Ausgabe Nr. 142, Juli 2017

Spenden gegen Rechtsextremismus

 
 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt immer wieder Dinge, die erstaunlich sind. Haben Sie den Bericht zum letzten NSU Untersuchungsausschuss wahrgenommen? Er ist medial tatsächlich etwas untergegangen. Es mag auch daran gelegen haben, dass die Empfehlungen eher eine Ergänzung zu den vorangegangenen darstellten, als dass sie wirklich Neues enthielten. Wir bewerten dies nach dem Motto: „Es gibt nichts Neues, das Alte ist noch nicht alle“. Und wir bedanken uns gleichermaßen bei den Mitgliedern des Ausschusses für ihre Arbeit und den Stress, dem sie währenddessen ausgesetzt waren. Dennoch sei eine Anmerkung erlaubt: Antisemitismus scheint es beim NSU nicht gegeben zu haben. Er kommt in dem Bericht nicht als solcher vor – allenfalls fragmentarisch in Nebensätzen.

Nun kann man sagen, wozu den Antisemitismus betonen, der ganze rechtsextreme Müll ist doch schon genug, um sich ein Bild über die Gesinnung der Täter und Mittäter zu machen. Wozu dieses „Detail“ noch betonen? Rechtsextremismus und Antisemitismus sind doch faktisch identisch, oder nicht? Sicher, so kann man den Antisemitismus auch unsichtbar machen. Oder aber ihn bestreiten, was auf dasselbe hinausläuft. Ich hatte einmal die Ehre bei einem Briefing zu Antisemitismus bei einem sehr hohen Würdenträger der Bundesrepublik dabei zu sein. Sein Stab wollte sich auf die erste Israelreise im Amt vorbereiten. Die Frage, ob und in welcher Form es Antisemitismus gebe, wurde ausgiebig von Fachleuten dargelegt. So sprach man auch über den Rechtsextremismus. Ja, klar, Nazis sind Antisemiten, hieß es. Die einzig Wahren sozusagen. Doch bleibt keine Wahrheit unbestritten, als ein Mitglied des Stabes tatsächlich fragte, ob denn ernsthaft jedes Mitglied der NPD antisemitisch wäre. Mir fiel die Kinnlade runter.

Es ist eben so: Antisemitismus neigt dazu überall zu verschwinden, unsichtbar zu werden, sich in Phrasen und Wortwolken aufzulösen. Antisemitismus gibt es demnach weder in der Friedensbewegung, noch in den Antielitenprotesten der Querfront, noch in muslimischen Milieus, noch mit Israelbezug oder im politisch linken Antiimperialismus, für den Palästinas „Befreiung“ für alles Elend der Welt schlechthin mit den Juden als Schuldigen für alles steht.  Nirgends Antisemitismus. Dabei läuft die Narration unserer Zeit fast immer auf irgendeine Verschwörungstheorie hinaus, nach der wenige Schuldige irgendwo zum Bösen hin die Strippen ziehen, um Kinder zu töten, Brunnen zu vergiften oder sonst wie vorsätzlich und zersetzend zu zerstören. Ein riesiger Strom solcher verschwörungstheoretischer Geschichten zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Ein Hintergrundrauschen, das langsam zu einem Dröhnen anwächst – auch und vor allem in den Sozialen Netzwerken. Und nichts davon soll antisemitisch sein? Kann Kritik am System oder woran auch immer nicht auch ohne dem auskommen?

Kommen wir zu unseren NSU-Tätern zurück. 1996 bereits hatte Uwe Böhnhardt nahe Jena am Geländer einer Brücke über der A4 eine Puppe mit einem Davidstern aufgehängt, die in einer Schlinge steckte. Dann gab es noch dieses von dem Trio entworfene und vertriebene Brettspiel »Pogromly« – eine Art Monopoly, bei dem das Ziel lautete, Städte »judenfrei« zu machen. Sie beobachteten auch jüdische Einrichtungen – wir standen übrigens auch auf deren Anschlagsliste – und sie gehörten zu den Holocaustleugnern. Also eigentlich sagt das alles über ihre antisemitische Gesinnung. Wieso aber bleibt dies unbesprochen? Weil es selbstverständlich ist, hier Antisemitismus zu erkennen? Weil man darüber gar nicht mehr reden muss? Weil Antisemitismus, wenn überhaupt, nur dort zu finden ist? Weil das und nur das Antisemitismus ist und alles andere nicht?

Nein, das wäre zu einfach. Man muss heute schon taub sein, um das Dröhnen nicht zu hören. Der NSU ist nur ein Ton in der Kakophonie des weltweiten Antisemitismus. Sich darüber klar zu werden, ist in jedem Fall der richtige und notwendige Schritt, sich damit auseinanderzusetzen.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

 

Im Fokus

Verfassungsschutzbericht 2016: Mehr Rechtsextreme, mehr Gewalt, mehr Terror

 

Der Verfassungsschutzbericht für 2016 verzeichnet einen enormen Anstieg der rechtsextremen Gewalttaten. Zum ersten Mal werden auch “Reichsbürger” gezählt und auch die rechtsextreme "Identitäre Bewegung" taucht als “Verdachtsfall” auf. Auch die Amadeu Antonio Stiftung befürchtet eine weitere Radikalisierung und rechtsextremen Terror.

