Antisemitismus – ein Thema (auch) für die Jugendarbeit

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Antisemitismus – ein Thema (auch) für die Jugendarbeit

© Foto: mkorsakov via flickr, cc

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Das neue Projekt "ju:an - Jugendarbeit gegen Antisemitismus und andere Ungleichwertigkeitsideologien" der Amadeu Antonio Stiftung hat in Berlin und Hannover seine Arbeit aufgenommen.
 
In Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen sind pädagogische Fachkräfte – genauso wie in Schulen – immer wieder mit antisemitischen Äußerungen von Einrichtungsbesuchern und -besucherinnen konfrontiert. Auch diskriminierende Aussagen gegen andere Gruppen, beispielsweise Schwule und Lesben, sind vielerorts an der Tagesordnung. Die Pädagoginnen und Pädagogen sind oft unsicher, wie sie im Alltag darauf reagieren sollen. Gleichzeitig suchen sie nach Ansätzen und Methoden, mit denen sie die Kinder und Jugendlichen gezielt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit motivieren können. Dabei benötigen die Einrichtungen jedoch Unterstützung und Begleitung. Deshalb hat die Amadeu Antonio Stiftung ein neues Projekt gestartet.

 

Irritationen und Denkanstöße

 
Das neue Modellprojekt basiert auf den Erfahrungen des Projekts „amira – Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus“, das von 2007 bis 2010 vom Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK) in enger Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung durchgeführt wurde. Gemeinsam mit Jugendclubs aus Berlin-Kreuzberg sowie mit Mitgliedern von MigrantInnenselbstorganisationen wurden verschiedene Methoden für die offene Jugendarbeit konzipiert und erprobt. „Die von ‚amira‘ entwickelten Angebote eignen sich gut, um bei Kindern und Jugendlichen erste Irritationen und Denkanstöße zu bewirken“, fasst Susanna Harms, die Projektkoordinatorin der Stiftung, die Ergebnisse des Vorläuferprojekts zusammen. „Um aber nachhaltige Einstellungsveränderungen zu erreichen, bedarf es langfristig angelegter Strategien und Konzepte, die unterschiedliche pädagogische Maßnahmen miteinander kombinieren und auch andere Sozialisationsinstanzen wie Schulen und Eltern mit einbeziehen.“
 
Die offene Kinder- und Jugendarbeit stellt im Vergleich zur Schule ein besonderes Feld dar. Die Jungen und Mädchen kommen nicht zum Lernen in die Einrichtungen, sondern um dort mit anderen ihre Freizeit zu verbringen. Mit allem, was irgendwie mit Schule zu tun haben könnte, möchten sie in der Regel in Ruhe gelassen werden. Deshalb müssen pädagogische Angebote in diesem Bereich sehr niedrigschwellig sein. Sie sollten spielerisch-kreativ angelegt sein, jugendkulturell attraktive Zugänge wie HipHop oder das Web 2.0 nutzen und an den Erfahrungen der Einrichtungsnutzer und -nutzerinnen ansetzen.
 

Projekte gemeinsam mit Jugendlichen entwickeln

 
"Gerade hier liegt das besondere Potenzial der offenen Kinder- und Jugendarbeit", stellt Bildungsreferentin Judith Rahner heraus, die seit vielen Jahren in der offenen Jugendarbeit aktiv ist. "Fernab von Leistungsdruck und Schulnoten, stehen individuelle Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen im Mittelpunkt und sind der Ausgangspunkt für pädagogische Angebote.“ Eine wichtige Zielsetzung ist dabei, diese Projekte gemeinsam mit Jugendlichen zu entwickeln. Unterschiedliche Lebenswelten sind so durch Mitbestimmung und Selbstgestaltung von vornherein mit einbezogen und werden dadurch den Bedürfnissen und vielfältigen Herkunftskontexten der Jugendlichen gerecht.
 
