Ausgabe Nr. 77, August 2011
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Dies ist der neue Newsletter der Amadeu Antonio Stiftung mit aktuellen Mitteilungen aus der Stiftung, vom Opferfonds CURA und den Internetportalen www.mut-gegen-rechte-gewalt.de sowie www.netz-gegen-nazis.de.
Liebe Leserinnen und Leser,
die Tragödie von Norwegen hat uns alle sehr mitgenommen. Wir denken an die Opfer, an ihre Familien und an diejenigen, die das Unglück überlebt haben. In den Bildern vom Unglücksort sahen wir junge Leute, deren Leben aus den Fugen geraten ist. Und ehrlich gesagt, ist das auch mein Lebensgefühl in diesen Tagen. Das Morden in Norwegen löst bei mir ein ähnliches Gefühl von Schreck und Ratlosigkeit aus, wie der 11. September vor 10 Jahren. Das Massaker von Norwegen wird politische und emotionale Folgen haben für ganz Europa. Denn das hier ist ein europäisches Ereignis. Ganz eindeutig. Und es gefährdet Europa. Denn das besteht aus mehr als nur einer Währung oder einem Wirtschaftssystem.
Die Opfer von Oslo sind junge Leute, sie sind Norweger und Freunde aus anderen Ländern. Ich finde, wir sollten uns mit ihnen beschäftigen und nicht allein mit dem Täter. In den Interviews nach der Tat sahen wir in Gesichter, die nicht verstehen konnten, was geschehen war. Die junge Generation auf der Insel bei Oslo lebt aktiv in einer globalisierten Welt. Mit anderen engagierten Jugendlichen verbinden sie gemeinsame Interessen an Politik und Kultur oder Wertvorstellungen, vielleicht sogar eine vergleichbare soziale Herkunft. Das allein bringt sie zusammen und nicht die ethnische Herkunft oder ihre Religion. Die globale junge Generation ist längst multikulturell. Viele haben Migrationshintergrund oder leben in binationalen Familien. So sieht Europa heute aus. Und wer dagegen mit Bomben und Gewehren antritt ist ein einfach nur ein Rassist.
Will Europa nicht ein unbedeutender Platz auf der Welt werden, der am Ende nur aus Sehenswürdigkeiten wie Fachwerkhäusern, gotischen Kirchen oder schönen Fjörds besteht, dann muss es die Welt hineinlassen. Ohne die nötige Offenheit kann es keine Entwicklung mehr geben. Ohne Einwanderung können die Herausforderungen nicht mehr beantwortet werden. Europas Stärke ist die Demokratie. Demokratie ohne Offenheit, aber dafür mit einem rassistischen Grundton, kann es nicht geben. Der Täter von Oslo zeigt es uns.
Es wird viel über seinen islamfeindlichen Hintergrund diskutiert. Aber stimmt das? Was sind das für Leute, die sich als islamkritisch bezeichnen und wilde Phantasien und Paranoia schüren gegen die Bedrohung durch den Islam? Ich bin davon überzeugt, dass dies nur ein platter rhetorischer Trick ist und eine verdammte Lüge. Die rechtspopulistischen Islamhasser schieben ihre Religionskritik vor, weil der reine Rassismus in Europa nicht mehr konsensfähig ist. Doch wie man an der Wahl der Opfer von Oslo sieht, sind die Feinde keineswegs die Muslime oder der Islam, sondern die Kinder des offenen, multiethnischen Europa. Die ermordeten Jugendlichen in dem sozialdemokratischen Camp waren aller Wahrscheinlichkeit nach eher säkular als religiös, eher kosmopolitisch als fundamentalistisch. Vor denen also fürchtete sich der Täter und nicht vor „dem Islam“. Die Verteidiger der westlichen Demokratie vor den Zumutungen des islamischen Fundamentalismus – so sehen sich die Leute aus dem „islamkritischen Milieu“ – sind in Wahrheit ganz banale, primitive Rassisten, die gegen die moderne Gesellschaft, die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Globalisierung kämpfen. In ihren Hasstiraden sehen sie sich als Minderheit in einem überfremdeten, islamisierten Europa. Das ist statistisch und in jeder anderen Hinsicht Unsinn und verdreht die Machverhältnisse und Rassismen in ihr Gegenteil. Wer beispielsweise hysterisch und den Anlässen unangemessen vor „Deutschenfeindlichkeit“ warnt, reitet genau auf dieser Welle.
