Ohne Aufsehen nur Wegsehen, Foto: The Working Party
Gibt es in Zeiten der Krise mehr Menschenfeindlichkeit? Werden Gefühle der Benachteiligung im politischen Prozess verhandelt? Diese und andere Fragen waren Thema bei den diesjährigen „Weinheimer Gesprächen“, einem Dialog von Wissenschaft und Praxis.
"Die Krise schlägt so durch, dass Kommunen sich aufs Notwendigste beschränken. Gerade bei demokratischer Infrastruktur wird gespart. Doch sie war die Antwort auf den Nationalsozialismus", sagt Pia Gerber, Geschäftsführerin der Freudenberg Stiftung, zur Einleitung. Vom 15. bis 16. April fanden die Weinheimer Gespräche unter dem Titel "Gleichwertigkeit in Zeiten der Krise. Menschenfeindlichkeit und ihre Gegenkräfte im lokalen Raum" statt. Dieser jährlich stattfindende Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis war in diesem Jahr ein besonders reger Austausch zwischen Wissenschaftlerinnen, zivilgesellschaftlichen Akteuren, Journalistinnen und Künstlern. Alle beschäftigte die Frage, wie Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) auch in Zeiten der Krise begegnet werden kann. Das Konzept GMF stammt von Wilhelm Heitmeyer vom Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung.
Von Frustration und Partizipation
Wie kommt es vom individuellen Erleben einer Krise zu Gruppen bezogener Menschenfeindlichkeit? "Eine Frustration-Aggression-Hypothese liegt zwar nahe, reicht aber zur Erklärung nicht aus", erklärt Andreas Zick vom Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Die individuelle Unzufriedenheit benötige einen kollektiven Rahmen. Die gemeinsame Bezugsgruppe mache den Unterschied. Das Gefühl der Unterdrückung des "kleinen Mannes" kann zu krisenbezogener Ungleichwertigkeit führen. Die Frage ist dann, ob dieses Gefühl der Benachteiligung im politischen Raum verhandelt wird. Wenn dies nicht der Fall, so kann es sich im gesellschaftlichen Bereich entladen. Doch nach den Studien ist die Bereitschaft zur Partizipation genau bei in diesem Feld gering.
Der Teufel steckt im Detail
Wie lässt sich der Teil der Bevölkerung, der sich bereits zurück gezogen hat, demokratisch wieder einbinden? Die Weinheimer Gespräche haben auf diese Frage kein allgemeingültiges Rezept gefunden. Das war auch nicht das Ziel. Vielmehr war es an der Tagesordnung über lokale Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren - wie wird man der Komplexität im lokalen Raum gerecht? Wahrscheinlich selten. Schon bei der Analyse des Problems liegt der Teufel im Detail. "Auch die Analyse selbst kann das Problem tradieren", so Carl Chung vom Berliner Sozialpädagogischen Institut. Das Wort Fremdenfeindlichkeit trage es schon in sich, die einen als fremd und die anderen als nicht-fremd wahrzunehmen. "Zudem ist das Problem auch nicht nur auf Jugendliche beschränkt", erklärt Hartmut Gutsche vom Regionalzentrum für Demokratische Kultur in Stralsund. "Man muss sich der Realität stellen", so Gutsche weiter.
„Ein neuer Gesellschaftsvertrag“
Das haben auch die Mitarbeiter der ZDK Gesellschaft für Demokratische Kultur in Pretzien erfahren müssen. Nach der Verbrennung des Tagebuchs der Anne Frank auf einem Dorffest war der Schock groß – und natürlich waren das nicht nur perspektivlose Jugendliche. „Wir sind genau in den völkischen Diskurs hineingegangen“, erklärt Bernd Wagner vom ZDK. „Es ist ein komplizierter, kleinteiliger Prozess“, so Wagner weiter. Doch nach drei Jahren kontinuierlicher Arbeit zeigen sich Erfolge. In der Arbeit zur Regionalgeschichte fand das ZDK die Verbindung zwischen den Generationen in Pretzien. „Ziel ist ein neuer Gesellschaftsvertrag“, sagt Wagner. „Die sogenannte Mitte wird anders besetzt; die Nazis mussten diese Mitte verlassen“.
„Erst recht. Erst recht.“
„Die Art und Weise wie ein Prozess gestaltet ist, kann Demokratie lebendig machen“, sagt Benno Plassmann von Kunsthaus KuLe in Berlin. „Ohne Aufsehen nur Wegsehen“ war Titel seines Beitrags. Mit der Gruppe „The Working Party“ arbeitet Plassmann in verschiedenen Städten in Europa – inspiriert durch das Gedicht von Edwin Morgan „Memories of Earth“, dass auch die Shoah thematisiert. Auf die Frage, ob nach Auschwitz noch Gedichte schreibe könne, antwortete Morgan: „Erst recht. Erst recht.“ Im Projekt zu „Memories of Earth“ geht es um einen offenen Prozess, der ermutigt aufzusehen. Theater bringt Menschen zum Hinschauen – und ermöglicht Selbstwertschätzung. „Wenn man auf der Bühne steht und angeschaut wird, wie man sonst nie angeschaut wird, fühlt man Anerkennung“, so Plassmann. Und selbstverständlich gebe es dabei auch Spannungen – „ohne Spannung keine Kunst“, erklärt Plassmann. Der partizipative Prozess der Kunst ermöglicht sich selbst und die Person gegenüber anders wahrzunehmen: man muss sich verhalten. Um dieses Verhalten in Reaktion auf Spannung und Andersartigkeit geht es – auch oder vor allem in einer demokratischen Gesellschaft.
Von Nora Winter