 

Gesucht: ermutigendes Engagement in und für Sachsen!

 

Gesucht sind wieder Projekte in und für Sachsen, die sich mit ihrem Engagement für Menschenrechte, den Schutz von Minderheiten und mehr Demokratie vor Ort einsetzen. Diese wichtige Arbeit wollen wir zeigen und mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie würdigen! Ob Initiative, Projekt oder Kommune: Jetzt selbst bewerben oder andere nominieren! Bewerbungsschluss ist am 20. August.

 

Beraten, begleiten, empowern - Praxisstelle ju:an im Interview

 

Das Projekt ju:an - Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit setzt Impulse für eine nachhaltige antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit. Im Interview erklärt das Projektteam, welcher Ansatz dahinter steckt, was die Herausforderungen in der Jugendabreit sind und auf welche Erfolge sie zurückschauen können.

 

Geförderte Projekte

Wir ziehen Halbjahresbilanz: In diesem Jahr konnte die Amadeu Antonio Stiftung dank Ihrer Spenderinnen und Spender bereits 65 Projekte und Initiativen fördern, die sich für eine demokratische Kultur und gegen menschenfeindliche Einstellungen engagieren. Mit dem Opferfonds CURA konnte in 19 Fällen den Betroffenen von rassistischer und antisemitischer Gewalt schnell und unbürokratisch geholfen werden. Wir sagen danke - auch im Namen der Projekte und unterstützten Menschen!

Spenden

 

Festival contre le racisme - Göttingen macht's vor

 

In immer mehr deutschen Universitätsstädten findet das Konzept festival contre le racisme Anklang. Die Idee kommt aus Frankreich und unterstreicht, dass auch Studierende aktiv in eine demokratische Zivilgesellschaft hineinwirken.
Am letzten Wochenende machte Göttingen vor, wie man Ausgrenzung und Rassismus begegnen muss.

 

Here and Black

 

Schwarze Geschichte ist allgegenwärtig und auch in Europa und Deutschland zu finden – allerdings bislang kaum in der Öffentlichkeit präsent.
Die Veranstaltungsreihe Here and Black macht Schwarze Geschichten sichtbar und gibt Afroeuropäer_innen und Afrodeutschen eine Stimme.

 

Aktuelle Publikation

Fakten und Argumente gegen rassistische Stimmungsmache

 

„Wir können doch nicht die ganze Welt aufnehmen!“. Wo immer es um Asylsuchende geht, fallen solche Sätze – Sätze, die nicht selten auf Unwissen gründen - und oft auf rassistischen Vorurteilen. Aber was entgegnen, wenn der Nachbar so daherredet? Die Handreichung „Pro Menschenrechte. Contra Vorurteile.“ von PRO ASYL und der Amadeu Antonio Stiftung gibt Auskunft.

 

Termine

12.07.2017 I Vorstellung der 15 Punkte für eine Willkommensstruktur in Jugendeinrichtungen I Berlin
Berivan Köroglu stellt die „15 Punkte für eine Willkommensstruktur in Jugendeinrichtungen“ der Praxisstelle ju:an für Fachpädagog*innen aus dem Bezirk Tempelhof vor. Gemeinsam wird über die Bedeutsamkeit der Offenen Kinder- Jugendarbeit für Jugendliche mit Fluchterfahrung gesprochen und darüber diskutiert, wie Stammbesucher_innen und Newcomer_innen gemeinsam den Alltag in Jugendfreizeiteinrichtungen gestalten können.
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12.07.2017 | "Antisemitismuskritische Bildung - Ansätze, Streiträume, Allianzen" | Berlin
Die Veranstaltung schafft einen Rahmen für Diskussion über die Relevanz und Wechselwirkung von Rassismus- und Antisemitismuskritik und stellt die Frage nach Streiträumen und Allianzen zur Debatte.
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13.07.2017 I Vortrag "Antisemitismus und Rassismus als Herausforderungen in der offenen pädagogischen Arbeit" I Karslruhe
Judith Rahner von der Amadeu Antonio Stiftung hält am Institut für Berufspädagogik und Allgemeine Pädagogik - Abteilung Berufspädagogik des Karlsruher Institut für Technologie einen Gastvortrag zum Thema „Antisemitismus und Rassismus als Herausforderungen in der offenen pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen".
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14.07.2017 I Spaces of feminist resistance – Aktionsformen im Netz I Berlin
Aktive kritische Meinungsbildung und politisches Engagement sind gefragt, mehr denn je. In Zeiten von Trump & Co gilt es auch für Feminist_innen, sich zu Wort zu melden. Deshalb fragen wir: Welche Räume, welche Vernetzung und welche Diskussionskultur sind für Widerständigkeit notwendig? Wie kann durch Widerständigkeit mobilisiert und die demokratische Debattenkultur gestärkt werden - und welche Rolle spielt das Internet dabei?
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28.07.2017 I Fortbildung zu Asylrecht I Rostock
Gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern haben wir einen Vortrag erarbeitet, der mit Praxisbeispielen einen Einstieg in das Aufenthalts- und Asylrecht gewährleistet. Zielgruppe sind alle Interessierten, die in ihrer ehren- oder hauptamtlichen Arbeit mit Geflüchteten aktiv sind.
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Redaktionsschluss: 06. Juli 2017

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Mitarbeit: Anetta Kahane

 
 


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