Roßlau-Magdeburg-Auschwitz: Auf den Spuren von Unku

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Roßlau-Magdeburg-Auschwitz: Auf den Spuren von Unku

Jugendliche bei Dreharbeiten in Auschwitz-Birkenau

Jugendliche aus dem Alternativen Jugendzentrum Dessau drehten einen Film über das Schicksal von Sinti und Roma, die dem Nazi-Terror zum Opfer fielen (Foto: Amadeu Antonio Stiftung).

 


Jugendliche aus Dessau haben sich im Rahmen des Projektes "Antisemitismus in Ost und West. Lokale Geschichte sichtbar machen" der Amadeu Antonio Stiftung auf die Suche nach den Lebensgeschichten von Sinti und Roma gemacht, die Opfer des Nationalsozialismus wurden. In einer neuen Broschüre können diese und andere Spurensuchen jetzt nachgelesen werden.


Anfang Januar 1938 verfügte die Geheime Staatspolizei/Staatspolizeistelle Dessau, dass bis zum 1. Februar des gleichen Jahres 53 namentlich aufgeführte "Zigeuner", die sich in Dessau-Roßlau aufhielten, das Land Anhalt zu verlassen hätten. Unter der laufenden Nummer 22 ist Erna Lauenburger aufgeführt, die den meisten DDR-Bürgerinnen und Bürgern unter ihrem Sintinamen "Unku" bekannt ist. Das Kinderbuch "Ede und Unku", 1931 erschienen, gehörte zur Pflichtlektüre des Schulunterrichtes in der Klassenstufe 5. Die Handlung dieses Romans spielt im Berlin der 20er Jahre. Was geschah mit Unku und ihren Angehörigen während der Nazizeit? Wurde in der DDR der Sinti und Roma gedacht, die Opfer des Holocaust waren? Die Konfrontation mit dem Dokument vom Januar 1938 veranlasste uns, im Frühjahr 2008 mit der Spurensuche nach dem Schicksal der namentlich aufgeführten Personen zu beginnen und parallel zu untersuchen, ob und in welcher Form ihrer seit 1945 in unserer Region gedacht wurde und heute gedacht wird.

Auftakt des Projektes "Roßlau-Magdeburg-Auschwitz – auf den Spuren von Unku" war unser Besuch der Sonderausstellung "UNERWÜNSCHT - VERFOLGT – ERMORDET: Ausgrenzung und Terror während der nationalsozialistischen Diktatur in Magdeburg 1933-1945" im Kulturhistorischen Museum Magdeburg. Ein Teil der Ausstellung widmete sich den Magdeburger Sinti, zu denen auch Unku gehörte. Neben detaillierten Informationen zu Unku fanden wir weitere Informationen über Sinti, deren Namen uns bereits bekannt waren. Bilder und Dokumente vermittelten uns erste Eindrücke über die Umstände, unter denen die Sinti ab 1935 im polizeilich überwachten "Zigeunerlager" Magdeburg/Holzweg bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz am 1. März 1943 leben mussten. Im Juni 1938 wurden viele Männer, darunter auch Unkus Mann Otto Schmidt, in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Dort wurde Otto Schmidt im Alter von 24 Jahren im Herbst 1942 ermordet. Erna Lauenburger wurde im März 1943 mit ihren beiden Töchtern und zahlreichen weiteren Verwandten nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Kurz nach dem Besuch der Ausstellung in Magdeburg erhielten wir von Erich Schneeberger, Landesverbandsvorsitzender der deutschen Sinti in Bayern, einen Überblick über Leben und Verfolgung der Sinti in Deutschland von den Anfängen bis in die Gegenwart. Anschließend sprachen wir mit dem Zeitzeugen Franz Rosenbach, der Auschwitz, Buchenwald und Mittelbau-Dora überlebte.

In den folgenden Wochen recherchierten wir in Dessau-Roßlau und Magdeburg. Bereits zu diesem Zeitpunkt erhielten wir die Gewissheit, dass mehrere Männer der Liste von 1938 in Konzentrationslagern wie Buchenwald, Ravensbrück, Stutthof ihr Leben verloren hatten. In den Gedenkbüchern "Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau" fanden wir erschreckend viele Namen aus der Liste. Nachdem wir die uns zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Daten zusammengetragen hatten, formulierten wir konkrete Anfragen an das Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau.

