Setzt sich für mehr gegenseitige Anerkennung im Schulalltag ein: die Projektgruppe aus Waren/Müritz
Wie entscheidend für den Erfolg des Anerkennungsaudits eine gründliche Vorbereitung ist, zeigt das Beispiel Waren an der Müritz. Im Warener Stadtteil Papenberg nahmen rund 280 Schülerinnen und Schüler einer Ganztagsschule an dem Audit teil – mit großem Erfolg.
Wie bei jeder Methode muss auch vor der Durchführung eines Anerkennungsaudits klar sein, welche Ziele am Schluss erreicht werden sollen. Denn jede Schule, jeder Stadtteil, jeder Sozialraum, hat ganz spezifische Charakteristika und Probleme, die nicht nach „Schema F“ gelöst werden können. Waren-Papenberg ist ein junger Stadtteil: in dem knapp 3.700 Einwohner zählenden Wohngebiet sind 34 % der Menschen unter 25. An dem Audit nahmen rund 280 Schülerinnen und Schüler der Ganztagsschule Friedrich Dethloff teil.
Gute Vorbereitung: das A und O eines Audits
Den Sozialraum erkunden
Um den Stadtteil, seine jugendlichen Bewohner und deren Problemlagen kennen zu lernen, wurde mit Hilfe einer Fragebogenaktion ein erstes Stimmungsbild ermittelt. So wurde zum Beispiel gefragt, welche Angebote es für Jugendliche gibt und ob die Jugendlichen sich in ihrem Stadtteil wohl fühlen. Bei einem ersten Treffen mit Vertretern der Stadtverwaltung, Wohnungsgesellschaften und Jugendeinrichtungen sowie mit Trainern und Jugendlichen dienten die Ergebnisse als Einstieg in die Diskussion. Interessant: die Meinungen über Papenberg klafften weit auseinander. Während die institutionellen Vertreter dem Wohngebiet eine hohe Attraktivität bescheinigten, beschrieben die jugendlichen Bewohner zumindest den Plattenbauteil als sozialen Brennpunkt.
Die Bereitschaft der Schule
Die Bereitschaft zur Mitwirkung von Seiten der Schulleitung und der Pädagogen ist eine wichtige Voraussetzung für den Projekterfolg. Positiv im Falle von Papenberg: Die Schulleiterin der Friedrich-Dethloff-Schule unterstützte das Projekt von Anfang an. Dies ist nicht selbstverständlich, da bei der Befragung und Diskussion mit den Schülern mit kritischen Stimmen zum Schulklima gerechnet werden muss und zudem zeitliche Ressourcen bereitgestellt werden müssen. Die Schule stellte für das Projekt Räumlichkeiten zur Verfügung, und die am Audit beteiligten Jugendlichen wurden vom Unterricht freigestellt. Um bei den Schülern Interesse und Begeisterung für das Audit zu wecken, wurden vorab Gespräche mit den Klassensprechern geführt und Informationsflyer verteilt.
Raum lassen für eigene Erfahrungen
Trainer bzw. Moderatoren sind für die Durchführung des Audits unerlässlich. Sie sind mit den inhaltlichen Themen vertraut und können verschiedene Moderationsmethoden anwenden. Die Trainer können aus der Zielgruppe kommen, also in unserem Falle Schüler oder Vertreter verschiedener Institutionen sein, die sich im Bereich Demokratiepädagogik fortbilden möchten. Aber auch Menschen, die sich ganz allgemein für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen wollen, können ein Anerkennungsaudit moderieren. In Papenberg fand sich eine Gruppe von Sozialarbeiterinnen und Gymnasiastinnen zusammen. Sie erhielten ein Sensibilisierungs- und Moderationstraining zum Thema (Un-) Gleichwertigkeit in Form von verschiedenen Workshops.
Doch allein Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln genügt nicht. Das wurde während des Projektverlaufs allen Beteiligten klar. Ganz wichtig für den Erfolg des Audits ist es, den Teilnehmenden genügend Raum zum Erleben und Reflektieren eigener Vorurteile und selbst erlebter Ungleichheitserfahrungen zu lassen. Erst durch die Thematisierung persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse der Jugendlichen bekommen die Begriffe „Anerkennung“ und „Gleichwertigkeit“ für die Schülerinnen und Schüler ein konkretes Gesicht. Zudem ist es notwendig, vor der eigentlichen Projektdurchführung Vorurteile und Ausgrenzungsmechanismen zu thematisieren, beispielsweise im Rahmen von Diversity- oder Anti-Bias-Trainings.
Das Audit in der Schule
Die erste Anhörung, also die Durchführung des eigentlichen Audits, fand unter Beteiligung von 32 Schülerinnen und Schülern statt. Als Methode wählten die Projektleiter das „Worldcafe“: An den insgesamt sechs Moderationstischen wurde jeweils ein „Audit-Leitsatz“ diskutiert. Die Tische waren mit je einer Trainerin besetzt, die sich zum jeweiligen Thema vorbereitet hatte.
Die Jugendlichen konnten sich zunächst an den verschiedenen Tischen über die Leitsätze informieren und eine erste Bewertung abgeben. Danach wählten sie einen der Thementische aus, an denen über die Leitsätze und deren Kriterien diskutiert wurde. Die Trainerinnen hatten die Aufgabe, die Diskussion zu moderieren, Fragen der Jugendlichen zum Thema zu klären sowie erste Ergebnisse und Verbesserungsvorschläge festzuhalten. Im Anschluss hatten die Schülerinnen und Schüler noch einmal die Möglichkeit, ihre positiven und negativen Erfahrungen zu den einzelnen Kriterien sowie Lösungsvorschläge und Ideen zu notieren. Dies gibt auch den Stilleren die Möglichkeit, sich zu äußern. Außerdem bilden diese Notizen die Grundlage für die spätere Auswertung. Nach der Auswertung der Ergebnisse erfolgte ein zweites Treffen zur nochmaligen Überarbeitung.
Die Ergebnisse überzeugen
Die Themen Beteiligung sowie Akzeptanz und Respekt standen an oberster Stelle der Rangliste. Die Jugendlichen möchten ernster genommen werden, respektiert von ihren Mitschülern und den Lehrkräften. Sie wollen an Entscheidungen teilhaben und aktiv ihre Schule mitgestalten. Konkrete Vorschläge: eine teilweise Selbstverwaltung des Schülercafés und das Angebot eines „Respekt-Trainings“. Außerdem wünschten sich die Schüler eine bessere Information über Schulentwicklungsfragen und mehr Angebote im Ganztagsbereich.
Die Schulleitung und das Kollegium nehmen die Ergebnisse ernst und wollen zukünftig die Schülerinnen und Schüler besser einbeziehen. Weitere Maßnahmen für die Aktionsfelder Partizipation und Akzeptanz/Respekt wurden geplant und werden im nächsten Schuljahr umgesetzt.
Tipps für die Durchführung eines Audits
- viel Zeit für die Vorbereitung einplanen
- intensive Vorgespräche mit möglichen Beteiligten führen
- Sensibilisierung aller Beteiligten für eigene Vorurteile und Diskriminierungsmuster
- Transparenz der Auditergebnisse gewährleisten
- fachliche Begleitung und Unterstützung bei allen Arbeitsschritten gewährleisten
- frühzeitig Ressourcen für die Umsetzung der Maßnahmen akquirieren
- die Schulleitung bzw. Stadtpolitik von Beginn an einbeziehen, um eine Umsetzung der Ergebnisse zu gewährleisten
- Einbindung des Audit in einen längeren Stadtteilarbeits- bzw. Gemeinwesenarbeitsprozess