Bernau-Süd ist ein Stadtteil, der sich durch Plattenbauten, soziale Probleme und eine hohe Arbeitslosigkeit auszeichnet. Es besteht dringender Handlungsbedarf – erste Veränderungen sollen mit Hilfe des Anerkennungsaudits der Amadeu Antonio Stiftung eingeläutet werden.
Am Anfang mussten viele Gespräche geführt werden: mit Teilnehmern des Projektes „Pro Bernau Süd“ der Caritas, mit der Jugendsozialarbeiter-Runde der Stadt Bernau und mit Multiplikatoren. Nach und nach wurden die Vorstellungen zur Umsetzung des Anerkennungsaudits immer konkreter. Schließlich fanden die Organisatoren zwei Orte, an denen das Audit einen Platz finden konnte: das Stadtteilzentrum in Bernau Süd (STZ) und den Jugendtreff „Dosto“ im Stadtzentrum.
Das Stadtteilzentrum ist ein sozialer Raum für Kinder und Jugendliche, insbesondere aus sozial benachteiligten Familien und Familien mit Migrationshintergrund. Der Jugendtreff „Dosto“ ist ein weitestgehend selbstverwalteter Treffpunkt alternativer Jugendlicher, die sich von der Stadt und der Öffentlichkeit negativ wahrgenommen und nicht anerkannt fühlen. Bei den Gesprächen in beiden Einrichtungen fanden sich interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und auch der Jugendmigrationsdienst wollte aktiv am Projekt mitarbeiten.
Beim Workshop in Berlin und bei regionalen Treffen in Bernau reiften in der Projektgruppe erste Vorstellungen und Ideen zur Umsetzung. Die Teilnehmenden aus dem „Dosto“ verbanden mit dem Projekt die Hoffnung, dass die Stadt mehr Verständnis und Anerkennung für die Projekte der Jugendlichen aufbringen würde und gleichzeitig im „Dosto“ mehr junge Leute für eine aktive und verantwortliche Mitarbeit gewonnen werden.würden. Das Stadtteilzentrum erhoffte sich mehr Verständnis und Toleranz unter den Kindern und Jugendlichen sowie eine Entwicklung von Beteiligungsmöglichkeiten im Zentrum.
Die intensive Auseinandersetzung mit den Leitfragen in mehreren Treffen führte nicht nur zu neu formulierten Fragestellungen, sondern eröffnete eine Diskussion um Anerkennung und Gleichwertigkeit. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer redeten über ihre persönlichen Erfahrungen mit Anerkennung, über selbst erlebte Diskriminierung und Ungleichwertigkeit.
Im April 2008 wurde das Audit erstmals im Stadtteilzentrum Bernau-Süd durchgeführt. Interessanterweise standen bei den Schülerinnen und Schülern zunächst Aktivitäten im Vordergrund, die etwas mit der Erarbeitung von Regeln und Bestimmungen zu tun hatten. In der Diskussion kristallisierte sich sehr deutlich heraus, dass gleiche Regeln sowie klare Rechte und Pflichten für die Teilnehmenden sehr wichtig waren, damit die Einzelnen einen direkten und konkreten Bezug zu Gleichwertigkeit und Anerkennung finden können. Es wurde eine Hausordnung erarbeitet, die nun als erstes sichtbares Ergebnis im Stadtteilzentrum aushängt. Diskutiert wurde auch die Etablierung einer offenen Clubversammlung, die als Möglichkeit für Kinder und Jugendliche gedacht ist, regelmäßig im Zentrumsalltag mitreden zu können.
Der Jugendtreff „Dosto“ entschied sich für Aktivitäten, die die Anerkennung der Jugendlichen und ihrer ehrenamtlichen Arbeit in der Öffentlichkeit befördern sollten. In Planung sind ein Tag der Offenen Tür sowie ein Stadtgespräch mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt und des Jugendclubs.
Anne-Kathrin Anders, Betreuerin im Stadtteilzentrum Bernau-Süd: Das Projekt aus Sicht einer Jugendarbeiterin
„Als mich ein Kollege fragte, ob ich Interesse an dem Audit und der Weiterbildung hätte, sah ich darin sofort eine Chance, in einen noch intensiveren und vor allem produktiveren Austausch mit den Jugendlichen und Kindern in meinem Jugendclub zu treten. In den Workshops wurde sehr schnell deutlich, worum es genau geht und wie man das Audit mit den sieben Leitbildern konkret nutzen kann.
Um unser Vorhaben in die Tat umzusetzen, trafen wir uns mehrere Male. Mit vielen neuen Ideen und einigen kleineren Anpassungen an die Gegebenheiten in unserem Jugendclub haben wir es schließlich möglich gemacht, unseren Jugendlichen eine neue Stimme zu verleihen. Wir haben einen Nachmittag in netter Atmosphäre ausgerichtet, um Lust aufs Diskutieren und Verändern zu machen.
Nachdem die Jugendlichen ihre Gedanken mit Hilfe der Leitbilder schriftlich festhalten konnten, folgte eine sehr lange und ergiebige Diskussion, aus der sich einige Veränderungen im Sinne der Jugendlichen ergaben: Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass sie sich festere Regeln zur Nutzung des Internets wünschen sowie eine offen aushängende Hausordnung. Am meisten hat mich beeindruckt, dass alle einen Clubrat wollten, in dem sie sich mit den Sozialarbeitern über Probleme, Projekte und Veränderungswünsche austauschen können. Viele Sachen davon haben wir bereits begonnen umzusetzen, andere brauchen noch Zeit. Sie sind alle auf einer Infotafel in unserem Club festgehalten, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Ich bin sehr froh, dass die Jugendlichen sich an diesem Prozess weiter beteiligen.
Als Fazit möchte ich sagen, dass mir die Arbeit an und mit dem Audit sowie der Prozess seiner Umsetzung viele neue Erkenntnisse gebracht haben. Für mich war es eine sehr schöne Erfahrung, Teil dieses Projektes gewesen zu sein, mich mit so vielen interessanten und unterschiedlichen Menschen austauschen und meinen eigenen Horizont in vielerlei Hinsicht erweitern zu können. Das Audit hilft mir bei meiner weiteren Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.“