In den ideologischen Grabenkämpfen um Einwanderung und ethnische Pluralität wird viel gelogen und Missbrauch betrieben. Es wird Zeit, dass Europa und gerade Deutschland sich klar bekennt zur einer Zukunft, in der Rassismus keinen Platz hat: aus moralischen UND politischen Gründen. Sätze wie: „Multikulti ist gescheitert!“ die letztes Jahr leider auch von der Kanzlerin zu hören waren, zeugen vom unzeitgemäßen Ungeist des alten weißen Herrenmenschentums. Das neue Europa mitten in der Welt wäre demnach gescheitert. Dieses Europa sollte nicht bekämpft sondern gestaltet werden. Einschließlich der Tatsache, dass Einwanderung notwendig und wünschenswert ist! Daran arbeiten wir Tag für Tag. Der Ungeist der ethnisch wie religiös bereinigten, also ausschließlich weißen Nationen, sollte ein für alle mal verschwinden, denn er enthält die Obszönitäten des Rassismus. Bei Neonazis wie bei „Islamfeinden“. Das sind wir den Opfern von Norwegen schuldig!
„Nie wieder Kommunismus – Freiheit für Deutschland“, heißt dieses Jahr das Motto der Neonazis für eine ihrer größten Rechtsrockveranstaltungen. Das NPD-Fest „Rock für Deutschland“ findet dieses Jahr am 6. August zum neunten Mal in Gera statt. Und wieder spielt die Neonazi-Band die „Lunikoff-Verschwörung“. 2009 gelang der NPD mit dieser Band und ihrem Mitglied Michael Regener ein Rekord von etwa 4.000 Besucherinnen und Besuchern. Der Ex-Landser-Sänger Michael „Lunikoff“ Regener gilt als eine Art Märtyrer in der Szene. Der seit Jahren beliebte Veranstaltungsort für das „Rock für Deutschland“-Festival – die sogenannte „Spielwiese“ in Gera – kann nach Informationen der Stadtverwaltung dieses Jahr für die menschenverachtende Propagandaveranstaltung nicht genutzt werden. Stattdessen muss jetzt auf einen Parkplatz vor dem ehemaligen Gelände der Bundesgartenschau ausgewichen werden. Aber ob Wiese oder Parkplatz, den breiten Protesten können sich die Neonazis sicher sein.
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www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/meldungen/kein-parkplatz-fuer-neonazis
Immer wieder sind Neonazis ungebetene Gäste bei öffentlichen Veranstaltungen: 2008 provozierten sie auf einer Veranstaltung der Grünen im Augsburger Rathaus. 2009 wurde die Gedenkfeier zur Reichspogromnacht mit Parolen und Trillerpfeifen in Dortmund gestört. 2010 bedrängten sie das Publikum eines Informationsabends zur neonazistischen Szene in Borna-Geithain. Diese Ereignisse sind nur ein Bruchteil von zahllosen ähnlichen Aktionen der Neonazis. Was kann man dagegen tun? Um zu verhindern, dass Neonazis in den Veranstaltungsablauf eingreifen, sollten sich die Veranstaltenden mit der Gefahr auseinandersetzen und sich über alle Möglichkeiten und Rechte vor und während der Veranstaltung informieren. Wie es möglich ist, Neonazis von der eigenen Veranstaltung fern zu halten, erfahren Sie auf „Mut gegen rechte Gewalt“.
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www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/projekte/tipps-fuer-engagement/veranstaltung-ohne-neonazis
Sommerzeit ist Festivalsaison. Die Freude an guter Musik ist dabei wichtig. Es geht aber oft auch um ein Zeichen gegen Neonazis – wie in Limbach-Oberfrohna oder in Jamel. Wir unterstützen Vereine und Initiativen, die auch kulturelle Veranstaltungen nutzen, um sich gegen Neonazis zu engagieren. Helfen Sie uns dabei mit Ihrer Spende.
