Ausgabe Nr. 76, Juli 2011
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Dies ist der E-Mail-Newsletter der Amadeu Antonio Stiftung mit aktuellen Mitteilungen aus der Stiftung, vom Opferfonds CURA und den Internetportalen www.mut-gegen-rechte-gewalt.de und www.netz-gegen-nazis.de.
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Liebe Leserinnen und Leser,
neulich waren wir in Szczecin. Das liegt in Polen. Szczecin ist mit etwa 400.000 Einwohnern eine der größeren Städte Polens und die größte in der Region. Polen ist von Deutschland objektiv gesehen genauso weit entfernt wie Frankreich; zumindest teilt man eine Grenze. Szczecin hieß früher Stettin und war eine deutsche Hansestadt. Im Krieg wurde sie fast vollständig zerstört. Weniger als 5 Prozent der Bevölkerung hat schon immer hier gelebt. Alle anderen kamen erst nach dem Krieg. Die meisten wurden hierher zwangsumgesiedelt. Der Krieg. In Deutschland mögen manche auf hohem Niveau über „ritualisiertes Gedenken” maulen und dass Erinnern doch wohl eher Privatsache sein sollte. In Polen haben die Leute keine Wahl. Die Folgen des Krieges begleiten sie in jeder Stunde ihres Alltags. Sie können es sich nicht aussuchen. Jede einzelne Familie in Szczecin ist noch vom Krieg gezeichnet. Ein Fuß nur hinter der Grenze und die selbstgefällige Debatte in Deutschland über das Erinnern und all diesen Kram, erscheint gespenstisch, realitätsfern und zynisch. Und wie zum Hohn: Aus einer neuen Studie des Allenbach Instituts kann man entnehmen, wie herablassend und vorurteilsvoll das Bild der Polen in Deutschland noch immer ist.
Inzwischen gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit, vor der die NPD entlang der Grenze ständig warnt. Auf dem Weg nach Szczecin habe ich mich in ein Feld gesetzt und mit einem Fernrohr den Horizont nach der befürchteten Polenwelle abgesucht. Die Uckermark auf der deutschen Seite aber blieb weiter leer. In einigen Ortschaften wohnen jetzt vereinzelte polnische Familien; sie haben leerstehende Häuser gekauft, aber die arbeiten in Szczecin. Keine Invasion also, außer die von Vorurteilen. Man glaubt in Deutschland nicht, dass Polen demokratisch sein können, dass es eine wachsende Wirtschaft gibt und dass etwas anderes als Kriminalität und Korruption das Land beherrscht. Also packte ich mein Fernglas wieder ein, denn solche Dinge sind mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Auch nicht mit einem Feldstecher aus echter deutscher Wertarbeit.
In Szczecin trafen wir Künstler, die von einer grenzüberschreitenden Republik eines ökologischen Kunstutopia träumten, eine Reihe von NGOs, die uns über den Dritten Sektor in Polen informierten und schließlich den Vertreter der ukrainischen Minderheit in Polen, der uns in sein multikulturelles Institut einlud. Er erzählte uns, wie schwer es die Ukrainer in Polen, besonders an der Westgrenze, hatten. Nach dem Krieg waren sie aus der bukowiner Gegend, die damals zu Polen gehörte nach Szczecin deportiert worden. Und das mit Schimpf und Schande, weil viele Ukrainer mit den Nazis kolaboriert hatten. Bis heute wird ihnen misstraut und es finden sich Schmierereien an ihren Häusern. Gewiss hatte der Mann in seinen 50ern nicht teilgenommen an all den Gräuel in der Ukraine, die besonders die dort lebenden Juden betraf. Doch sein Wunsch, ein multikulturelles Haus zu führen, rührte von den vergangenen Grausamkeiten. Er wollte, dass sich alle Minderheiten dort treffen: die wenigen Griechen, die Litauer, die vereinzelten Russen und wenn es geht auch die übrig geblieben Juden und Roma.
