Foto: Manuel Trollmann, c
Für die Nationalsozialisten boxte er zu "zigeunerhaft". Doch der Meister seiner Sportart Johann Trollmann führte die Ideologie der "Herrenrasse" vor. Mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung entsteht in Berlin für ihn ein temporäres Denkmal.
Am 9. Juni 1933 gewann Johann „Rukeli“ Trollmann Meisterschaftskampf im Halbschwergewicht gegen Adolf Witt nach Punkten. Nach seinem Sieg kamen Rukeli die Freudentränen – es war ein Triumph des schnellen und beweglichen Trollmann gegen den später im Schwergewicht boxenden Witt. Doch Trollmann war Sinto, was den Boxverband dazu veranlasste ihm seinen Sieg abzuerkennen. Seine Freudentränen wurden als „armseliges Verhalten“ deklariert. Erst 1993 rang sich der Boxverband dazu durch den Meisterschaftsgürtel an Rukelis Familienmitglieder Louis und Manuel Trollmann auszuhändigen.
Blond gefärbt und weiß gepudert
Trollmanns Geschichte ist beispielhaft für die Verknüpfung von rassistischen und sexistischen Konstruktionen im Nationalsozialismus und ihrem Fortwirken bis heute. Mann gegen Mann. Mit Fäusten, wie es sich gehört. Weinen ist nicht. Und tänzeln gleich gar nicht. Vor Trollmanns nächstem Kampf im Juli 1933 wurde ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er nicht so „zigeunerhaft“ tänzeln und „undeutsch“ boxen solle. Ein „richtiger“ Deutscher stellt sich schließlich dem Kampf von Angesicht zu Angesicht. Was daraufhin passierte, zeugt von Scharfsinnigkeit und Mut Rukelis. Mit blond gefärbten Haaren und weiß gepudert stieg er am 21. Juli in den Ring gegen Gustav Eder. Seine Beine standen still und fest am Boden. Seinen so beliebten und erfolgreichen Boxstil ließ er beiseite und stellte sich dem „deutschen Kampf“. Nach fünf Runden war er k.o. – seine Karriere beendet.
Die „Herrenmenschen“ stählen
In der wilhelminischen Ära war Boxsport als „proletarisch“ verbrämt. Erst 1904 wurde Boxen als olympische Disziplin anerkannt. In den zwanziger Jahren der Weimarer Republik wurde das Boxen als Unterhaltungs- und Identifikationsmöglichkeit beliebt. Was als „proletarisch“ galt, war im Trend. Bertold Brecht, Kurt Tucholsky oder auch Joachim Ringelnatz waren Fans. Georg Grosz malte Max Schmeling in Boxpose. Doch immer mehr wurde Sport zum Erziehungsprogramm des Nationalsozialismus. Der einzelne Körper musste zum kräftigen Bestandteil des „Volkskörpers“ werden. Eifrig beteiligten sich Sportverbände an der „Arisierung“ ihrer Sportart. 1933 beschlossen der Verband deutscher Faustkämpfer und die Boxsportbehörde Deutschlands „sämtliche Juden“ auszuschließen und die ganze Angelegenheit auf „nationale Grundlage“ zu stellen. Georg Radamm, Vorsitzender der Boxsportbehörde, war es, der veranlasste Trollmann den Titel abzuerkennen. Im Dritten Reich war Boxen nicht nur in der Hitlerjugend, sondern auch an Schulen obligatorisch, wo sich die Jungen für ihre Zukunft als „Herrenmenschen“ stählen sollten. Ludwig Haymann, Profiboxer, erklärte in seinem Buch „Deutscher Faustkampf, nicht pricefight. Boxen als Rasseproblem“, dass amerikanische Stilelemente für Deutsche „rassisch tempramentswidrig“ seien und eine flinke Beinarbeit Feigheit offenbahre.
Stolperstein in Hamburg, Foto: James Steakley, cc
Erschlagen in Wittenberge
Rukeli schlug sich nach dem Ende seiner Karriere mit Jahrmarktboxkämpfen durch. 1938 ließ er sich von seiner Frau Olga Frieda Bilda scheiden – in der Hoffnung, sie und die Kinder so vor Verfolgung zu schützen. Ebenfalls 1938 war Trollmann für mehrere Monate ins Arbeitslager Hannover-Ahlem verschleppt worden. Nach der Entlassung lebte er im Verborgenen und entging weiteren Verhaftungen. Im November 1939 wurde Trollmann als Infanterist in die Wehrmacht einberufen, im Frühjahr 1941 kam er an die Ostfront. 1942 entließ man ihn aus „rassenpolitischen Gründen“.
