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Was ist Antisemitismus?

© Amadeu Antonio Stiftung

 

Unter dem Begriff „Antisemitismus“ kann man „die Gesamtheit judenfeindlicher Äußerungen, Tendenzen, Ressentiments, Haltungen und Handlungen unabhängig von ihren religiösen, rassistischen, sozialen oder sonstigen Motiven“ (Benz 2001, 129) fassen.

Darunter fallen Schändungen von jüdischen Friedhöfen, judenfeindliche Schmierereien, die Leugnung des Holocausts, Brandanschläge auf Synagogen sowie Beleidigungen und körperliche Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden. Auch Aussagen über den Nahostkonflikt, die beanspruchen, legitime Kritik an der Politik Israels zu üben, können antisemitische Inhalte haben. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Israel das Existenzrecht abgesprochen wird oder eine Gleichsetzung der israelischen Politik mit den Verbrechen der Nationalsozialisten sprachlich konstruiert wird, indem eine „Vernichtungspolitik“ gegenüber Palästinenserinnen und Palästinensern vorgeworfen wird. Wird das Wort „Jude“ als Schimpfwort auf dem Schulhof oder im Fußballstadion genutzt, handelt es sich nicht um eine unpolitische Aussage, sondern um eine antisemitische Beleidigung.


Antisemitismus zeigt sich also in verschiedenen Formen, er ist wandelbar und manchmal nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Erscheinungsformen, dass sie nichts mit dem tatsächlichen Verhalten, Handeln oder Dasein von Jüdinnen und Juden zu tun haben. Antisemitismus richtet sich gegen Jüdinnen und Juden, ist aber eine Projektion der Antisemitinnen und Antisemiten selbst. Jüdinnen und Juden wird die Verantwortung für gesellschaftliche Probleme, Konflikte und Ängste von Seiten der Mehrheitsgesellschaft zugeschoben. Deshalb nennt der Philosoph und Sozialforscher Theodor W. Adorno den Antisemitismus auch treffend „das Gerücht über die Juden".

Wer glaubt, Antisemitismus sei in Deutschland nach dem Holocaust endgültig verschwunden, täuscht sich. Antisemitische Straf- und Gewalttaten werden in Deutschland regelmäßig registriert. So wurde beispielsweise im August 2011 ein 15jähriger jüdischer Junge in Stuttgart von einer Gruppe Jugendlicher überfallen, als „Judensau“ beleidigt und geschlagen (vgl. Chronik antisemitischer Vorfälle).

Erscheinungsformen des Antisemitismus


Die Antisemitismusforschung unterscheidet im Groben zwischen der Judenfeindschaft im Mittelalter (christlicher Antijudaismus), die in einen Zusammenhang mit religiösen und wirtschaftlichen Motiven gestellt wurde und dem modernen Antisemitismus, der sich im 19. Jahrhundert herausbildete und in den Holocaust mündete.

Der christliche Antijudaismus wird von Seiten der Kirche im Mittelalter theologisch begründet. Christen verstanden sich als Empfängerinnen der wahren göttlichen Offenbarung. Die Juden würden sich dem göttlichen Heilsplan entziehen, da sie nicht an Jesus Christus glauben, sie seien also Ketzer und Gottlose. In Abgrenzung zu den „verstockten“ Jüdinnen und Juden, identifizierten sich Christinnen und Christen als das „wahre Israel“.

Neben Identifizierung und Abgrenzung, wurden vor allem wirtschaftliche und politische Gründe für das Ressentiment herangezogen. Typische antijudaistische Motive sind der Vorwurf des Christusmords und des Ritualmordes an christlichen Kindern, des Hostienfrevels, der Brunnenvergiftung und der Wucherei.

Der moderne Antisemitismus, der sich seit der Reformation und der Entwicklung des Kapitalismus etabliert, kann als Reaktion auf die Anforderungen der modernen Gesellschaft verstanden werden. Juden und Jüdinnen werden für die neue Wirtschaftordnung und die gesellschaftlichen Veränderungen verantwortlich gemacht. So werden im rassistischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts Jüdinnen und Juden zur Ursache für den Untergang einer imaginierten, „ursprünglichen“ Nation erklärt. Der moderne Antisemitismus knüpft an den christlichen Antijudaismus an, einige seiner Motive werden verändert, wie z.B. das Bild des jüdischen Kapitalisten, das in Verbindung mit dem mittelalterlichen Vorwurf der Wucherei steht. Neu ist hingegen die Vorstellung der Juden als „Rasse“.
Im deutschen Nationalsozialismus führen Feindschaft und Hass gegenüber Jüdinnen und Juden zur wahnhaften Vorstellung, Jüdinnen und Juden müssten als „Feind des deutschen Volkes“ vernichtet werden. Sechs Millionen Jüdinnen und Juden wurden systematisch durch Nationalsozialisten in den Konzentrations- und Vernichtungslagern oder in Massenerschießungen ermordet.

