Durch sozialwissenschaftliche Erkenntnisse stiften Forscher der Universität Bielefeld „produktive Unruhe“ in der Stadtgesellschaft. Erste Ergebnisse wurden am 29. April vorgestellt.
Auf Einladung des Bundesministerium des Inneren und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld fand am 29. April eine Veranstaltung unter der Überschrift „Zivilcourage vor Ort – Kommunales Handeln für ein demokratisches Miteinander“ statt. Erste Erkenntnisse des Modellprojekts „Sozialraumanalysen zum Zusammenleben vor Ort“ wurden vorgestellt. Im Projekt wurde die Bevölkerung ausgewählter Städte und Gemeinden mit sozialwissenschaftlichen Ergebnissen des von Bielefelder Forscherinnen und Forschern entwickelten Konzepts der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (GMF) konfrontiert, um auf feindselige Einstellungen hinzuweisen.
Die Bielefelder und Bielefelderinnen verstanden sich in ihrer Rolle als „interventionsnahe Wissenschaftler“, wie auch der Moderator der Tagung, Toralf Staud, zutreffend feststellte. Die Forscherinnen wirkten mit objektiven wissenschaftlichen Ergebnissen von „außen“ auf die lokale Gesellschaft ein, um vor Ort ein Problembewusstsein zu schaffen. Gezielt wurden dabei die lokalen Akteure in das Projekt einbezogen. Um feindselige Mentalitäten zu bekämpfen, hat der Ansatz des Projektleiters Professor Dr. Wilhelm Heitmeyers das Ziel, „die Kooperation von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Gesellschaft [neu] zu justieren“, heißt es dazu auch im zugehörenden Informationsflyer.
„Dass gibt es bei uns nicht“
Ein Problem bei der Bekämpfung menschenfeindlicher Mentalitäten in der Bevölkerung stellt der hohe gesellschaftliche Konformitätsdruck dar. „Dass gibt es bei uns nicht“ ist eine häufige Reaktion. Grade „in kleinen Kommunen ist Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bedrohlicher“, verdeutlicht Professor Dr. Heitmeyer die Schwierigkeit. In kleineren Kommunen wird häufiger geschwiegen, Angepasstheit wird zum sozialen Muss. Wer will schon seinen Nachbarn oder die Sportskollegin anschwärzten; wer abends Ärger beim geselligen Miteinander? Engagierte Bürgerinnen und Bürger vor Ort, die sich diesem Trend verweigern und trotzdem auf Probleme hinweisen gelten oft als Ausgestoßene – sind sie doch „Unruhestifter“.
Kommunalpolitikerinnen und –politiker habenseltener Interesse, auf örtliche Probleme hinzuweisen. Manche Stadtverwaltung fürchtet einen Imageverlust der Gemeinde, sobald sie eingesteht, dass es auch in ihrer Stadt feindselige Einstellungen und/oder bedrohliche Aktivitäten demokratiefeindlicher Parteien und Vereinigungen gibt. Menschenfeindliche Einstellungen drohen so zur gesellschaftlichen Normalität zu werden. Eine kritische Thematisierung findet dann nicht statt.
Feindselige Normalität bekämpfen – nachdenkliche Gesellschaft fördern
Ziel der Initiatoren und Initiatorinnen war es deshalb, von „außen“ an die jeweiligen Städte und Gemeinden heranzutreten, um so den Konformitätsdruck der lokalen Akteure zu umgehen. Sie wiesen vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Daten auf Probleme hin, und hatten so die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren die dortigen Öffentlichkeiten zu sensibilisieren und feindselige Normalitäten zu durchbrechen. So konnten Themen wie Demokratie und Toleranz auf die lokale Tagesordnung gesetzt werden.
