Ausgabe Nr. 138, März 2017

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche zuerst? Die schlechte? Hier ist sie: Nun hat auch Amnesty International bestätigt, dass Deutschland ein großes Problem mit Rassismus hat. Und was ist die gute? Deutschland hat ein Problem mit Rassismus – und beginnt nun auch, es zu wissen. Das ist entscheidend, unsere Erfahrungen mit Rechtsextremismus bestätigen das. Ob Tatsachen ignoriert oder zur Kenntnis genommen werden, macht einen gewaltigen Unterschied. Rassismus ist ein Problem, nicht „Fremdenfeindlichkeit“, nicht „Flüchtlingswellen“, nicht irgendeine Phobie vor Religionen, sondern Rassismus. Und zwar in allen denkbaren Formen. Als rohe Gewalt, als strukturelles Vorurteil, als Hass und Abwertung in allen Lebensbereichen. Machen wir uns nichts vor. Vieles von dem, was sogenannte Integrationsfragen sind, könnte man einfacher beantworten. Rassismus ist die Ursache für Ungleichbehandlung in Schulen, im Beruf, bei der Wohnungssuche oder – und das ist besonders unrecht – bei Polizei und Justiz. Menschen, die nicht weiß sind, erleben Feindseligkeit, Misstrauen, Abwertung, Ungerechtigkeit und jeden Tag die Erfahrung, exponiert zu werden.

Eine der harmloseren Geschichten erlebte ich gerade erst. An einem Frühlingstag tollen Hunde auf der Wiese, ihre Menschen halten derweil ein Schwätzchen. Was es Neues gibt? Der Hundeflüsterer ist in Berlin. Toller Typ. Was noch? Kleingärtner verklagen Claus Kleber vom ZDF. Wegen Verleumdung und übler Nachrede. Er hatte festgestellt, dass in einer Schrebergartensiedlung bedenklich viele schwarz-weiß-rote Fahnen hingen, die Reichsdeutschland repräsentieren. Stimmt nicht, das sei eine Beleidigung, eine pauschale Zuschreibung, so viele seien es doch nicht. Einige der Hundefreunde lachen, andere sind empört. Nur einer erstarrt während des Gesprächs. Es ist der Besitzer eines kleinen Terriers. Dahin solle er dann wohl besser nicht gehen, murmelt er. Das Beschämende an der Situation: Jeder Anwesende weiß sofort, wovon die Rede ist. Denn dieser Hundefreund ist schwarz.

Dies zeigt, wie bekannt und akzeptiert Rassismus in der Mehrheitsbevölkerung ist. Alle wissen das; die Betroffenen tragen diese Realität buchstäblich auf ihrer Haut und bleiben in ihrer Persönlichkeit dadurch nicht unbeeinflusst. Dass diejenigen, die dieses Problem nicht haben, darüber gern hinwegsehen, ja es gar nicht als Problem wahrnehmen, macht es umso schlimmer. Doch das ändert sich gerade, so lautet ja die gute Nachricht. Dieser Prozess ist schmerzhaft und erfordert viel Mut.

Er beginnt mit Wahrnehmung. Vor einigen Jahren habe ich die Verwendung des Wortes Rassismus in den allermeisten Fällen als hohle Formel wahrgenommen. Sie war Teil von Slogans oder Projekttiteln. Sie war auch mal Kampfbegriff in einer Generalkritik am Staate. In all diesen Formen verschleierte sie mehr, als sie sagte. Denn in den meisten Fällen ließ sie sich nicht auf die realen Probleme ein, jedenfalls nicht die der betroffenen Menschen. Ihre Perspektive spielte selten eine Rolle. Das ändert sich gerade. Und zwar nicht, weil die weiße Bevölkerung ein Einsehen hat, sondern weil es diejenigen mit Rassismuserfahrung nicht mehr hinnehmen wollen. Sie sind selbst handelnde Personen und wollen als solche gesehen werden. Sie sind nicht einfach Opfer von Rassismus oder Objekte der Diskriminierung, sie beanspruchen, gleichwertiger Teil der Gesellschaft zu sein, Subjekte ihres Handelns – und zwar in allen Lebensbereichen, nicht nur in der einen Eigenschaft, sich als Minderheit fühlen zu müssen. Das ist eine tolle Entwicklung. Sie wird die Gesellschaft in Deutschland beschäftigen, es wird Streit und Konflikte geben, Debatten und Tränen, Stolz, Hoffnung und Niederlagen. Aber es passiert etwas.

