Paul Scherf von der Dreiklangschule in Schwedt präsentiert das Auditprojekt auf dem Abschlussworkshop in Neustrelitz
Die Entwicklung von Anerkennungskultur an Schulen ist ein aktuelles Thema – auch für ländliche Regionen wie die brandenburgische Uckermark. Die Dreiklangschule in Schwedt war bereit, am Anerkennungsaudit teilzunehmen, und die Schulleitung will sich nach Abschluss des Projekts den Ergebnissen stellen und die nötigen Veränderungen initiieren.
Die Audit-Gruppe in Schwedt bestand aus zehn Personen: sechs Schülerinnen und Schüler, zwei Eltern, eine Lehrkraft sowie der lokale Koordinator, der stets in Kontakt mit der überregionalen Projektleitung, der Entwicklungsgruppe und den anderen lokalen Partnern stand. Die Gruppe war als offene Gruppe konzipiert, in die sich jeder und jede mit Interesse am Thema einbringen konnte. Dazu sprach die Schulleitung gezielt interessierte, motivierte Schülerinnen und Schüler an.
Während des Projektzeitraums traf sich die Gruppe zu mehreren Sitzungen und Workshops. Schon der Auftaktworkshop im November 2007 zeigte: Die Gruppe muss sich intensiv mit den Leitsätzen und Kriterien auseinandersetzen. Dies erfolgte in vier Schritten. 1) Die Leitsätze und Kriterien in ihren Dimensionen und ihrer Komplexität zu durchdringen; 2) ihren Bezug zu den Ausgangsthesen des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) zu verdeutlichen; 3) sie auf die konkrete Situation der Schule abzustimmen; 4) Formulierungen zu finden, die einerseits den Schülern gerecht werden und andererseits den Diskussionsstand wiedergeben.
Nach der Durcharbeitung der Leitsätze folgte der nächste Schritt. Die Erhebung des derzeitigen Zustands erfolgte in Form eines Fragebogens, so dass sich möglichst viele Schulmitglieder beteiligen konnten. Die Leitsätze wurden in Rechte umformuliert, und die Befragten sollten darüber abstimmen, ob sie über diese Rechte verfügen und welche davon sie überhaupt für relevant erachten.
Die ersten Ergebnisse zeigen: ein Großteil der Lernenden schätzt das Klima an der Dreiklangschule eher positiv ein. Werden die Kriterien einzeln betrachtet, ist die Streuung jedoch größer. Im Vergleich der Leitsätze untereinander wird deutlich, dass ihnen eine unterschiedliche Relevanz zugesprochen wird. Auffallend ist, dass es Kriterien gibt, bei denen das Geschlecht eine besondere Rolle zu spielen scheint, insbesondere bei den Leitsätzen "Identität“ und "soziale Identität“.
Die gegebenen Antworten lassen vermuten, dass es Mädchen besser gelingt als Jungen, sich in der Schule mit Themen ihrer Persönlichkeitsentwicklung auseinander zu setzen. Zudem gelingt es ihnen besser, Kontakte aufzubauen und Ansprechpersonen in Krisensituationen zu finden. Die Antworten zeigen auch, dass die Differenzen in der Wahrnehmung von Anerkennung innerhalb eines Jahrgang manchmal höher sind als im Vergleich der Jahrgänge untereinander. Eine weitere Auffälligkeit zeigte sich beim Vergleich einzelner Klassen: Eine Klasse gab in diversen Merkmalen weniger Gleichwertigkeits- bzw. Anerkennungserfahrungen an als der Durchschnitt des Jahrgangs sowie der Schule.
Was geschieht nun mit diesen vielen wertvollen Ergebnissen und Daten? Die Teilnehmer der Audit-Gruppe wollen die Ergebnisse in der Schule präsentieren, neu aufgeworfene Fragen formulieren und darüber diskutieren. Nach der Umsetzung soll nochmals eine Erhebung erfolgen, um zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung der Gleichwertigkeits- und Anerkennungskultur an der Schule entwickelt hat.
Die Projektgruppe aus Schwedt
Paul Scherf, Schüler einer 9. Klasse: "Meine Mitschüler hörten mir gespannt zu"
"Die Befragung der einzelnen Klassen mit den Fragebögen war ein Gang ins Ungewisse. Ich kannte einige Gesichter vom Schulhof, aber ich wusste nicht, wie die Schülerinnen und Schüler auf mich reagieren würden. Ich bekam die Fragebögen in die Hand gedrückt und die Einweisung, die ich meinen Mitschülern geben sollte. Und dann ging es los. Ich kam in die Klasse, es war noch Pause und ein riesiges Chaos. Dann klingelte es, die Schülerinnen und Schüler standen auf und man begrüßte sich. Der Lehrer stellte mich kurz der Klasse vor und sagte, dass ich heute die Stunde leiten würde. So, jetzt stand ich vor ca. 25 Schüler einer siebten Klasse, erzählte ihnen über unser Projekt und darüber, was wir mit ihm erreichen wollen. Überrascht stellte ich fest, dass sie mir gespannt zuhörten.
Nachdem ich sie über das Projekt informiert hatte, stellte ich ihnen den Fragebogen vor und erklärte, wie man ihn ausfüllt. Während die Mädchen und Jungen dies taten, war so eine Ruhe in der Klasse, dass man eine Nadel hätte fallen lassen können. Vereinzelt kamen Fragen zu bestimmten Begriffen wie z.B. „Gruppe“ und deren Definition. Nach etwa zwanzig Minuten waren alle fertig und ich sammelte die Fragebögen wieder ein. Ich verabschiedete mich von der Klasse und bedankte mich für ihre Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, den Fragebogen auszufüllen. Zu meiner großen Überraschung fing die Klasse an zu applaudieren. Ich dachte mit voller Zufriedenheit, dass ich diese Aufgabe gut gemeistert habe.“