Der geschichtliche Hintergrund der völkischen Siedler*innen

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Der geschichtliche Hintergrund der völkischen Siedlerinnen und Siedler

Die völkische Weltanschauung, die die heutigen Siedler*innen vertreten, entwickelte sich schon im ausgehenden Kaiserreich, erreichte ihre Hochphase aber erst nach dem 1. Weltkrieg. Sie bezog sich wesentlich auf Deutschland und zeichnete sich durch einen aggressiven Nationalismus und eine rassistische Abgrenzung gegenüber allen anderen Nationalitäten aus. Ziel der völkischen Bewegung war es, ein „reinrassig“ deutsches Volk zu erschaffen, das anderen Völkern und „Rassen“ von Natur aus überlegen sein sollte. Die völkische Bewegung ging davon aus, dass die germanische „Rasse" das Schicksal der Einzelnen sowie des deutschen „Volkes“ bestimme. Durch ein Programm der „Rassenhygiene“ und die Pflege deutschen Brauchtums sollte die „Rasse“ rein gehalten und vermehrt werden. Diese Bevölkerungspolitik sah vor, dass nur Deutsche, die als „gesund“ galten und eine „reine“ Abstammung nachweisen konnten, miteinander Kinder zeugen durften . Schwache, behinderte oder unangepasste Menschen galten als „krank“ oder „minderwertig“ und nicht „lebenswert“. Empfängnisverhütung war verpönt, dagegen sollten kinderreiche Familien besondere Unterstützung erhalten und das Mutterideal als ehrenhaft hervorgehoben werden. Mit ihrer Vorstellung von Gesundheit knüpfte die völkische Bewegung an das „Lebensreformkonzept“ an, . Die „Lebensreform“ wollte den Menschen von den Zivilisationsschäden der modernen Gesellschaft heilen und setzte sich deshalb für eine naturnahe Lebensweise, ökologische Landwirtschaft, Vegetarismus und Naturheilkunde ein. Sie versuchte, ihre Prinzipien in Siedlungsprojekten umzusetzen. Viele Vertreter/innen der Lebensreform drifteten von den anfänglich fortschrittlichen Konzepten in eine völkische und nationalistische Richtung ab. Die erste Siedlung in Deutschland war die Gemeinnützige Obstbau-Siedlung Eden, die 1893 in Oranienburg gegründet wurde. Sie war zu Beginn hauptsächlich auf Vegetarismus orientiert, vertrat aber ab der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg völkische und antisemitische Positionen.


Naturschutz

Die völkische Idee fand ihre Entsprechung in der Forderung, dass das deutsche Volk einen natürlichen Anspruch auf einen „Lebensraum“ habe, der das deutsche Reich begründen solle. Dieser „Lebensraum“ musste gegen äußere Feinde, aber auch um seiner selbst Willen geschützt werden, denn er galt als notwendig für den Erhalt des deutschen Volkes. Der Vorstellung nach bedurfte es eines bestimmten Klimas und geografischer Bedingungen „heimatlicher“ Gefilde, die grundlegend für das Wesen eines Volkes waren. Naturschutz war in diesem Kontext als Heimatschutz gedacht; eine Idee, die auch in der heutige rechten Szene weit verbreitet ist. Der organische Zusammenhang, in dem Natur und Volk gedacht wurden, galt auch für das Volk selbst: Es wurde als organische Ganzheit angesehen, innerhalb derer die Einzelnen nur überleben konnten, wenn sie sich ihr unterwarfen und für sie einsetzten. Die Landschaft, in der das Volk lebte, war zugleich „nicht nur eine sinnverleihende Instanz, sondern der sichtbare und objektive Ausdruck des jeweiligen Volks- und Rassegeistes“1. Das vorwiegend landwirtschaftlich gestützte, großgermanische Reich sollte sich dem Wunsch nach über ganz Europa bis nach Skandinavien und zum Schwarzen Meer hin erstrecken. Als Rechtfertigung für diesen Anspruch galt die Überlegenheit der deutschen „Rasse“, die sich im „Kampf ums Dasein“ gegenüber allen anderen „minderwertigen Rassen“ und vor allem den Juden als „Andersartigen“ durchsetzen würde. Daraus begründete sich der aggressive Rassismus und Antisemitismus, den die völkische Bewegung verfolgte.