Die Amadeu Antonio Stiftung wird auch vom Prozess gegen die Freitaler Terroristen berichten, die Flüchtlinge und Helfer tyrannisiert haben. Es ist wichtig, hier genau hinzuschauen und die Dinge nicht im allgemeinen Pessimismus untergehen zu lassen. Doch darüber hinaus interessiert uns die Perspektive, mit der im Mainstream darüber reflektiert wird. Unsere Aufgabe ist es, diejenigen zu unterstützen, die nicht allein auf die Täter schauen, sondern klipp und klar machen, was Rassismus für alle bedeutet, die ihn erleben. Hinsehen, zuhören, handeln und nicht einfach wegwischen! Konzentriert wird dies an vielen Orten in Deutschland während der Internationalen Wochen gegen Rassismus geschehen, die so viel Beteiligung erleben wie noch nie. Es wird ein langer Weg. Und die gute Nachricht ist, dass wir ihn nun gemeinsam gehen. Alles andere wäre unerträglich.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

P.S.: Am 23. März lade ich Sie herzlich zum nächsten Termin unserer Veranstaltungsreihe "Lesen und lesen lassen" in die Stiftung ein. Dr. Heike Radvan und Prof. Dr. Esther Lehnert werden uns ihr neues Buch „Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handreichungen für die soziale Arbeit und Pädagogik" vorstellen. Aufgrund der begrenzten Sitzplätze bitten wir um eine Anmeldung.

 

Im Fokus

"So viel Engagement gab es noch nie"

 

Seit mehreren Jahren unterstützt die Amadeu Antonio Stiftung Projekte, die im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus stattfinden – organisatorisch, mit Informationen und finanziell. Im Vorfeld der Aktionswochen, die in diesem Jahr vom 13.-26. März bundesweit stattfinden, haben wir mit Britta Graupner, der Referentin der Aktionswochen gesprochen.

 

Von Angsträumen zu Demokratiezentren

 

Die Publikation „Öffentliche Räume für demokratische Kultur schaffen“ ist das Ergebnis des ersten Projekts der Amadeu Antonio Stiftung auf europäischer Ebene. Sie zeigt Dynamiken von Angsträumen und konkrete Handlungsoptionen auf, die mithilfe des Vergleichs deutscher und italienischer Erfahrungen gewonnen werden konnten.

 
Gefördertes Projekt

W.I.R. - gemeinsam

 

Da Rassismus nicht nur zwei Wochen ein Problem ist, sondern 365 Tage im Jahr, fördert die Amadeu Antonio Stiftung ganzjährig Projekte dagegen. So auch die Initiative gegen Rassismus aus der sächsischen Kleinstadt Werdau.

 

Geförderte Projekte

Gefördertes Projekt

Kongress: BürgerMUT statt BürgerWUT

 

„Unzählige Organisationen, Vereine, Verbände oder Einzelpersonen sind in Deutschland haupt- oder ehrenamtlich im Bereich Zivilcourage aktiv. Warum trifft man sich eigentlich nicht und bildet ein gemeinsames bundesweites Netzwerk, um der eigenen lokalen oder regionalen Tätigkeit mehr Kraft zu verleihen?“

 
Gefördertes Projekt

iz3w Zeitschrift: „Rechtspopulismus – Rebellion der autoritären Charaktere“

 

Das Informationszentrum Dritte Welt veröffentlicht alle zwei Monate die gleichnamige Zeitschrift iz3w. Die Amadeu Antonio Stiftung hat in der aktuellen Ausgabe (März/April 2017) den titelgebenden Schwerpunkt „Rechtspopulismus – Rebellion der autoritären Charaktere“ gefördert. Historische und aktuellen Erscheinungsformen von Rechtspopulismus werden anhand konkreter Beispiele analysiert und liefern so hilfreiche Informationen für die Einordnung und Debatte über das Thema.