Auch für die Polen aus dem Osten des Landes, der nach Ende des Krieges der Sowjetunion zugeschlagen worden war, sollte dieser Ort eine Heimat sein. Szczecin als Chance, als Neubeginn für alle und das jetzt mehr als 70 Jahre danach. Diese 70 Jahre dauern noch an. Nach der Zerstörung, nach der Teilung des Landes, nach Neubesiedlung, nach Vertreibung der Juden zum Ende der 60er Jahre, nach sozialistischer Diktatur. Nach all dem ist es eben noch immer das Jetzt.
Es wird Zeit, dass in Deutschland verstanden wird, dass Krieg und Verbrechen nicht in vergessener Vorzeit liegen, sondern nur wenige Meter hinter der Grenze Gegenwart sind. Es ist Zeit, eine neue Perspektive einzunehmen und den Charakter dieser Nachbarschaft zu begreifen. Dazu gehört aber eine neue Art der Erinnerung, die bis in die Gegenwart reicht.
Perspektywa heißt das neue Projekt, das die Kollegen von der RAA Mecklenburg-Vorpommern und die der Amadeu Antonio Stiftung nach Szczecin geführt hatte, polenfeindliche Ressentiments abzubauen, ist sein Ziel. Ich freue mich und bin dankbar, dass wir am Neustart teilnehmen können. Und der Zynismus des deutschen Feullietons kann mir mal gestohlen bleiben.
Ihre Anetta Kahane
P.S. : Unterstützen Sie die Initiative für eine Amadeu-Antonio-Straße in Eberswalde. Hier erfahren Sie wie.
Leipziger Hauptbahnhof, Foto von Darren Wilkinson via Flickr, cc
Auch eine Notoperation konnte ihn nicht mehr retten. Kamal K. starb im Oktober 2010 an den Folgen einer Messerstichattacke am Leipziger Hauptbahnhof. Der Prozess in Leipzig hat nun begonnen. Nach anfangs eindeutig angenommener „ausländerfeindlicher“ Tatmotivation zweifelt man jetzt. Auch wenn die beiden vorbestraften Angeklagten der Neonaziszene zuzuordnen sind, sei während des Angriffs keine rassistische Beschimpfung gefallen. Doch ist diese das einzige Indiz für eine rassistische Motivation?
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www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/debatte/kommentare/mord-am-hauptbahnhof
„Wir sehen die Klausel als eine Fortsetzung der Kultur des Verdachts“, so Markus Tervooren, Vorstandsmitglied der VVN-BdA Berlin. Seine Initiative hat die „Extremismusklausel“ nicht unterschrieben, was gravierende Folgen für ihre Projektarbeit hat. Auch viele andere Initiativen leiden unter der geforderten Unterschrift, mit der sie sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennen müssen und gleichzeitig für ihre Projektpartner mitbürgen sollen. Nach einer verweigerten Unterschrift finden die Betroffenen unterschiedliche Wege mit den fehlenden finanziellen Mitteln umzugehen.
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www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/meldungen/extremismusklausel-unterschrift-verweigert
Rassistische Gewalt ist in Deutschland eine Realität. Doch viele Vorfälle geraten nie an die Öffentlichkeit. Wir unterstützen Opferberatungsstellen und Initiativen, die Opfer von Gewalt unterstützen und das Schweigen brechen. Helfen Sie uns dabei mit Ihrer Spende.
Das "Laut und Bunt" - Team
„Der Stress kommt erst noch, meistens in den Tagen kurz vor dem Festival. Dann gilt es noch die letzten Dinge einzukaufen und zu überlegen ‚was haben wir vergessen’?“, berichtet Hanna. Die 19-Jährige organisiert seit vier Jahren zusammen mit anderen Jugendlichen das „Laut & Bunt“-Festival in Rathenow. In der brandenburgischen Kleinstadt ist nicht viel los für Jugendliche, Neonazis versuchen diese Lücke zu füllen. Grund genug für das „Laut & Bunt“-Team aktiv zu werden. „Von Anfang an war es uns wichtig, uns mit dem Festival gegen Rassismus, Gewalt und menschenfeindliche Äußerungen zu positionieren“, sagt Hanna. Dieses Engagement unterstützt die Amadeu Antonio Stiftung im Rahmen der stern-Aktion „Mut gegen rechte Gewalt“ gern. Inzwischen ist das Festival in Rathenow ein echter Erfolg und wird immer größer. Unter dem Motto „Wir sind Europa“ hat das Team diesmal vier Bands aus dem europäischen Ausland eingeladen. Am 23. Juli kann gefeiert werden: laut und noch bunter.