 
Religion

Zentral für die völkische Weltanschauung war und ist ihre Einbettung in einer „arteigene“ germanisch-heidnische Religion, die sich an der nordischen Mythologie orientierte und der deutschen „Rasse“ angeboren sein sollte. Eine wichtigsten völkischen Strömungen mit religiöser Fundierung war die Ludendorffer-Bewegung, die sich auf die Schriften des Ehepaars Erich und Mathilde Ludendorff bezog. Die von den Ludendorffern propagierten Theorien einer „jüdischen Weltverschwörung“ bildeten die Grundlage der Weltanschauung und ähnelten der antisemitischen und rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten. Nach dem Tod ihre Mannes im Jahr 1937 übernahm Mathilde Ludendorfff die Leitung des Hauptvereins Bund für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.. Sie war verantwortlich für die philosophischen und pseudoreligiösen Glaubensaspekte der Bewegung. Die von ihr postulierte „Deutsche Gotterkenntnis“ basierte auf einer mit psychologischen Versatzstücken angereicherten Rasseideologie, die sie zusätzlich durch ihre metaphysischen „Erkenntnisse“ zu Natur und göttlicher Ordnung religiös auflud. Im NS war die „Deutsche Gotterkenntnis“ der Ludendorffer als religiöses Ausrichtung durch Zustimmung Adolf Hitlers geduldet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es ihr, die Ludendorff-Bewegung wiederaufzubauen und mit dem Verlag Hohe Warte ein Publikationsorgan zu schaffen. Die wichtigste heutige Organisation der Ludendorffer ist der Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V., an dessen Tagungen auch viele Alt- und Neonazis teilnehmen. Die jährlichen Feiern zu „deutschen Festen“ sind besonders bei völkischen Familien beliebt.


Jugendbünde
Hauptträger der völkischen Bewegung war vor dem 1. Weltkrieg der Alltdeutsche Verband und in der Weimarer Republik der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund, dem über 200.000 Mitglieder angehörten. Die völkischen Organisationen lehnten alle modernen Errungenschaften der Weimarer Republik wie Demokratie und Menschenrechte ab. Ihre Ideen wurden mit Erstarken der Nationalsozialisten von diesen teilweise übernommen und als eigene ausgegeben. Die völkischen Organisationen wurden machtpolitisch zurückgedrängt bis sie gegenüber der NSDAP in der Bedeutungslosigkeit versanken oder vom nationalsozialistischen System geschluckt wurden.
Die Betätigung der völkischen Organisationen erstreckte sich auch auf den Alltag Jugendlicher. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war die „Jugend“ als Lebensabschnitt überhaupt erst in die Wahrnehmung der Gesellschaft gerückt. Dazu hatte in entscheidendem Maß die Wandervogel-Bewegung beigetragen, in der sich erstmalig Jugendliche zusammentaten, um ihre Freizeit Wanderungen und Zeltlager in der Natur zu veranstalten. Die Bewegung war stark von den Idealen der Romantik beeinflusst: Der Durchsetzung der aufklärerischen Vernunft der Moderne und der fortschreitenden Industrialisierung der Städte setzten die Romantiker/innen den Rückzug ins Gefühlsleben, die Wiederaneignung von alten Traditionen wie Volksliedern und die Mystifizierung der Natur entgegen. Die Wandervogel-Bewegung galt als unpolitisch, doch nach dem ersten Weltkrieg setzte sich die völkische Weltanschauung bei den Gruppen durch. Ab diesem Zeitpunkt wird von der Bündischen Jugend gesprochen, die nach militärischen, hierarchischen Idealen aufgebaut war. Es galten strenge Disziplin und Gehorsam; der Einzelne hatte sich dem Dienst an der Gemeinschaft unterzuordnen. Eine dieser bündischen Jugendgruppen waren die Fahrenden Gesellen, die als Wanderbund des völkisch-antisemitischen Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbands (DHV) gegründet wurden. Die Gruppe existiert auch heute noch. Ihre politische Einstellung hat sich nicht geändert, Umwelt- und Heimatschutz sind zentrale Themen bei ihren Treffen.2 Aus der Gruppe sind einige der ersten völkischen Siedler*innen der neunziger Jahre hervorgegangen3. Der militärische Drill der Bündischen Jugend wird in rechten Jugendorganisationen wie dem Sturmvogel oder den Jungen Nationaldemokraten (JN), die der NPD angehören, nach wie vor angewandt.


