Kommunikation im ländlichen Raum

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

Identität stiften und Zusammenhalt stärken

Von links: Michael Seidel, Leif Kramp, Marion Kraske und Jochen Schmidt

 

Welche Möglichkeiten haben Bürger sich in ihrer Region einzubringen? Welche Formen der Kommunikation können im ländlichen Raum angestoßen werden, um die demokratische Kultur vor Ort zu stärken? Inwieweit muss sich die Rolle der regionalen Tageszeitungen verändern, um gesellschaftspolitische Debatten neu zu beleben. Über diese und andere Fragen wurde im Rathaus Pasewalk bei einem Podiumsgespräch diskutiert.


Der Tante-Emma-Laden von nebenan, der Jahrzehnte lang von den Menschen nicht nur zum Einkaufen von Lebensmitteln, sondern vor allem auch als Ort der Kommunikation genutzt wurde, muss schließen, weil sich kein Nachfolger findet. Die Bibliothek der Stadt wird geschlossen, weil die finanziellen Mittel fehlen. Die lokale Zeitung wird eingestellt, weil der Absatz zu gering ist.

Wegbrechende Strukturen

In ländlichen Regionen führen diese wegbrechenden Strukturen dazu, dass Menschen mehr und mehr öffentliche Treffpunkte verlieren. Fehlende öffentliche Räume zur Kommunikation bewirken ein Verlust an gesellschaftspolitischen Debatten. Die Folge: Viele Menschen wissen nicht mehr, wie sie sich vor Ort einbringen können. Sie fühlen sich kaum mehr als Mitgestalter ihrer Region. Die Bürgerinnen und Bürger ziehen sich zurück – und werden offen für scheinbar einfache Lösungen und rechtsextreme Parolen.

Wie kann Bürgerdemokratie neu belebt werden? Welche kreativen Impulse können von Bürgerinnen und Bürgern selbst gesetzt werden, um Demokratie zu stärken? Wie können lokale Akteure besser vernetzt werden, um in einen offenen Dialog zu treten. Diesen und anderen Fragen widmete sich ein Podiumsgespräch im Pasewalker Rathaus. Im Rahmen des Projekts „Region in Aktion – Kommunikation im ländlichen Raum“ lud die Amadeu Antonio Stiftung und die Stadt Pasewalk zum Thema „Demokratie von unten: Kommunikation stärken – Bürger motivieren“ ein, um unter anderem mit dem Chefredakteur des Nordkuriers Michael Seidel, Jochen Schmidt von der Landeszentrale für politische Bildung und dem Medienwissenschaftler Leif Kramp zu diskutieren.

Die Zeitung – eine Spirale nach unten?

Vor allem in ländlichen Regionen ist das Phänomen des „Zeitungssterben“ augenscheinlich. Seit Jahren kämpfen Zeitungsverleger mit einem steten Auflagenverlust. Der Grund dafür liegt unter anderem in den digitalen Möglichkeiten für die private Informationsbeschaffung. Der ländliche Raum kämpft zusätzlich mit der Abwanderung und dem Pendeln vieler Bürger in die nächst größeren Städte. Pendler brauchen in der Woche keine Regionalzeitung. Über 100 Regionalausgaben wurden in letzten Jahren eingestampft. Die fehlenden Lokalredaktionen führen zu einer unzureichenden lokalen Berichterstattung und die wiederum zu weniger Lesern.

Wird die Zeitung also über kurz oder lang aussterben? Der Medienwissenschaftler Leif Kramp glaubt nicht an eine Abwärtsspirale der Zeitungen. Er stellte bei dem Podiumsgespräch vielmehr die Lokalzeitung als bindendes Instrument in den Vordergrund. „Redaktionen müssen vor Ort sein. Nur so fühlen sich die Bürger wahrgenommen.“ Der Chefredakteur des Nordkuriers Michael Seidel versucht mit unterschiedlichen Ansätzen dem „Zeitungssterben“ entgegenzutreten: „Wir ziehen uns ganz bewusst nicht aus den Regionen zurück und versuchen mit unseren Lesern in Interaktion zu treten.“ So führte der Nordkurier sogenannte „Leserstammtische“ in verschieden Regionen in Mecklenburg-Vorpommern ein, um einen offenen Dialog mit den Menschen zu stärken. „Nur so können wir in Erfahrung bringen, was die Menschen vor Ort bewegt. Wir wollen keine Zeitung mehr aus der Redaktionsstube sein, sondern offen unter den Menschen sein, um sie direkt bei ihren Problemen abholen zu können“, so Michael Seidel weiter.

Demokratien leben von Kommunikation


Lesertreffs wie diese sind ein erster Anknüpfungspunkt, um eine lokale Kommunikation wieder herzustellen. Der Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung Mecklenburg-Vorpommerns Jochen Schmidt warnt jedoch vor Bestrebungen von außen in ländlichen Regionen Kommunikation zu beleben. Hier darf nicht etwas aufoktroyiert werden, was von der Bevölkerung als Bevormundung interpretiert wird. Benno Plassmann ist Theaterregisseur und Künstlerischer Leiter von The Working Party, die die Idee verfolgen "Theater als Kunst des Öffentlichen Raums" zu betrachten. Er bedauert die befristeten Laufzeiten von Projekten, die oftmals nur punktuell agieren und aufgrund fehlender Finanzierung auf keine dauerhafte Auseinandersetzung stoßen. Kulturelle Veranstaltungen einer Region dürften nicht zu einer Marketingstrategie der Stadt verkommen, um nach außen hin ein positives Image zu erhalten. Veranstaltungen sollten demnach nicht für die Außenwirkung gemacht werden, sondern als „Katalysator dienen, um in der Region einen Prozess der Selbstfindung voranzutreiben“. Nur so wird es möglich sein, die Identifikation mit der eigenen Region wieder zu stärken.

Das Projekt „Region in Aktion – Kommunikation im ländlichen Raum“ wird in Zukunft verstärkt in Kooperation mit seinen lokalen Partnern, dem Verein schloss bröllin e.V. in Mecklenburg Vorpommern und der Bürgerinitiative Zossen zeigt Gesicht in Brandenburg diesen Problemen entgegenwirken. Ziel ist es, angepasst an die Bedürfnisse vor Ort, öffentliche Treffpunkte zu fördern, um Kommunikation und gesellschaftspolitische Debatten im Nächstraum zu stärken. Diese Interaktion hat nicht nur einen identitätsstiftenden Effekt mit der Region, sondern befördert vor allem auch die Wertschätzung untereinander und die Stärkung einer demokratischen Kultur.

Von Anna Brausam

 

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