„Von der Stadt bekommen wir keinerlei Unterstützung - es ist auch keine zu erwarten“, sagt Daniel Drescher, Mitglied der sozialen und politischen Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V. Trotz dieser ernüchternden Aussage organisiert der Verein in diesem Jahr zum zweiten Mal das „Stay Rebel“-Festival. Unter dem Motto „Aufstand im Schlaraffenland“ erwartet die Besucherinnen und Besucher ein vielfältiges Programm, dass neben Livemusik auch Vorträge, Worksshops und eine Filmvorführung bietet. Ziel ist es, über die neonazistische Szene in Limbach-Oberfrohna aufzuklären und dieser etwas entgegenzusetzen. Scheinbar ist dieses Engagement in Limbach-Oberfrohna nicht gern gesehen. Die Jugendlichen müssen viele Hindernisse, Misstrauen und Angriffe gegen sie aushalten. Um ihnen die Unterstützung zu geben, die sie für ihr Engagement verdienen, fördert die Amadeu Antonio Stiftung die Workshops auf dem Festival. . Das diesjährige „Stay Rebel“ findet am 20. August auf dem Johannisplatz in Limbach-Oberfrohna zwischen 13 und 22 Uhr statt. Wie im letzten Jahr ist der Eintritt frei.
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/stay-rebel-in-limbach-oberfrohna
„Zum Glück wurde niemand verletzt“, sagt Andrew Walde, Gruppenleiter der Jugendorganisation „Die Falken“. Glück im Unglück. Denn in der Nacht zum 27. Juni wurde auf das Kinder- und Jugendzentrum „Anton Schmaus Haus“ der Falken in Berlin-Neukölln ein Brandanschlag verübt, der einen Schaden von 200.000 Euro anrichtete. Dies war einer von fünf Brandanschlägen, die in dieser Nacht in Berlin auf alternative Jugend- und Kulturprojekte verübt wurde. Neben dem finanziellen Schaden leidet im Anton Schmaus Haus auch die Jugendarbeit. Da das Sommerferienprogramm nun nicht wie geplant stattfinden kann, müssen schnellstmöglich Alternativen gefunden werden. Um die wertvolle Jugendarbeit wieder aufnehmen können, sind die Falken auf Spenden angewiesen. Der Opferfonds CURA hat schnelle Hilfe zugesagt. „Wir versuchen zu erkennen, welche Dinge am akutesten benötigt werden“, so Walde
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/brandanschlag-auf-anton-schmaus-haus-in-neukoelln
„Die rassistisch motivierten Morde der vergangenen Jahre in Sachsen, zeigen, dass es dringend erforderlich ist, sich aktiv gegen Rassismus und Neonazis einzusetzen eine demokratische Kultur zu stärken“, erklärt Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung. Deshalb wird am 9. November 2011 zum fünften Mal der Sächsische Förderpreis für Demokratie verliehen. Die Unterzeichnung einer „Demokratieerklärung“, wie sie seit vergangenem Jahr von der sächsischen Landesregierung gefordert wird, wird aufgrund von Veränderungen innerhalb des Veranstalterkreises nicht mehr nötig sein. Ausgeschrieben wird der Preis dieses Jahr von der Amadeu Antonio Stiftung, der Freudenberg Stiftung und der Sebastian Cobler Stiftung. „Die sogenannte Demokratieerklärung ist ein Misstrauensbeweis gegenüber zivilgesellschaftlich Engagierten und schwächt das gemeinsame Engagement gegen Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit“, sagt Dorothee Freudenberg, Kuratoriumsmitglied der Freudenberg Stiftung. „Eine ‚Demokratieerklärung’ halte ich für schädlich und kontraproduktiv“, sagt Helga Dierichs, Stifterin und stellvertretende Vorsitzende der Sebastian Cobler Stiftung. Der 16. September ist Bewerbungsschluss.
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www.demokratiepreis-sachsen.de
Über die Hälfte des Förderjahrs 2011 ist nun vorüber und die Amadeu Antonio Stiftung konnte mit 89.652,35€ über 60 Projekte, Initiativen und Einzelpersonen fördern. Ohne die zahlreichen Spenderinnen und Spender, Stifterinnen und Stifter wäre dies nicht möglich gewesen. An dieser Stelle gebührt ihnen ein besonderer Dank. Dass sich die Projekte weit um die Themenfelder des Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus streuen und immer versuchen, vor Ort eine demokratische Zivilgesellschaft zu stärken, wird an den Jugendprojekten des Soziale Bildung e.V., dem Projekt „Spiel Grenze“ der Evangelischen Kirchengemeinde Joachimsthal und dem Dreist e.V. sowie dem Projekt „Alles Inklusive – von der Normalität des Unterschieds“ des Fördervereins Tolerantes Sachen e.V. gut deutlich.