Artamanen
Das Konzept der Jugendbewegung in Verbindung mit der völkischen Verehrung des deutschen Bauerntums fand seine Verwirklichung in den Artamanen. Wilhelm Kozde-Kottenrodt, der Leiter des völkischen Jugendbundes Adler und Falken und der Verleger Bruno Tanzmann, der die erste Deutsche Bauernhochschule eingerichtet hatte, riefen als erste die völkische Jugendbewegung dazu auf, sich der Gruppe anzuschließen, die auch heute noch für einen Teil der völkischen Siedler*innen ein Bezugspunkt ist. Die Organisation der Artamanen entstand aus dem Bund Artam e.V., der formal 1926 in München gegründet wurde. Der Name Artam gilt als Kunstwort, das von Willibald Hentschel, einem völkisch-nationalen Naturwissenschaftler, schon um die Jahrhundertwende erfunden wurde. Die Artamanen selbst verstanden unter dem Namen „die Erneuerung aus den Urkräften des Volkstums, aus Blut, Boden, Sonne und Wahrheit“4 Zu den Mitgliedern der Artamanen gehörten einige später prominente Nationalsozialisten wie der Reichsbauernführer Richard Walther Darré, der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, Friedrich Schmidt, der Leiter des Hauptschulungsamtes der NSDAP und der Reichsführer-SS Heinrich Himmler.
Der Bund Artam hatte die bäuerliche Besiedlung der ländlichen Gegend im Osten des deutschen Reiches zum Ziel und setzte dabei auf freiwillige Arbeitseinsätze von Jugendlichen, die die Aufbauarbeit der Siedlungen leisten sollten. Die Siedlungen sollten sich unabhängig von der restlichen Gesellschaft versorgen können und die polnischen Saisonarbeiter aus den deutschen Ostprovinzen verdrängen. Die Artamanen kauften in ganz Deutschland Land und Güter auf, um dort ihre Siedlungspolitik zu verwirklichen. Insgesamt waren zwischen 25.000 und 30.000 Jugendliche in der Gesamtzeit der Artamanen-Bewegung als freiwillige Helfer*innen tätig. Im Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten wurde der Bund der Artamanen im Oktober 1934 in die Hitlerjugend (HJ) übernommen und bildete später den Kern des Landdienstes der HJ. In den sechziger Jahren versuchten ehemalige Artamanen die Bewegung in Westdeutschland wiederzubeleben. Daraus entstand der Freundeskreis der Artamanen , der sich bis zum Jahr 2001 hielt und dann in den völkischen Überbündischen Kreis überging. Zu dem Kreis gehören neben den alten Artamanen auch Ehemalige des Germanischen Landdienstes aus der Zeit des Nationalsozialismus, Mitglieder der Fahrenden Gesellen und junge völkische Siedler*innen, die in der Tradition der Artamanen stehen.
Sie haben sich seit Anfang der 1990er Jahre vermehrt in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in der restlichen Bundesrepublik angesiedelt und werden und auch als „Neo-Artamanen“ oder „Neusiedler“ bezeichnet. Sie sind aber bei Weitem nicht die Einzigen, die versuchen, die völkische Weltanschauung deutschlandweit in Siedlungsprojekten zu verwirklichen: Das Feld der völkischen Siedler*innen reicht von völkischen Esoteriker*innen bis zu extrem Rechten.

 

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