Ausgabe Nr. 143, August 2017

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn ein Moment der Ruhe einkehrt, spürt man die Erschöpfung erst richtig. Im letzten Sommer kamen wir nicht recht dazu, damals ging die Hasswelle so richtig hoch, da war kein Platz für Erschöpfung. Aber jetzt ist es August 2017 und der Hass scheint ebenso müde wie wir alle. Zwei Jahre anstrengender Polarisierung im politischen Alltag, zwei Jahre voller Konfrontation und Kämpfe um Gleichwertigkeit liegen hinter uns. Zwei Jahre voller rechter Propaganda, Nazi-Müll, aber auch ebenso vielen positiven Erkenntnissen über stabile Menschlichkeit. Diese zwei Jahre waren lang wie ein Marathon - und anstrengend, weil nun sichtbar wurde, was bisher nur als diffuse Stimmung zu spüren war. Das ist neu in Deutschland. Die Zeiten der verdrucksten Andeutungen sind vorbei. Es ging hart zur Sache. Das waren die meisten nicht gewohnt. Also lasst uns ruhig ein wenig erschöpft sein – wir haben es uns redlich verdient.

Die Pause aber füllt sich mit anderen Fragen, die typisch sind für solche Momente der Müdigkeit. Was treibt uns eigentlich an? Wohin soll das Ganze gehen? Was machen wir, wenn Polarisierung zu Radikalisierung wird? Können wir das eigentlich verhindern? Können wir wirklich etwas bewegen? Etwas, das Mut und Klarheit hervorbringt und nicht nur noch mehr Kleinkram und Arbeit? Liegt die Antwort wirklich im Noch-Mehr-Konzepte-und-Anträge-Schreiben oder der interkulturellen Öffnung der Mehrgenerationenhäuser? Da muss es doch noch mehr geben, oder?

Tja, die Frage ist schwer zu beantworten. Denn den Gedanken unterbricht die Frau mit den langen, grauen Haaren. Sie hält die Tür einladend auf. „Kommt jetzt. Fangen wir an“. Draußen stehen etwa 30 Leute von bürgerlich bis Edelpunk, ältere und junge, darunter einige Flüchtlinge. Drinnen gibt es Kaffee, heißes Wasser für Tee und kaltes zur Erfrischung. So beginnt das Treffen einer Gruppe, die sich mit der Situation in der nahegelegenen Flüchtlingsunterkunft befasst. Es sind Leute aus dem Mehrgenerationenhaus dabei. Die Tagesordnung ist lang: Es geht um die Beschulung der Kinder nach den Ferien. Willkommensklassen sind nicht so effektiv zum Deutsch lernen, sagen die einen. Die anderen sehen gerade keinen anderen Weg, weil zu viele Kinder nur kurz in der Unterkunft bleiben. Ein anderes Thema: die medizinische Versorgung, ein drittes die rassistischen Sprüche im Supermarkt, ein viertes, ein fünftes und sechstes folgen. Am Ende gehen viele wieder mit To-Do-Listen nach Hause. Sowas machen Leute in der Sommerpause.

Meetings, Gremienarbeit, Protokolle, Vernetzungstreffen und das alles neben der Arbeit in der Flüchtlingsunterkunft, bei der Opferberatung oder dem offenen Nachmittag im Mehrgenerationenhaus, wo gerade über einen Fall von rassistischem Verhalten einiger Senioren gestritten wird. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Mühen des Alltags scheinen so unnütz und sind doch so notwendig. Der Kleinkram hat sich nicht verändert, das politische Klima schon. Die offene Zustimmung zu rechten Parolen ändert nichts am mühsamen Weg, den die Zivilgesellschaft gehen muss. Es gibt kein Fingerschnippen mit dem mit einem Mal alles anders wird. Keinen Knopf, auf den wir drücken und alles ist besser.

Die Helden dieser anstrengenden Zeit - da sind sie. Die in den Sitzungen, diejenigen, die einen Unterschied machen wollen, die sowohl menschlich als auch politisch handeln, die sich kümmern, hartnäckig bleiben, mit Verwaltungen ringen, diejenigen, die Ergebnisse wollen, echte, reale, differenzierte und kluge Veränderungen. Trotz der Erschöpfung geht’s weiter. Mit mehr Muskeln für den nächsten Marathon. Sie sind unglaublich. Sie sind meine Helden. Ich wünsche Ihnen allen einen erholsamen Sommer.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

 

Im Fokus

Lagebild Antisemitismus 2016/17: Antisemitismus wird offener und aggressiver ausgelebt

 

Die Amadeu Antonio Stiftung hat ihr bundesweites Lagebild zum Antisemitismus 2016/17 vorgelegt. Das Fazit: Keine Gruppierung in Deutschland ist gänzlich frei von Antisemitismus. Antisemitismus wird offener und aggressiver ausgelebt und statt des klassischen Antisemitismus wird der Umweg über „Kritik“ an Israel genommen.

 

„Wir sind optimistisch, doch es bleibt noch viel zu tun!“

 

Für die Amadeu Antonio Stiftung ist das Engagement gegen Antisemitismus ein zentrales Aufgabenfeld. Denn die Zahlen sind alarmierend: Seit 2001 sind antisemitische Grundhaltungen und antisemitisch motivierte Gewalttaten auf einem hohen Niveau. Im Interview erklären Miki Hermer und Stefanie Galla, wie sich Antisemitismus zeigt und welche Gegenmaßnahmen notwendig sind.

