etwas mehr Lohn.
Integration: Fehlanzeige
Die wichtigste Grundlage für die Recherchen sind zahlreiche Gespräche mit Betroffenen vor Ort. Da die vietnamesische Community mit Abstand die größte Gruppe darstellt, und auch aufgrund der Vereinsstruktur konzentriert sich die Ausstellung auf die Biografien vietnamesischer Vertragsarbeiter. Doch mit der Zeit kam der Wunsch auf, auch Betroffene aus Angola, Mosambik und Kuba mit einzubeziehen. „Die Schicksale ähneln sich ja, und da wollten wir auf weitere Stimmen und Eindrücke nicht verzichten “, erzählt Susanne Harmsen. Die freie Journalistin hat die Recherchearbeiten für die Ausstellung in die Hand genommen und war selbst erstaunt über manches Ergebnis. Zum Beispiel hat sie herausgefunden, dass die DDR-Bevölkerung in keinster Weise auf die Ankunft der neuen Arbeiterinnen und Arbeiter vorbereitet wurde: „Die Arbeiter wurden angeworben und in eigenen Wohnheimen untergebracht“, so die Journalistin, „doch warum sie von heute auf morgen gekommen waren, darüber verlor die DDR-Führung kein Wort“. Und wie stand es generell mit der Integration der Neuankömmlinge in die Mehrheitsgesellschaft? Auch hier: Fehlanzeige. So kam es zwangsläufig zu Spannungen: Die Vertragsarbeiter waren hoch motiviert und dem entsprechend fleißig, von Planerfüllung beispielsweise hatten sie vorher noch nichts gehört.
Besonders erstaunlich ist, dass selbst viele Kinder dieser ehemaligen Vertragsarbeiter kaum etwas über die Umstände der Übersiedlung ihrer Eltern in die DDR wissen. „Teilweise hängt es damit zusammen, dass ein Großteil der Ex-Vertragsarbeiter bis heute nur wenig Deutsch spricht, während sich die Kinder größtenteils sehr gut in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integriert haben und daher fließend Deutsch, aber kaum Vietnamesisch sprechen“, erklärt Susanne Harmsen. So wurde schließlich auch die Zielgruppe für die Ausstellung erweitert, die sich nun nicht mehr nur an die deutsche Mehrheitsgesellschaft richtet, sondern auch an die Kinder derjenigen, um die es geht. Geplant ist eine zweisprachige Präsentation auf Deutsch und Vietnamesisch, und Harmsen wagt sogar einen Schritt weiter zu denken: „Vielleicht bekommen wir durch die Kontakte des Vereins ja auch einmal die Möglichkeit, unsere Ausstellung in Vietnam zu zeigen“.
Zunächst jedoch wird sie im November 2008 vor Ort in Berlin präsentiert. Die Arbeit ist zwar schon weit vorangeschritten, aber es fehlen noch wichtige Details: „Wir haben viel Material gesammelt und mit der damaligen Ausländerbeauftragten von Brandenburg über die Thematik gesprochen, doch als Ergänzung zur besseren Veranschaulichung sind wir noch auf der Suche nach persönlichen Gegenständen, beispielsweise nach Briefen oder Zeichnungen“, erzählt Tamara Hentschel, die als Geschäftsführerin des Vereins für die Ausstellungskoordination verantwortlich ist. Geplant ist auch, ein originalgetreues Wohnheimzimmer einzurichten, um den Besuchern einen möglichst authentischen Eindruck von den Wohnverhältnissen der Arbeiter zu vermitteln.