Ende Juli reisten wir in die polnische Stadt Oswiecim, die weltweit unter dem Namen Auschwitz traurige Berühmtheit erlangte. Den Zeitpunkt der Reise hatten wir bewusst gewählt, denn in jedem Jahr versammeln sich am 2. August Überlebende und ihre Angehörigen, um der Opfer des "Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau" zu gedenken. In der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 waren die letzten Sinti und Roma dieses Lagerabschnitts in die Gaskammern getrieben worden. Auch Franz Rosenbach kehrt jedes Jahr an den Ort zurück, wo seine Eltern und zahlreiche weitere Verwandte und Freunde ermordet wurden und an dem er selbst als Halbwüchsiger so viel Leid erfuhr. Die Gespräche mit Franz Rosenbach und weiteren Überlebenden am Ort ihres Martyriums waren unbeschreiblich für uns. Umso schockierender waren die Erfahrungen, die sie nach ihrer Befreiung 1945 weiterhin machen mussten. Ihrer Familien und ihres Besitzes beraubt, schlug ihnen weiterhin die Feindseligkeit der Mehrheitsbevölkerung und staatlicher Institutionen entgegen. Jahrzehnte lang mussten sie um die Anerkennung als Opfer der Nazidiktatur kämpfen, während die meisten der Täter nicht zur Verantwortung gezogen wurden und weiterhin in Wohlstand lebten.

 

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Unsere Recherchen im Archiv brachten uns die Gewissheit, dass ein größerer Teil der Sinti, die sich bis Anfang 1938 in Dessau-Roßlau aufhielten, in Auschwitz ermordet wurde. An einigen Opfern waren medizinische Experimente durchgeführt worden. Hugo Höllenreiner berichtete uns, welche Qualen er als Kind durchlitt, denn an ihm hatte der Mediziner Josef Mengele Experimente durchgeführt. Diese Qualen, so spürten wir während des Gespräches, begleiten sein Leben bis heute. Das gemeinsame Gedenken mit den Überlebenden am 2. August 2008 in Auschwitz-Birkenau war uns ein tiefes Bedürfnis und unvergessliches Erlebnis und löste Fragen nach der Gedenkkultur an die Sinti unserer Region, die Opfer des Holocaust wurden, aus.

Nach unserer Rückkehr galt es, das gewonnene Filmmaterial und die Archiv-dokumente auszuwerten. Zeitgleich begannen wir mit der Erforschung der Gedenkkultur und stießen dabei auf den Namen Reimar Gilsenbach, der bereits in der DDR um die Rechte der Sinti gekämpft hatte. Nach seinem Tod erhielt das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg seinen Nachlass. Nachdem wir Anfang Oktober ein hervorragendes Interview mit der Sintezza Krimhilde Malinowski, die wir in Oswiecim getroffen hatten, führen konnten, fuhren wir im im gleichen Monat nach Heidelberg. Dank der Unterstützung der Mitarbeiter des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma gelang es uns trotz der knappen Zeit, viele wichtige Informationen aus dem Gilsenbach-Archiv zu gewinnen. In der sich selbst als "antifaschistischen Staat" definierten DDR wurden Sinti diskriminiert. Vielen Überlebenden war die Anerkennung als "Opfer des Faschismus" versagt oder wurde bei "Nichtangepassheit" an ideologische Vorgaben der DDR wieder aberkannt. Auch die Bemühungen Reimar Gilsenbachs, an die "Zigeunerlager" in Berlin-Marzahn und Magdeburg, von denen aus die Menschen in die Vernichtung deportiert wurden, zu erinnern,verliefen lange erfolglos. Er versuchte, an den Holocaust der Sinti und Roma in Form eines sich auf Unku, die durch das Kinderbuch vielen DDR-Bürgern vertraut war, beziehenden Gedenkorts zu erinnern. Auch dazu kam es nicht.

Zurück in Dessau galt es, die neuen Dokumente zu ordnen. Unser in den letzten Monaten gesammeltes Material war stetig gewachsen. Als wir die heimliche Hoffnung, noch jemanden zu finden, der Unku gekannt hatte, schon aufgegeben hatten, erfuhren wir im November, dass in Osnabrück die 87jährige Frau Weiss lebt, die Unku aus der Zeit in Magdeburg kennt. Frau Weiss, Überlebende der Konzentrationslager Lichtenburg und Ravensbrück, erklärte sich auf unsere Anfrage gern zu einem Interview bereit.

Im Frühjahr 2009 haben wir der Öffentlichkeit die Ergebnisse unserer Spurensuche in Form eines Filmes präsentiert und natürlich vor allem der Sinti und Roma gedacht, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Wir hoffen, dass der Film insbesondere in Schulen und Bildungseinrichtungen in unserer Region zum Einsatz kommen wird. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt gilt unser Dank vor allem den Überlebenden, die uns unterstützen, aber auch zahlreichen regionalen und überregionalen Personen und Institutionen.

Jana Müller



Dieser Text ist in der neuen Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung erschienen:
"Lokale Geschichte sichtbar machen. Einblicke in ein Projekt zu Antisemitismus, Antiziganismus und Erinnerungskultur in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt".
Hier zum Download: PDF, 1.147 KB (PDF-Dokument, 1.1 MB)

Die Broschüre kann zudem per Post bestellt werden bei der
Amadeu Antonio Stiftung
Linienstrasse 139
10115 Berlin
oder per Email:  buero (at) amadeu-antonio-stiftung.de.

Erfahren Sie mehr über das Projekt: "Antisemitsimus in Ost und West - Lokale Geschichte sichtbar machen".



 

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