 

Dieses Jahr konnten wir bundesweit bereits 37 Projekte fördern und in 7 Fällen Betroffene von rechter Gewalt finanziell unterstützen. Neben tätiger und ideeller ist es die finanzielle Hilfe, die diese Initiativen möglich macht. Spenden Sie hier und unterstützen Sie gemeinsam mit uns Engagament vor Ort gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit.

Spenden

 

Aktuelle Publikation

Türen öffenen - Brücken bauen: Fortbildungsangebot für Engagierte in der Flüchtlingsarbeit

 

Was kann ich für Flüchtlinge tun? Wie läuft das Asylverfahren? Wie kann ich rassistischen Vorurteilen widersprechen und vorbeugen? Muss ich jetzt Angst vor Nazis haben, weil ich mich für Geflüchtete einsetze? Diese und andere Fragen treiben derzeit viele Menschen um. Die Amadeu Antonio Stiftung hat deshalb gemeinsam mit Kooperationspartner_innen sechs Fortbildungen erarbeitet, um Engagierte zu unterstützen. Die kostenfreien Vorträge und Seminare richten sich an Menschen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Ein Überblick über das Fortbildungsangebot finden Sie in unserer Handreichung.

 

Rechtsextremismus und zivilgesellschaftliche Engagement in der Krise? Eine Situations- und Ressourcenanalyse für den Saale-Holzland-Kreis

 

Empfehlen möchten wir diesen Monat auch die Broschüre „Rechtsextremismus und zivilgesellschaftliches Engagement in der Krise?“ vom Landesaktionsplan Thüringen unter Mitarbeit des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft. Die Broschüre, bestehend aus zwei Teilen, klärt auf und ermutigt.

Wie macht sie das? Nach der Situationsanalyse zu Rechtsextremismus im Saale-Holzland-Kreis im ersten Teil, zeigt sie im zweiten Teil Stärken und bestehende Netzwerke lokaler Zivilgesellschaft auf. Die Broschüre portraitiert vorhandene Initiativen und Zusammenschlüsse und unterstreicht damit vorhandene Möglichkeiten, um auf Probleme zu reagieren. Gleichermaßen angesprochen sind Zivilgesellschaft, Politik, Medien und Wissenschaft.

Die Broschüre lässt sich hier kostenlos herunterladen.

 

Termine

12.03.2017 I Panel: „Countering Extremism Online from ISIS to Neo-Nazis" I Austin (Texas)
Unsere Kollegin und Chefredakteurin von Netz gegen Nazis, Simone Rafael, ist Teil des Panels zu „Countering Extremism Online from ISIS to Neo-Nazis“ auf dem „South by Southwest“-Festival in Austin, Texas.
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13.-26.03.2017 I Internationale Wochen gegen Rassismus
Vom 13. bis zum 26. März finden deutschlandweit die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt. Unsere Kollegin Anne Gehrmann führte ein Interview mit Britta Graupner, die für die Organisation verantwortlich ist. Einen Überblick über alle Veranstaltungen und den Hintergrund der Wochen finden sie hier.