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/halbjahresbilanz-60-gefoederte-projekte
„Wir hatten das berühmte Glück im Unglück“, freut sich die Veranstalterin des „Forstrock“-Festivals für Demokratie und Toleranz über ihre neue Headliner-Band „Haudegen“. Die ursprüngliche geplante Band war ihnen letzte Woche kurzfristig weggebrochen. Birgit und Horst Lohmeyer organisieren seit nun fünf Jahren das sommerliche „Forstrock“-Festival in Jamel zum Trotz gegen die dort ansässige Neonazi-Gemeinschaft. In sechs von zehn Häusern im beschaulichen Dorf wohnen bekennende Neonazis, was auch überall zu spüren ist. „Wenn uns hier was passieren würde, mit den Nachbarn können wir nicht rechnen“, bedauert Birgit Lohmeyer. Dass sich die Lohmeyers aber trotzdem nicht aus Jamel vertreiben lassen und sich obendrein noch für mehr Demokratie und Toleranz einsetzen, verlangt viel Mut und Courage. Ein solches Engagement unterstützt die Amadeu Antonio Stiftung sehr gern. Vom 5. Bis 7. August kann auf dem Forsthof gesungen, getanzt und gefeiert werden.
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/jamel-rockt-den-foerster
„Urlaub - das ist jene Zeit, in der man zum Ausspannen eingespannt wird“, stellte der Schauspieler Hans Söhnker fest. Offenbar haben sich nun auch brandenburgische Neonazis diese Aussage zum Anlass genommen und nutzen den Reiterhof Blumberg e.V in Ahrensfelde, um unter nichtsahnenden Pferdefreundinnen und –freunden ihre braune Ideologie zu verbreiten. Statt netter Reitferien wird auf dem zunächst harmlos aussehenden Bauernhof „nationales Reiten“ für die „deutsche Jugend“ angeboten. Die Gruppen werden nicht nur nach Reiterfahrung, sondern auch nach „Weltanschauung“ eingeteilt. Und für den Sommer ist der Hof schon ausgebucht. Der CDU-Landtagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Teltow-Fläming, Danny Eichelbaum, äußerte sich besorgt und forderte die Schließung des Reiterhofes: „Die Gemeinde ist aufgefordert, schnellstmöglich zu prüfen, ob die Gewerbelizenz entzogen werden kann“.
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www.netz-gegen-nazis.de/artikel/wo-das-leben-ein-rechtsextremer-ponyhof-ist-8194
Samstag, 6. August, Gera
Gegen das NPD-Fest „Rock für Deutschland“ demonstrieren!
Freitag, 5. August, bis Sonntag, 7. August, Jamel
5. Open Air Rockfestival „Jamel rockt den Förster“, Forsthof Jamel, Froststraße 13, Jamel, Einlass ab 16 Uhr, Beginn um 18 Uhr.
Freitag, 12. August, Eberswalde
Symbolische Straßenumbenennung zum 49. Geburtstag von Amadeu Antonio an der Kreuzung Eberswalder Straße / Am Alten Walzwerk in Eberswalde um 11.00 Uhr.
Samstag, 20. August, Limbach-Oberfrohna
2. Alternativ-kulturelles Festival „Stay Rebell“ unter dem Motto „Aufstand im Schlaraffenland“ auf dem Johannisplatz, Limbach-Oberfrohna, von 13 bis 22 Uhr.
Montag, 29. August, Berlin
Übergabe der Gedenktafel für May Ayim am May-Ayim-Ufer, 10997 Berlin, 12 Uhr.
Freitag, 16. September, Sachsen
Bewerbungsschluss für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie
Copyright (c) 2011
Redaktionsschluss: 29. Juli 2011
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Redaktion: Katharina Weile. Mitarbeit: Anetta Kahane, Nora Winter, Lisa Lehmann, Timo Reinfrank (verantwortlich).