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Wichtiger Bestandteil des Schülerbegegnungsprojektes des Beruflichen Schulzentrums in Wurzen sind Gespräche mit Zeitzeugen (Foto: G. Hertel)

Schüler erleben Geschichte an geschichtsträchtigen Orten


Ein deutsch-polnisches Austauschprojekt des Beruflichen Schulzentrums in Wurzen trägt zur Verbesserung des Schulklimas bei. Dafür wurde das Projekt nun für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2009 nominiert. Jurymitglied Sebastian Feydt, Pfarrer der Dresdner Frauenkirche, stellt die Initiative vor.






Gabriele Hertel erinnert sich noch gut an den Tag im Jahr 1998, als sie frustriert aus der Schule nach Hause kam und einfach nicht mehr weiter wusste. Das Unterrichtsthema "Judenvernichtung im Nationalsozialismus" war einmal mehr von den Schülern boykottiert worden. Zum wiederholten Male hatte Gabriele Hertel versucht, Interesse für dieses Thema zu wecken – die im Lehrplan geforderte Diskussion über den Rechtsextremismus blieb trotzdem ein unmögliches Unterfangen. Die Lehrerin für Geschichte, Sozialkunde und Ethik am Beruflichen Schulzentrum in Wurzen sah sich gezwungen zu akzeptieren, dass sie mit normalen Unterrichtsmethoden nicht mehr an die Schüler herankam.

Im Gespräch mit einem Kollegen verstärkte sich der Eindruck, dass ihre Schüler über reine Wissensvermittlung zu diesem schwierigen Thema nicht zu erreichen sind. Weil Gabriele Hertel aber nicht zu den Menschen gehört, die bei Problemen klein beigeben, entschied sie sich stattdessen für den Weg nach vorn. Sie besann sich auf eine wichtige Erfahrung ihrer Referendariatszeit: das erlebnispädagogische Unterrichten. Auf dieser Basis entwickelte sie ein beeindruckendes Schülerbegegnungs-Projekt. Die gleichsam ungewöhnliche wie mutige Idee: deutsche und polnische Jugendliche treffen sich im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz und in deutschen Gedenkstätten. In Polen und Sachsen verbringen sie jeweils 10 Tage gemeinsam.

Unterstützung fand die Pädagogin in Olkusz, einer Stadt nahe dem polnischen Oświęcim (Auschwitz). Inzwischen besteht ein fester Kontakt, getragen durch den lokalen Verein für Städtepartnerschaft. Seit nunmehr vier Jahren findet eine Begegnung statt, die auf die Erfahrungswelt der Berufsschüler abgestimmt ist. So haben die Jugendlichen in den ehemaligen Lagern Auschwitz und Birkenau Begrenzungszäune repariert, auf dem Friedhof in Olkusz gemeinsam mit Auschwitz-Überlebenden ein Holzkreuz zur "Mahnung für Frieden in Europa" gebaut und aufgestellt sowie Gräber von jüdischen und polnischen Zwangsarbeitern gepflegt. Wichtig ist darüber hinaus aber auch die direkte Begegnung mit Zeitzeugen, wie sie sich z.B. bei Gesprächen mit Auschwitz-Überlebenden ergibt.

Mit diesem unkonventionellen Ansatz ist den Organisatoren um Gabriele Hertel etwas gelungen, das sie vor einigen Jahren nie für möglich gehalten hätten: das Klima an der Schule hat sich deutlich verändert. Natürlich gebe es nach wie vor Schüler, die aus ihren rechtsextremen Einstellungen keinen Hehl machten, sagt Hertel. Doch heute könne sie die Erlebnisse des Austauschprojekts in den Unterricht einfließen lassen und auch bei den nicht am Projekt beteiligten Schülern eine neue Offenheit für das Thema herstellen: "Die Projektteilnehmer fordern ihre Mitschüler immer häufiger zum Um- bzw. Nachdenken auf – das funktioniert."

Sebastian Feydt


Der Beitrag erschien erstmals am 30.10.2009 in der Sächsischen Zeitung.

Mehr Informationen über den Sächsischen Förderpreis für Demokratie unter:
www.demokratiepreis-sachsen.de



 

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