16.03.2017 I Veranstaltung zum Internationalen Frauentag – Feministisch-Postkoloniale Perspektiven I Hannover
Unsere Kollegin Golschan Ahmad Haschemi von der Praxisstelle ju:an moderiert die Podiumsdiskussion auf der „Veranstaltung zum Internationalen Frauentag – Feministisch-Postkoloniale Perspektiven“.
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17.03.2017 I Vorstellung der Expertise Homo- und Transfeindlichkeit in Mecklenburg Vorpommern I Rostock
Dr. Heike Radvan, Leiterin der Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung, stellt auf der Veranstaltung von Rat und Tat e.V. die im Dezember 2016 erschienene Expertise zu Homo-und Transfeindlichkeit in Mecklenburg Vorpommern vor.
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21.03.2017 I Fachtagung: „…das ist deren Privatsache?“ I Berlin
Am 21. März 2017 findet in Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung im Amerika-Haus Berlin eine bundesweite Fachtagung zum Thema "Familienberatung im Kontext von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Rechtsextremismus" statt, die die Handlungssicherheit im Arbeitsfeld stärken will. Das Grußwort hält Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig.
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23.03.2017 I Lesen und lesen lassen - Couchsurfing mit Esther Lehnert und Heike Radvan: "Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik" I Berlin
Dr. Heike Radvan, Leiterin der Fachstelle "Gender und Rechtsextremismus" der Amadeu Antonio Stiftung, und Prof. Dr. Esther Lehnert von der Alice Salamon Hochschule in Berlin lesen aus ihrem neuen Buch.
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23.03.2017 I Fachtag: "Hass im Netz" I Bremen
Bundesweiter Fachtag zum Thema „Hass im Netz“ in Bremen. Simone Rafael referiert zu „Was tun gegen menschenfeindliche Hassrede? Erfahrungen aus der Praxis“.
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26.03.2017 I Ausstellung und Lesung: Graphic Novel "Drei Steine" auf der Leipziger Buchmesse I Leipzig
Nils Oskamp liest aus seiner autobiographischen Graphic Novel "Drei Steine", die als Schulbuchausgabe von der Amadeu Antonio Stiftung herausgegeben wurde. Es ist die Geschichte seiner Jugend in den 1980er Jahren in Dortmund Dorstfeld, wo er Opfer rechter Gewalt wurde. Im Anschluss an die Lesung findet eine Podiumsdiskussion statt. Mit dabei Thomas Heppener, Leiter des Regierungsprogramms Demokratie Leben, Marian Meinhard, "Mamei" Comic Zeichner aus Dresden sowie die Bundestagsabgeordneten Thorsten Hoffmann und Harald Petzold.

28.-30.03. I Deutscher Kinder- und Jugendhilfetag I Düsseldorf
Das Team der Praxisstelle ju:an nimmt an der Messe des Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages teil. Zudem ist unsere Kollegin Judith Rahner im Rahmen der Veranstaltung am Fachforum „Antisemitismus- und rassismuskritische Kinder- und Jugendarbeit“ beteiligt.
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30./31.03.2017 I Jahrestagung des Landespräventionsrates Niedersachsen I Hannover
Die Praxisstelle ju:an - antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit nimmt an der Jahrestagung des Landespräventionsrates Niedersachsen teil. Michael Rogenz von der Praxisstelle wird dort den Vortrag "Mehr als Kochen, Kickern, Karaoke? Für eine antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit" halten.
Diese Tagung dient der Vernetzung zivilgesellschaftlicher und staatlicher Akteure zur Entwicklung einer gemeinsamen und nachhaltigen Präventionsstrategie in Niedersachsen.
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04.04.2017 I Fachtagung: "Was tun gegen „Hate Speech“? Kinder, Jugendliche und der Hass im Netz" I Düsseldorf
Unser Kollege Johannes Baldauf hält mit "Hatespeech - Hass im Netz" den Eröffnungsvortrag des Fachtages.
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Redaktionsschluss: 08. März 2017

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Redaktion: Sofia Vester, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Anetta Kahane, Anne Gehrmann, Tobias Scholz, Teresa Sündermann

 
 


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