Besonders am Bielefelder Projekt ist die Tatsache, dass hier der Versuch unternommen wird, nicht nur die sowieso schon engagierten lokalen Akteurinnen und Akteure zu unterstützen. Viel mehr werden auch Bürger und Bürgerinnen der Städte und Gemeinden aktiviert, die sonst wenig Interesse an politischen Diskussionen haben. Denn gerade in Milieus, in denen politische Themen wenig Anteil in der öffentlichen Wahrnehmung haben, ist das Klima für menschenfeindliche Einstellungen besonders günstig. Deshalb entwarfen die Bielefelder Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Rezept, um das Problem der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an der Wurzel zu packen.
Parkplätze, Auberginen, Demokratie
Zum einen wurde zu gemeinsamen Gesprächsrunden eingeladen, auf denen die Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen, Lokalpolitikern und Vereins- und Verbandsvertreterinnen über gemeinschaftliche Themen diskutieren konnten. Diese Diskussionsrunden waren thematisch bewusst offen gelassen, um möglichst viele Menschen zu erreichen und ihnen den öffentlichen Raum zu lassen. So kam es, dass sich die Bielefelder und Bielefelderinnen auch mal mit regionalen Parkplatzproblemen oder festgestelltem Auberginenmangel im örtlichen Supermarkt konfrontiert sahen. Allerdings konnte auch die nicht primär auf soziale Probleme gerichtete Diskussion dafür genutzt werden, eine nachdenkliche Gesellschaft zu fördern.
Zum anderen wurde neben den initiierten Gesprächsrunden versucht, die Bevölkerung zu demokratischen und ehrenamtlichen Engagement zu aktivieren. Dafür wurden Fördertöpfe eingerichtet, mit denen die Wissenschaftlerinnen in enger Koordination mit den lokalen Akteuren den Bürgerinnen die Möglichkeit gaben, eigene Ideen demokratischer Projekte durch Gewährleistung finanzieller Unterstützung in die Tat umzusetzen. So konnten engagierten Bürgerinnen und Bürger von „außen“ moralischer und finanzieller Rückhalt gegeben werden, denen vorher der Mut oder die finanziellen Mittel zur Umsetzung fehlte. „Es geht nicht immer um Strukturen, sondern um einzelne Personen, die es Ernst meinen“, sagt Mitarbeiter beim Bielefelder Institut und beim ZDK – Gesellschaft für demokratische Kultur Dierk Borstel.
Bilanz
Eine erste Bilanz des Bielefelder Ansatzes fällt positiv aus. In allen ausgewählten Gemeinden sind Fortschritte hin zu einer nachdenklichen Gesellschaft erkennbar. „Es ist eine riesen Entwicklung, dass es eine demokratische Kommunikationskultur gibt“, sagte dazu beispielsweise Günter Hofmann von der Anklamer Initiative „Bunt statt Braun“ und lokaler Koordinator des Projekts. „Über Demokratie zu sprechen ist so zu sagen gesellschaftsfähig geworden“, so Hofmann weiter. Der interventionistische Ansatz der Bielefelderinnen und Bielefelder scheint erste Früchte zu tragen. Das Konzept der lokalen Projektförderung mit wissenschaftlicher Unterstützung kann helfen, die Bürgerinnen und Bürger zu ehrenamtlichem Engagement zu animieren und eine lokale Diskussionskultur zu fördern.
Weiterhin kann so auch Einfluss auf die Stadtverwaltung genommen werden, denn „erst über die lokale Öffentlichkeit kann Druck auf die Politik ausgeübt werden“, weiß Professor Dr. Heitmeyer, und macht deutlich, dass die „Beschäftigung von Politikern und Politikerinnen mit dem eigenen Sozialraum ein Zeichen von Souveränität“ ist, nur wissen diese das zu selten. Der Bielefelder Ansatz in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium des Inneren will an dieser Stelle helfen. Zu hoffen bleibt, dass die mit Fördergeldern angeregten lokalen Projekte langfristig aktiv bleiben und sich etablieren, um so neben ersten positiven Tendenzen einen wirklich nachhaltigen Effekt hin zu einer demokratischen Öffentlichkeit zu erreichen.
Von Sebastian Heidebrecht