Enthusiasten wollen in Mügeln einem Klima der Angst gegenseitige Akzeptanz entgegenstellen. Für dieses mutige Engagement wurde der Verein "Vive le Courage" für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie nominiert. Jurymitglied Christian Petry, Geschäftsführer der Freudenberg Stiftung, stellt die Initiative vor.
Die Steine fliegen, treffen – und wieder Scherben. Überrascht über eingeschlagene Scheiben sind sie inzwischen nicht mehr im Vereinshaus des "Vive le Courage" e.V. Der ehrenamtliche Jugendverein, der für die Werte der Demokratie und der Weltoffenheit eintritt, sitzt an einem Ort, in dem rechtsextreme Vorfälle fast schon zum Alltag gehören: Mügeln. Die nordsächsische Kleinstadt im Döllnitztal erlangte 2007 unrühmliche Bekanntheit, als ein Mob aus der rechten Szene von etwa 50 Menschen acht indische Mitbürger durch den Ort jagte. Die Bilder der verletzten Inder lösten landesweit Entsetzen aus. Auch in Mügeln selbst – aber nicht nur der Menschenverachtung wegen, sondern weil der Ort in Verruf gebracht worden war.
Die Tat war kein Einzelfall. Susan Anger von "Vive le Courage" kann viele Neonazi-Übergriffe aufzählen, vor und nach der Hetzjagd. "Zwar war das Ausmaß dieses Übergriffs extrem, doch auch im Alltag werden die Pöbeleien immer krasser. Die Zahl der Angegriffenen steigt." Die Jagd auf die Inder war der Anstoß für Mügelner Jugendliche, im selben Jahr den Verein "Vive le Courage" zu gründen, der zu einer "offenen und demokratischen Alltagskultur" beitragen und dafür die Mügelner über menschenverachtende Ideologien wie Rassismus oder Rechtsextremismus aufklären will. Die dreizehn Mitglieder und rund 20 Mithelfenden organisieren ehrenamtlich Infoveranstaltungen, Lesungen und Konzerte. Allerdings können die oft nur im benachbarten Oschatz stattfinden, da "Vive le Courage" keine große Unterstützung vor Ort bekommt.
Die Engagierten von "Vive le Courage" leisten mutige Arbeit in einer Umgebung, in der ihnen ein scharfer Wind entgegen bläst. Diese Menschen verdienen Unterstützung, denn sie wollen langfristig das Klima der Angst in ihrer Stadt in eines der Offenheit und gegenseitigen Akzeptanz verwandeln. Das geht nicht von heut auf morgen. Im August 2009 veranstaltete der Verein eine "Antirassistische Aktionswoche", wobei wieder Scheiben zu Bruch gingen. Seitdem braucht das Vereinsgebäude bei Veranstaltungen Polizeischutz. Auf dem Vorplatz trifft sich jedes Wochenende die rechtsextreme Szene zum Trinken und Pöbeln. "Das Schlimmste daran ist eigentlich, dass wir uns daran gewöhnen", sagt Roman Becker, Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins.
Der regelmäßige Vandalismus am Haus verursachte finanzielle Schäden, die vom Verein nicht mehr getragen werden konnten. Derzeit renovieren die Mitglieder das baufällige Gebäude mit Hilfe von Spenden einer Baufirma, der Apotheke oder der Pizzeria, in die die Inder vor zwei Jahren vor ihren Verfolgern fliehen konnten. Becker will die Erneuerungen schnell abschließen, "damit wir uns wieder um Inhaltliches kümmern können." Unter anderem wollen sie eine feste Sprechstunde mit der Opferberatung aus Leipzig anbieten.
Christian Petry
Der Beitrag erschien erstmals am 27.10.2009 in der Sächsischen Zeitung.
Mehr Informationen über den Sächsischen Förderpreis für Demokratie unter:
www.demokratiepreis-sachsen.de