1.707 Neonazi-Webseiten waren im vergangenen Jahr online oder sind es immer noch. Das Web 2.0 bietet auch für Neonazis eine Plattform. Rassismus darf auch im Internet nicht unwidersprochen bleiben.
„Neonazis im Netz werden in der Anonymität des Internets aggressiver und sorgloser“, sagt Simone Rafeal von netz-gegen-nazis.de. Neonazis haben im vergangenen Jahr haben laut der Bundeszentrale für politische Bildung, jugendschutz.net und der Online Beratung gegen Rechtsextremismus ihre Aktivitäten verstärkt. Die Anzahl der allein von jugendschutz.net dokumentierten unzulässigen rechtsextremen Beiträge in Sozialen Netzwerken und Videoplattformen hat sich 2008 auf mehr als 1.500 verdoppelt. Auch gibt es derzeit so viele Szene-Websites wie nie zuvor: 1.707 Angebote recherchierte jugendschutz.net im vergangenen Jahr.
Neonazis in Social Communities
Das Web 2.0 bietet eine gute Plattform, um in Social Communities Netzwerke aufzubauen und Meinungen kundzutun. Selbstverständlich nutzen auch Neonazis das Web 2.0 und haben somit neue Möglichkeiten der Verbreitung ihrer rassistischen, antisemitischen und sexistischen Ideologien gefunden. Auf facebook, studiVZ und ähnlichen Communities tauchen immer wieder Nazis auf. Dabei werden Themengruppen gegründet, in denen Ansichten kundgetan werden, denen auch nicht bekennende Neonazis zustimmen. Rassismus, Antisemitismus oder autoritäre Staatsvorstellungen sind weitverbreitete Ideologeme. Bestes Beispiel ist das Thema „Todesstrafe für Kinderschänder“. Dieser Neonazi-Forderung stimmen viele Bürgerinnen und Bürger zu. Doch der Ruf nach martialischen Strafen ist Teil einer autoritären Staatsvorstellung, die mit Demokratie nichts mehr zu tun hat. Der Wert menschlichen Lebens und die Überzeugung menschlicher Veränderbarkeit und Resozialisation gehören zu einer Gesellschaft, die sich selbstbestimmt organisieren will.
Immer martialischere Neonazi-Webseiten
Bei solchen Themensetzung müssen die Betreiberinnen und Betreiber der Webseiten ein waches Auge haben. „Die Betreiber von Social Communities gehen zwar teilweise gegen die Verbreitung menschenfeindlicher und NS-verherrlichender Inhalte vor, lassen sich dabei aber noch zuviel Zeit“, sagt Sebastian Brux von der Amadeu Antonio Stiftung. Doch oftmals berufen sich Neonazis auf die Meinungsfreiheit, was auf den ersten Blick verwirrt. „Besonders die derzeit im Internet beliebten "Zensur"-Diskurse sind anschlussfähig für rechtsextremes 'Meinungsfreiheits’-Gezeter“, sagt Rafael. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus sind aber keine Meinungen, sondern menschenverachtend. Das lässt sich schnell an den Inhalten von Neonazis Webseiten erkennen. „Die Gestaltung der Nazi-eigenen Webseiten wird immer martialischer und Gewalt verherrlichender. Auch (virtuelle) Angriffe auf Andersdenkende gewinnen an Schärfe - wie etwa Nazi-Seiten, die mit Adressangabe zur Gewalt gegen Andersdenkende aufrufen“, so Rafael.
Courage auch im Web
„Es ist die Aufmerksamkeit jedes Internetnutzers gefragt: Nazi-Parolen in Social Communities, Weblogs oder Foren sollten nie unwidersprochen bleiben – genau wie im wirklichen Leben“, fordert Rafael. „Über ihre AGB's, deutlich gekennzeichnete Melde-Felder und ein engagiertes Handeln ließe sich viel Hass aus den Communities nehmen“, ergänzt Brux.
Nora Winter
Hören Sie hier das Interview von Sebastian Brux bei WDR Politikum (MP3-Audio)