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/laut-und-noch-bunter
„Es war ein rassistischer Mord, nach dem man nicht einfach zur normalen Tagesordnung übergehen konnte“, sagt Andrea Hübler von der RAA Sachsen. Als Marwa El-Sherbini im Dresdner Gerichtssaal niedergestochen wurde ging ein Aufschrei durch die Welt. Vor allem in Ägypten war man schockiert. In Dresden selbst dauerte es einige Zeit bis man reagierte. Marwa El-Sherbini wurde von Alex W. mit 18 Messerstichen ermordet. Die Publikation „Tödliche Realitäten. Der rassistische Mord an Marwa El-Sherbini“ von der Opferberatung der RAA Sachsen erscheint im Juli und setzt sich mit dem Mord und den Reaktionen auf ihn auseinander. „Es dauerte eine ganze Woche, bis die ersten richtigen Berichterstattungen veröffentlicht wurden. Und das, obwohl die Staatsanwaltschaft in Dresden schon am selben Tag die rassistische Motivation des Mords belegt hatte“, so Hübler. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert die Publikation, weil kein Todesopfer rassistischer Gewalt vergessen werden darf.
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/toedliche-realitaet
von gernhaex via Flickr, cc
„Betrachtet man die Praxis gegen Rechtsextremismus, findet man nur eine überschaubare Anzahl von Projekten, die – jenseits des stereotypen Bildes vom männlichen ‚Stiefelnazi‘ – Gender und Rechtsextremismusprävention zusammendenken. Eine Auseinandersetzung mit traditionellen Rollenvorstellungen in der Gesellschaft muss Thema in der Prävention sein und insbesondere deren Anschlüsse an die rechtsextreme Ideologie“, sagt Heike Radvan von der Amadeu Antonio Stiftung. Deshalb wird in der Stiftung nun eine Fachstelle zum Thema „Gender und Rechtsextremismusprävention“ eingerichtet. „Wichtig ist mir vor allem, geschlechterreflektierende Ansätze in Richtung Prävention weiterzudenken und zu erproben“, so Radvan, die in Zukunft die Fachstelle koordinieren wird. Am 30. Juni wird die Fachstelle ab 17 Uhr in der Amadeu Antonio Stiftung feierlich eröffnet. Dazu sind Sie herzlich eingeladen!
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/die-stiftung-aktiv/gender-und-rechtsextremismus
„In der DDR habe ich sehr früh mitbekommen, dass es gut war, sich zur Frage, ob man jüdisch ist, bedeckt zu halten“, leitete Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, die Veranstaltung ein. Am 21. Juni 2011 diskutierten der Historiker Thomas Haury, Stefan Kunath, Gründungsmitglied des BAK Shalom, und Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, über Antisemitismus in der Partei Die LINKE. „Vordergründig begegnen wir dem allbekannten Antisemitismus“, sagte Dr. Haury, aber sein Vokabular sei aufgrund innerlinker Kritik „weichgespült“. Es sei wichtig, dass Antisemitismus „auf die oberste Prioritätenliste der Parteiführung kommt, als auch von der Basis her thematisiert werde“, sagte Kunath. „Je länger die Partei die Diskussion deckelt, desto gefährlicher wird es für sie“, so Haury. Doch über die Debatte über Antisemitismus in der LINKEN dürfe man nicht vergessen, dass über alle Parteigrenzen hinweg, breite Zustimmung zu antisemitischen Statements zu finden sei. „Das macht mir große Sorgen“, sagte Kahane.