Antisemitismus nach, trotz und wegen Auschwitz

Für die Zeit nach 1945 kann zwischen sekundärem Antisemitismus und Antizionismus unterschieden werden.

Sekundärer Antisemitismus oder Antisemitismus „trotz Auschwitz“ bezeichnet dabei den Versuch der Tätergesellschaft, die für sie belastenden Folgen der nationalsozialistischen Judenvernichtung den Opfern anzuhängen. Angehörige der Tätergesellschaft und nachfolgende Generarionen versuchen sich individuell und kollektiv von der Geschichte des Nationalsozialismus zu entlasten, und den Opfern – den Jüdinnen und Juden – Schuld und Täterschaft zuzuschreiben. So wird Juden und Jüdinnen beispielsweise vorgeworfen, als Partisaninnen und Partisanen gekämpft zu haben, weswegen sie „rechtmäßig“ getötet worden seien. Ein weiterer Vorwurf greift das mittelalterliche Bild des „rachsüchtigen Juden“ auf: Juden würden den Deutschen Auschwitz immer weiter vorhalten und so daran hindern, ein „gesundes“ Verhältnis zur Nation aufzubauen.

Antizionismus bestreitet das Existenzrecht sowie das Recht auf Selbstverteidigung des 1948 gegründeten Staates Israel. Eine vermeintliche Kritik an der Politik Israels beinhaltet stereotype, generalisierende und dämonisierende Zuschreibungen und mutiert auf diesem Wege zu einer Israelfeindschaft. Antizionistische Positionen finden gesamtgesellschaftlich breite Zustimmung und werden sowohl von sich politisch links verortenden Gruppierungen, als auch von der extremen Rechten und islamistischen Gruppierungen geäußert.

Der Antisemitismus nach 1945 bedient sich häufig des alten Motivs der „jüdischen Weltverschwörung“: Jüdinnen und Juden würden „hinter den Kulissen“ Wirtschaft und Politik nach ihren Interessen leiten. Dieses Motiv, das typisch für den modernen Antisemitismus ist, lässt sich insbesondere in einem vereinfachten und regressiven Antikapitalismus wiederfinden. „Jüdische Banker“, „Unternehmer“ oder „Manager“ werden seit dem 19. Jahrhundert von verschiedenen Seiten als vermeintliche Nutznießer des Kapitalismus entworfen und dargestellt.

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist ein deutlicher Anstieg des Antisemitismus weltweit und in mehreren europäischen Ländern zu beobachten. In kruden Verschwörungstheorien werden Jüdinnen und Juden als heimliche Drahtzieher der Anschläge verantwortlich gemacht, da sie angeblich wirtschaftlich oder politisch profitieren würden. Grundsätzlich handelt es sich hierbei nicht um einen „neuen Antisemitismus“. Als aktuelles Phänomen lässt sich die weltanschauliche Annäherung hinsichtlich antisemitischer Positionen zwischen Gruppen beschreiben, die ansonsten ideologisch weit voneinander entfernt sind.

Wozu benötigt man ein Gerücht über die Juden? Funktion der Judenfeindschaft


Mit Hilfe des Antisemitismus wird versucht, komplexe gesellschaftliche Probleme (scheinbar) verständlich zu erklären. Die einfache Erklärung für schwierige Zusammenhänge lautet dann: „Die Juden sind schuld.“ Als Welterklärungsformel wird der Antisemitismus auf diese Weise zur Erklärung und Deutung verschiedener und sogar gegensätzlicher gesellschaftlicher Prozesse und Phänomene herangezogen. Beispielsweise wird behauptet, die Juden hätten den Holocaust selbst erfunden oder zumindest übertrieben, um Deutschland und die westliche Welt erpressen zu können und Zahlungen für den Aufbau Israels zu erhalten.
Dem Antisemitismus innewohnend sind Konstruktionen von einander gegenüberstehenden Kollektiven einer vorgestellten Gemeinschaft, nach dem Prinzip: „Wir und die Anderen“. Diese identitätsstiftende Funktion ist verbunden mit einer Aufwertung der eigenen (nichtjüdischen) konstruierten Gruppe und geht einher mit der Möglichkeit, „die Anderen“ auszugrenzen, bis hin zur Feindschaft gegenüber jenen, denen ein Jüdischsein zugeschrieben wird. Im Alltag bedeutet Antisemitismus somit immer auch Gewalt, sei es in Form von Ablehnung, Diskriminierung, Verfolgung oder gar Mord.

Die Selbstaufwertung durch die Ausgrenzung anderer teilt sich der Antisemitismus mit dem Rassismus. Spezifisch für den Antisemitismus ist die Welterklärungsfunktion, die sich beispielsweise in antisemitischen Verschwörungstheorien zeigt und die Angstbesetzung der antisemitischen Imagination: Der Antisemit fühlt sich häufig „den Juden“ unterlegen und hat Angst vor ihren „geheimen Mächten“.

 

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