Im Juni des gleichen Jahres wurde Johann Trollmann in Hannover verhaftet, schwer misshandelt und in das KZ Neuengamme deportiert, wo er Zwangsarbeit leistete. Von einem ehemaligen Ringrichter bei der SS erkannt, musste er trotz schwindender Kräfte bald allabendlich gegen SS-Männer zum Boxtraining antreten. Ein illegales Häftlingskomitee beschloss, Trollmann eine neue Identität zu geben, um ihn zu retten: Offiziell starb Johann Trollmann am 9. Februar 1943 an Herz- und Kreislaufversagen, tatsächlich handelte es bei dem Toten um einen anderen verstorbenen Häftling, dessen Identität weitergegeben wurde. Um der Entdeckung zu entgehen, wurde Trollmann ins Nebenlager Wittenberge transportiert. Als Boxer wieder erkannt, musste sich Trollmann 1944 einem Kampf mit dem verhassten kriminellen Kapo Emil Cornelius stellen, gegen den er gewann. Für seine Niederlage rächte sich Cornelius wenige Zeit später und erschlug brutal den physisch zu Grunde gerichteten Häftling.
9841…
Um an dieses Schicksal, diese eindrucksvolle Geschichte eines Menschen, der aus seinem Protest keinen Hehl machte, seinen Sport meisterhaft beherrschte, der ihm von Deutschen genommen worden ist und mit dem sie ihn in der Haft quälten und letztendlich ermordeten, zu erinnern, entsteht mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung im Berliner Viktoria Park das temporäre Denkmal „9841" – Trollmanns Häftlingsnummer. Vom 10. Juni bis 16. Juli ist der von dem Künstlerkollektiv BEWEGUNG NURR und von Florian Göpfert entworfene angeschrägte Boxring zu besichtigen und zu begehen.
Von Nora Winter
Viele Informationen zu diesem Artikel kamen aus der Beilage der taz.
Impressionen von der Einweihung:
Weiterhin gibt es ein facettenreiches Begleitprogramm:
Donnerstag, 10. Juni 2010, 19 Uhr
Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma
Vortrag von Dr. Silvio Peritore
Samstag, 12. Juni 2010, 15 Uhr
Johann „Rukeli“ Trollmann – Deutscher Boxmeister im Halbschwergewicht
Lesung und Gesprächsrunde mit Nina Kronjäger, Dr. Roger Repplinger, Sophia Schmitz, N.N., Moderation: Dr. Peter Funken
Donnerstag, 17. Juni 2010, 19 Uhr
Das Brennglas
Lesung von Petra Rosenberg
Dienstag, 22. Juni 2010, 19 Uhr
Filme:
Was mit Unku geschah – Das kurze Leben der Erna Lauenburger
Nicht wiedergekommen
Die Amadeu Antonio Stiftung präsentiert zwei Filme des alternativen Jugendzentrum Dessau, mit anschließendem Gespräch mit Dr. Andrés Nader, Amadeu Antonio Stiftung, und Filmemacherin und Mitarbeiterin des Alternativen Jugendzentrum Dessau, Jana Müller.
Donnerstag, 24. Juni 2010, 19 Uhr
Film: Ceija Stojka
Mittwoch, 30. Juni 2010, 19 Uhr
Holt die Wäscheleine rein...
Vortrag und Präsentation von Barbara Danckwortt
Donnerstag, 1. Juli 2010, 15.00 Uhr
Historischer Spaziergang mit Lothar Uebel
Donnerstag, 1. Juli 2010, 16.30 Uhr
Verlegung eines Stolpersteins für Johann „Rukeli“ Trollmann
Donnerstag, 8. Juli 2010, 19 Uhr
Film: Es geht um Alles
Donnerstag, 15. Juli 2010, 19 Uhr
Gypsy – Die Geschichte einer großen Sinti-Familie
Lesung von Dotschy Reinhardt