Weiter zum Inhalt Skip to table of contents

213 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990

Rechtsextremismus ist gefährlich und tödlich. Laufend kommen neue Fälle rechtsextremer Gewalt zu Tage, Recherchen liefern neue Ergebnisse und Bewertungen. Die Liste der Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 ist nicht abschließend. So befindet sich auch die Chronik der Amadeu Antonio Stiftung im Zustand einer fortwährenden Bearbeitung. Nach der Veröffentlichung der aktualisierten Liste der ZEIT, haben auch wir uns der Recherche der neu aufgetauchten Fälle angenommen. In diesem Zuge müssen wir fünf neue Schicksale aufnehmen – die Zahl, der aus rechtsextremen Motiven getöteten Menschen, erhöht sich somit auf 213, die Dunkelziffer ist unbekannt. 13 weitere Opfer führen wir als Verdachtsfälle.

Rolf Baginski und sein Sohn Maik Baginski wurden 1991 im thüringischen Nordhausen von mehreren Nazis zusammengetreten. Der Haupttäter sagte aus, die Opfer hätten „wie Assis“ ausgesehen. Er hielt ihr Leben für weniger wertvoll. Rolf Baginski erlag Jahre später einer Hirnschwellung, die ihm im Rahmen der Tat zugeführt wurde. Maik Baginski ist bis zum heutigen Tage schwer traumatisiert und trug eine geistige Behinderung davon.

Friedrich Maßling wurde 1993 in Bad Segeberg von zwei Neonazis über mehrere Stunden misshandelt, er erlag einige Tage später seinen Verletzungen. Die Täter hielten ihn für einen „Penner“ und sein Leben somit für weniger wertvoll.

Die 62-jährige Alexandra Rousi verbrannte 1994 in ihrem eigenen Hauseingang in Paderborn, nachdem ein Nachbar versucht hatte, das Haus mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Im Vorfeld der Tat hatte der Täter die Familie Rousi mehrfach rassistisch beleidigt und ihnen gedroht.

Christian Sonnemann wurde 2017 in Katlenburg-Lindau von einem Mitglied einer rechten Esoteriksekte erdrosselt und anschließend auf einer Brache verscharrt – auch in diesem Fall hielt der Haupttäter sein Leben für weniger wertvoll, meinte, er habe die Welt von einem „Trinker“ befreit.

Philipp W. verbrannte 2018 bis zur Unkenntlichkeit, als zwei Täter einen Brand in einem Haus legten, das von der Stadt teilweise zur Unterbringung von Menschen mit Fluchtgeschichte angemietet wurde. Einer der Täter hatte sich vor der Legung des Brandes erinnert, dass „Ausländer“ seine Lebensgefährtin beleidigt hätten.

Alexandra Rousi, Rolf Baginski, Friedrich Maßling, Philipp W. und Christian Sonnemann sind fünf von 213 Menschen, die, nach unserer Zählung und erneuter Recherche, dem menschenverachtenden Hass der Täter*innen zum Opfer gefallen sind. 213 Menschen, deren Leben beendet wurde, da sie aus sozialdarwinistischen, antisemitischen, sexistischen, rassistischen oder homofeindlichen Gründen nicht in das menschenverachtende Weltbild der Täter*innen passten oder weil Täter*innen aus den genannten Motiven gemordet haben und sie mit in den Tod gerissen wurden.

Doch diese Liste erzählt noch eine andere Geschichte: Eine Geschichte, von milden oder ausbleibenden Gerichtsurteilen. Viele der Täter*innen haben sich nach diesen milden Urteilen weiter radikalisiert.  Und diese Chronik erzählt ebenso die Geschichte der Diskrepanz zwischen staatlichen Zählungen von Todesopfern rechter Gewalt und der Zählung nicht-staatlicher Akteur*innen. Laut staatlicher Zählungen sind seit dem Wendejahr 1990 106 Personen aus rechtsextremen Motiven ermordet worden. Somit beläuft sich die Diskrepanz zu der Liste der Amadeu Antonio Stiftung auf 107 Opfer. 107 Menschen, die bis heute nicht staatlich anerkannt sind, obwohl die Indizienlage sich zunehmend eindeutig zeigt.

Angehörige und Hinterbliebene der Opfer fühlen sich zurecht oft mit der Trauer und dem Schmerz alleingelassen. Eine staatliche Anerkennung des rechtsextremen Tatmotivs würde mit einer größeren Solidarität mit den Hinterbliebenen einhergehen, umso wichtiger ist es, dass auch die staatliche Liste nicht abschließend geschrieben ist.

Weiterlesen

photo_2021-09-30_18-11-14

Rat und Tat aus eigener Erfahrung: Die Infostelle Asyl und Bildung in Grimma

Ali und Nemat engagieren sich in der Infostelle Asyl und Bildung, die in Grimma Geflüchtete bei ihrem Leben in Deutschland, dem Lernen der Sprache und besonders häufig bei ihren asylrechtlichen Verfahren unterstützt. Die Probleme von Asylsuchenden und den Umgang mit Behörden kennen die beiden aus eigener Erfahrung. Parteiische Unterstützung für Geflüchtete, das ist eine Seltenheit im ländlichen Sachsen.

Mitmachen stärkt Demokratie

Engagieren Sie sich mit einer Spende oder Zustiftung!

Neben einer Menge Mut und langem Atem brauchen die Aktiven eine verlässliche Finanzierung ihrer Projekte. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Arbeit der Stiftung für Demokratie und Gleichwertigkeit.