In den nächsten zweieieinhalb Jahren wird die Amadeu Antonio Stiftung gemeinsam mit Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen aus Berlin und Hannover langfristigen Strategien und Konzepte entwickeln und umsetzen, die diesen Anforderungen berücksichtigen. Die wichtigsten Partner hierfür  sind zwei Einrichtungen aus Kreuzberg und Hannover-Sahkamp: Im DTK-Wasserturm kann das Projekt die im Rahmen von „amira“ begonnene Bearbeitung des Themenfelds fortsetzen und vertiefen. Neu hinzugekommen ist das Jugendzentrum Sahlkamp, einem Stadtteil, der im Sommer 2010 durch einen antisemitischen Vorfall von sich reden machte: Bei einem Stadtteilkulturfest griff eine größere Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die zum Teil auch im Jugendzentrum bekannt sind, eine jüdische Tanzgruppe an, die daraufhin ihren Auftritt abbrechen musste. Auf den durch diesen Übergriff offenkundig gewordenen Handlungsbedarf haben Stadt und Sozialraum bereits mit ersten Maßnahmen reagiert, die durch die Aktivitäten des Stiftungsprojekts ergänzt werden sollen.

 

Die Umsetzung startet im Frühjahr

 
Doch wie genau wird die Projektarbeit aussehen? In der ersten Phase des Projekts analysiert die Stiftung zusammen mit den Teams der Einrichtungen deren Problemlagen, ihren bisherigen Umgang damit sowie ihre Bedürfnisse für die Zukunft. Vor diesem Hintergrund werden gemeinsam thematische Schwerpunkte festgelegt und geeignete pädagogische Zugänge ermittelt, die in die langfristig angelegten Strategien und Konzepte für jede Einrichtung münden. Parallel dazu werden die Fachkräfte inhaltlich und methodische fortgebildet.
 
Im Frühjahr diesen Jahres beginnen die ProjektpartnerInnen dann mit der Umsetzung der pädagogischen Angebote für die jungen Einrichtungsbesucher und -besucherinnen. Die Bandbreite der möglichen Aktivitäten reicht vom Filmabend bis hin zum längerfristigen Theaterprojekt. Es können beispielsweise Stadt(teil)spiele durchgeführt, Videos über das Themenfeld gedreht oder Begegnungen mit jüdischen Jugendlichen organisiert werden. Die eingesetzten Methoden und Konzepte werden regelmäßig ausgewertet und weiterentwickelt.
 

Erfolgreiche Ansätze verstetigen

 
An diesen Prozessen möchte die Amadeu Antonio Stiftung weitere Akteure und Akteurinnen vor allem aus den Sozialräumen der Einrichtungen beteiligen. Sie werden unter anderem durch aktivierende Befragungen und öffentliche Veranstaltungen ins Projekt eingebunden und wirken an der Planung, Umsetzung und Auswertung der Aktivitäten mit. Auch ein Fachnetzwerk von Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen, die sich im Themenfeld engagieren, baut die Stiftung auf, damit die pädagogischen Fachkräfte sich über ihre Erfahrungen austauschen und voneinander profitieren können.
 
Erfolgreiche pädagogische Ansätze sollen schließlich über die Laufzeit des Projekts hinaus von den pädagogischen Teams weiterverfolgt werden. „Ziel des Projekts ist es, die Bearbeitung von Antisemitismus und anderen Ungleichwertigkeitsideologien langfristig und strukturell in den Einrichtungen zu verankern“, erklärt Stiftungskoordinator Timo Reinfrank. Damit auch andere Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen die Projektergebnisse nutzen können, werden sie auf einer Fachtagung und in einer Abschlusspublikation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
 
Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms „TOLERANZ FÖRDERN - KOMPETENZ STÄRKEN“, dem Land Niedersachsen, der Landeshauptstadt Hannover, dem Berliner Integrationsbeauftragten im Rahmen des Landesprogramms gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus sowie der Stiftung Pfefferwerk.
 

 

 

 

Kontakt

Amadeu Antonio Stiftung
Novalisstraße 12
10115 Berlin
 

info@amadeu-antonio-stiftung.de

Tel.:  ++49 (0)30. 240 886 10
Fax:  ++49 (0)30. 240 886 22

 

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