Ilse Heinrich, Foto: Jana Müller, c
Junge Menschen im Westhavelland erfahren im Gespräch mit Zeitzeuginnen „aus erster Hand“ mehr über ihre Erlebnisse während des Nationalsozialismus.
Im Westhavelland erhalten junge Menschen die Möglichkeit, im Rahmen einer von der Amadeu Antonio Stiftung geförderten Initiative des Diakonischen Werks Havelland e.V. mit Zeitzeuginnen über das Thema Nationalsozialismus zu sprechen. Dafür reisen die Zeitzeuginnen Ilse Heinrich und Charlotte Kroll eine Woche vom 26. bis zum 28.April in Schulen des Westhavellands und sprechen vor Ort mit Schülerinnen und Schülern.
So können die mittlerweile (ur-)großmütterlichen Frauen direkt in Kontakt mit den jungen Menschen des Westhavellands treten und durch einen Dialog zwischen den Generationen die jungen Menschen für das Unrecht des Nationalsozialismus und einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema Nazizeit sensibilisieren. Die vor- und nachzubereitenden Stunden bieten mit einer Gruppengröße von weniger als zwanzig Schülerinnen und Schülern jeweils 90 Minuten Zeit, um von „damals“ zu erzählen und Fragen beantworten zu können.
Ereignisreiche Leben
Beide Frauen können auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. Geboren 1924 in Hornsdorf/Mecklenburg Vorpommern musste Ilse Heinrich auf einem fremden Bauernhof arbeiten und wurde, da sie der harten Zwangsarbeit entfliehen wollte, schließlich in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingeliefert und dort als "Asoziale" klassifiziert. Sie selbst schildert die Zeit mit den Worten: "Mit Kälte, Hunger und Arbeit wollten Sie uns vernichten." 1950 zog Ilse Heinrich mit ihrer zweiten Tochter nach Westberlin, die erste wurde ihr vom Jugendamt genommen und zur Adoption frei gegeben. Nach dem Fall der Mauer kam Ilse Heinrich das erste Mal nach Ravensbrück zurück und begegnete 2003 Charlotte Kroll, ebenfalls Ravensbrück Überlebende.
Die 1922 in Freital/Sachsen geborene Charlotte Kroll arbeitete in einer Munitionsfabrik in der auch russische Gefangene Zwangsarbeit leisten mussten. Als sie einer schwangeren russischen Gefangenen Kindersachen gab, wurde sie verhaftet und ebenfalls nach Ravensbrück eingeliefert, ohne den Grund dafür zu erfahren. Dort wurde sie als "Politische" kategorisiert. Als sie 1944 entlassen wurde fand sie ihre Wohnung versiegelt vor. Die noch junge Frau zog nach Dresden, wo sie durch die Bombardierungen ein zweites Mal all ihren Besitz verlor. In den 50er Jahren zog Charlotte Kroll nach Hamburg, wohnt aber seit mehreren Jahrzehnten in Berlin. Seit dem Treffen mit Ilse Heinrich führen die beiden regelmäßig Zeitzeugengespräche durch.
Beitrag zu einer „aktiven“ Erinnerungskultur
So kann ein Zugang zur Geschichte ganz besonderer Art gegeben werden. Zeitzeugen können durch ihre Erzählungen „aus erster Hand“ von „damals“ erzählen und so ins Bewusstsein rufen, dass hinter den Zahlen und Statistiken der Geschichtsbücher immer auch individuelle Schicksale, immer auch einzelne Menschen stehen. Die Überlebenden des NS-Regimes leisten so einen wichtigen Beitrag zu einer für einen verantwortungsvollen Umgang mit der NS-Vergangenheit notwendigen, aktiven Erinnerungskultur. Sie verleihen der Geschichte ein Gesicht.
Besonders wichtig erscheinen solche Projekte in Anbetracht der Tatsache, dass umso länger die Geschehnisse zurückliegen, sich immer weniger Menschen direkt an die damaligen Verbrechen erinnern können. So ist es umso wichtiger, denjenigen die noch selbst vom damaligen Schrecken betroffen waren eine Stimme zu geben, damit sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen auch an kommende Generationen weitergeben können.
Von Sebastian Heidebrecht