Thüringen: Aufstand der Pößnecker Anständigen

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

Thüringen: Aufstand der Pößnecker Anständigen

© Amadeu Antonio Stiftung

 

Wie sich im thüringischen Pößneck langsam Widerstand gegen Neonazis formierte – angestoßen von Jugendlichen des "Aktionsbündnis Courage", unterstützt durch die Amadeu Antonio Stiftung.

Ein Blick auf die Deutschlandkarte zeigt: Thüringen liegt ziemlich genau in der Mitte und ist von allen Seiten schnell zu erreichen. Dies mag ein Grund sein, warum sich die rechtsextreme NPD das Bundesland als neues „Schwerpunktland“ ausgesucht hat. Entscheidender dürfte jedoch sein, dass Thüringen schon seit Jahren zu den Schwerpunktgebieten der neonazistischen Szene zählt. Zudem finden im August 2009 im Freistaat die nächsten Landtagswahlen statt und im Juni zuvor Kommunalwahlen. Die NPD spekuliert auf einen öffentlichkeitswirksamen Einzug in den Erfurter Landtag und einen daraus resultierenden Schub für die Bundestagswahlen.

In Thüringen erreichte die NPD bei den letzten Bundestagswahlen auch ihr zweithöchstes Stimmenergebnis – nur knapp hinter Sachsen, wo die NPD 2004 fast gleichstark wie die SPD mit knapp über 9 Prozent in das Landesparlament einzog. Auch die Verquickung zwischen den „Kameradschaften“ und der NPD ist in Thüringen wesentlich intensiver und konstanter als etwa in anderen Bundesländern – gerade in kleineren und mittleren Orten und Städten existieren feste Neonazi-Strukturen. Die neonazistische Subkultur ist mit zahlreichen rechten Musikbands, Liedermachern, Konzertveranstaltungen und Versandhandlungen in Thüringen besonders ausgeprägt.

Wegsehen ist keine Alternative

Schon seit Jahren werden die Jugendlichen, die 2009 wahlberechtigt sind, von der NPD umworben. Zum Beispiel in Pößneck. Die Stadt liegt mit ihren 13.000 Einwohnern verkehrsgünstig in der Nähe der beiden Autobahnen A4 und A9. Diesen Ort hat sich Jürgen Rieger, der stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD, ausgesucht, um ein rechtsextremes Schulungszentrum zu planen. Er kaufte 2005 das Schützenhaus der Stadt Pößneck. Seitdem versucht Rieger hier einen Ort der Begegnung zwischen der rechtsextremen Szene und der Jugend zu schaffen. Abenteuerspaß mit Schießanlage und Disco, aber auch ideologische Schulungen für die Kameradinnen und Kameraden stehen auf dem Programm. Eingeweiht wurde das Haus 2005 mit einem Landesparteitag der NPD und anschließendem Rechtsrock-Konzert.

Dieser Abend, der den Pößneckern aufgrund der durch die Stadt ziehenden Neonazis in unangenehmer Erinnerung bleibt, ist der Anfang vom Aufstand der Pößnecker Anständigen. Sebastian Klauder gründet zusammen mit seinem Freund Philipp Gliesing und fünfzehn weiteren Schülern und Auszubildenden das „Aktionsbündnis Courage“, kurz ABC. Die Freunde denken sich Aktionen aus, um sich regelmäßig ins Stadtgeschehen einzumischen. Als erstes drucken sie Informationsflugblätter über Jürgen Rieger, als dessen Rolle im Ort kaum jemand einzuschätzen weiss. Dann stellt Sebastian den Kontakt zur Amadeu Antonio Stiftung und zur Kampagne „Laut gegen Nazis“ her, die mit Hilfe von prominenten Künstlern und Musikern Projekte und Initiativen gegen rechtsextreme Gewalt unterstützt. Die Hip Hop-Künstler Afrob, Nico Suave und Dendemann spielen beim „Laut gegen Nazis“-Konzert im Rahmen einer Aktionswoche gegen Rechtsextremismus in Pößneck. Neben der Musik steht an diesem Abend auch die Arbeit des ABC im Rampenlicht: Sebastian und Philipp stellen ihre Arbeit vor und erkären den fast 300 Besuchern, warum „wegsehen“ keine Alternative darstellt, wenn es um Rechtsextremismus geht.

Wichtig: kontinuierliche Arbeit und ein langer Atem

Vier Jahre nach der Gründung des ABC ziehen Sebastian und Philipp in ihrem neuen Büro, keine zwölf Meter vom Rathaus entfernt, Bilanz. Viele erfolgreiche Veranstaltungen und Aktionen liegen hinter ihnen, wie zum Beispiel der Thüringische Antifa-Ratschlag, den die Amadeu Antonio Stiftung ebenfalls gefördert hat. Bei einer Veranstaltung des ABC mit Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse kam die lokale Sparkasse auf die Idee, dem ABC Räume und ein Telefon zur Verfügung zu stellen. Sparkassendirektor Helmut Schmidt wird von den ABClern mittlerweile als echter Freund angesehen. Auch Jürgen Rieger bekommt den Wandel in der Stadt durch die Arbeit des ABC zu spüren: Mit aller Macht der Verwaltung versucht die Stadt nun, Rieger Steine in den Weg zu legen. Möglich sind solche Veränderungen nur durch kontinuierliche Arbeit und langen Atem. Viele Aktive sind wegen der Ausbildung aus Pößneck weggezogen. Auch Sebastian und Philipp merken, dass sie nicht ewig so weiter machen können. Beide sind jetzt Mitte zwanzig und wollen auch endlich einmal an ihre eigene Zukunft denken. Doch 2009 stehen erst einmal die Landtags- und Bundestagswahlen vor der Tür…

Timo Reinfrank

 

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