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/antisemitismus-in-der-linken
„Es geht eben nicht nur um den Versuch der Kontrolle. Zivilgesellschaft mit klaren Positionen, die auf Missstände aufmerksam macht, stört die Ruhe der Verwaltung“, sagte Dr. Rupert Graf Strachwitz, Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Vorsitzender des Stiftungsrates der Amadeu Antonio Stiftung, auf der Veranstaltung „Der Staat und seine Zivilgesellschaft: Kontrolle, Misstrauen und die Verstaatlichung zivilgesellschaftlicher Aufgaben?“ in der Amadeu Antonio Stiftung am 22. Juni. Zusammen mit Dr. Ansgar Klein, Geschäftsführer des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement, und Anetta Kahane, Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, diskutierte er über die Übergriffigkeit des Staates auf die Zivilgesellschaft. „Der Bund argumentiert, dass man nicht diejenigen fördern könne, die einen kritisieren. Förderung erscheint als Serviceleistung. Doch Fördergelder sind Steuergelder und keine Almosen“, so Dr. Klein. „Wir müssen lernen, ‚Nein‘ zu sagen, auch wenn damit die Förderung in Gefahr gerät“, so Graf Strachwitz. Das gelte nicht nur für die „Extremismus-Klausel“.
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www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/lernen-nein-zu-sagen
„Über Nazis zu reden heißt nicht mit ihnen zu reden oder reden zu müssen“, erklärt Kai Jahns, Leiter der „Koordinierungsstelle für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit“ in Eberswalde. „Die, die den Imbiss der vietnamesischen Familie angesteckt haben, waren keine Kader. Die jungen Männer und Frauen waren subkulturell mit Hass aufgeladen. So etwas geschieht wenn man Naziläden und Konzerte von Nazibands toleriert." Seit sechs Jahren können Neonazis unbehelligt im „Army-Shop“ in Eberswalde die bei ihnen beliebte Kleidungsmarke Thor Steinar kaufen, seit vier Jahren ist das Grundstück von DVU’ler Klaus Mann in der nahegelegenen Schorfheide Schauplatz des Partei-Sommerfestes – mit Nazibands, Kinderrutsche und mehreren hundert Gästen. Polizei und Stadtverwaltung greifen nicht ein, auch die Bürgerinnen und Bürger schauen viel zu gerne weg. „Die Menschen sind nicht bereit, sich mit Rechtsextremen in ihrem Nahfeld auseinanderzusetzen“, so Jahns. Genau das will die Koordinierungsstelle verändern. Seit nunmehr zehn Jahren stärkt sie zivilgesellschaftliches Engagement vor Ort. Dazu gratuliert die Amadeu Antonio Stiftung und freut sich auf die nächsten zehn Jahre Zusammenarbeit.
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Montag, 23. Mai, bis Freitag, 15. Juli, Jena
Ausstellung „‚Das hat's bei uns nicht gegeben‘ - Antisemitismus in der DDR“, StuRa Referat gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Foyer des Universitätscampus, Carl-Zeiss-Straße 3.
Begleitprogramm (PDF-Dokument)
Freitag, 1. Juli, Dresden
2. Todestag von Marwa El-Sherbiny. Um 18 Uhr veranstaltet der Ausländerbeirat zusammen mit vielen lokalen Initiativen und den Moscheevereinen eine Kundgebung vor dem Dresdener Landgericht, Lothringer Str. 1.
Donnerstag, 7. Juli, München
Ausstellungseröffnung des Fotoprojekts „Nachbarschaftsbande“ im Einkaufszentrum Blumenau. Rolf-Pinegger-Str. 5, vor dem Nachbarschaftstreff. 18 Uhr. Die Ausstellung ist bis zum 31. Juli zu sehen.
Samstag, 23. Juli, Rathenow
„Laut & Bunt“-Festival im Optikpark Rathenow. Schwedendamm 1,
14712 Rathenow. 16 bis 24 Uhr.
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Redaktionsschluss: 29. Juni 2011
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Redaktion: Janna Fießelmann. Mitarbeit: Anetta Kahane, Nora Winter, Lisa Lehmann, Timo Reinfrank (verantwortlich).