 

Neonazi-Invasion: Themar arbeitet sein Trauma auf

 

Tausende Neonazis machten die kleine Gemeinde Themar mit Rechtsrock-Konzerten unsicher. Auf einem Gesprächsforum des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft der Amadeu Antonio Stiftung stellten sich Verantwortliche, Experten und Politiker_innen den Fragen der Bürger_innen. Neben dem Willen, diese Hass-Veranstaltungen nicht einfach so hinzunehmen, war auch ihre Angst deutlich spürbar.

 

Stellenausschreibungen der Amadeu Antonio Stiftung

Berlin: Für das Projekt "Digitalkompetenz stärken - Aktiv gegen Hass im Netz" sucht die Stiftung zum 1. September 2017 oder später eine Projektleitung, eine_n Bildungsreferent_in sowie eine_n Referent_in Digitales. > Mehr Informationen
Hannover: Für das Projekt "#wildwildweb?! – Für eine demokratische Zivilgesellschaft im digitalen Raum" sucht die Stiftung zum 1. September 2017 oder später zwei Bildungsreferent_innen. > Mehr Informationen

 

Geförderte Projekte

Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus braucht mutige Menschen, die sie führen. Deshalb fördert die Amadeu Antonio Stiftung die vielen kleinen und engagierten Projekte, die sich für eine demokratische Kultur und gegen Diskriminierung engagieren. Dass wir das können, verdanken wir vielen Menschen, die das mit ihrer Spende möglich machen. Herzlichen Dank dafür!

Spenden

 

Bad Nenndorf: Neonazis mit hängenden Köpfen abgezogen

 

Engagement gegen Rechtsextremismus lohnt sich: Dank jahrelangen Engagements halten Neonazis keine Kundgebungen Bad Nenndorf ab. Damit die Rechtsextremen nicht zurück kommen, fördert die Amadeu Antonio Stiftung auch in diesem Jahr die Vernetzung vor Ort.

 

Berührungsängste abbauen: Sommerfest des Ökohaus Rostock

 

Beim Sommerfest des Ökohaus e.V. konnten sich Interessierte ein Bild der Lebensumstände in den Geflüchtetenunterkünften machen. Bewohner_innen haben beim Rahmenprogramm gezeigt, welche Talente in ihnen schlummern. Ein toller Weg um Vorurteile und Berührungsängste abzubauen, den die Amadeu Antonio Stiftung gern unterstützt hat.

 

Gegen Antisemitismus in Sozialen Netzwerken

Antisemitismus den Stecker ziehen: nichts-gegen-juden.de

 

Soziale Netzwerke explodieren vor Hass. Nicht nur die Hetze gegen Flüchtlinge zeigt sich hier ungeschminkt und aggressiv. Auch Jüdinnen und Juden sind das Ziel von Anfeindungen. Um auf die gängigsten antisemitischen Parolen zu reagieren, hilft das Tool nichts-gegen-juden.de - Das Prinzip ist einfach: Gängige antisemitische Vorurteile werden entlarvt und aufgeklärt. Ein wenig angriffslustig und als Argumentationshilfe alle, denen vielleicht manchmal die Worte fehlen, um Antisemitismus zu widersprechen.

 

Termine

04.08.2017 | Gender_Wissen in der Praxis | Bochum
Unsere Kollegin Rachel Spicker spricht beim Praxistag "Gender_Wissen" an der Uni Bochum über Frauen und Rechtsextremismus. Die Spezialisierung an diesem Tag bestimmt auch die eingeladenen Referent_innen: Diese kommen aus Stiftungen, Verbänden und Vereinen.
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07.09.2017 I Vortrag und Diskussion: „Ist es nicht geil, jeden Montag Männertag?!“ Zur Rolle von Antifeminismus und Rückgewinnung von Männlichkeit im Rechtspopulismus I Berlin
Gender oder Gender Mainstreaming spielen als Feindbilder im Rechtspopulismus eine zentrale Rolle: Damit gelingt es scheinbar, eine Klammer für breite Zielgruppen zu bilden und Anschluss an den Mainstream zu finden. Rachel Spicker von der Amadeu Antonio Stiftung wird zunächst Einschätzungen und Thesen zum Thema vorstellen. Daran wird Prof. Dr. Rolf Pohl in seinem Vortrag „Die Re-Souveränisierung des Mannes. Zur Sozialpsychologie von Sexismus, Fremdenhass und Gewaltbereitschaft in der ‚Mitte der Gesellschaft‘“ anschließen.
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13.09.2017 I Vortrag: Wie antisemitische Verschwörungsmythen die Welt verklären I München
Unser Kollege Jan Rathje geht in seinem Vortrag auf Funktionen und Ursachen von Verschwörungstheorien ein, die sehr häufig antisemitische Ideologieelemente enthalten. Anhand von aktuellen Beispielen zeigt Jan Rathje zudem die gesellschaftlichen Folgen von Verschwörungsideologien und -theorien auf.
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Redaktionsschluss: 04. August 2017

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Spenden


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Redaktion: Robert Lüdecke, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Anetta Kahane, Milan Swarowsky

 
 


Die Amadeu Antonio Stiftung wird zur Entwicklung als bundeszentraler Träger gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!"

 

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