„Dieser Preis gebührt den Betroffenen“

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

„Dieser Preis gebührt den Betroffenen“

Die Nominierten und ausgezeichneten Kunstprojekte des Amadeu Antonio Preis 2017.

 

Der Amadeu Antonio Preis für Menschenrechte und gegen Rassismus ging 2017 an den Kölner Verein Lückenlos. Der mit 3.000 Euro dotierte Hauptpreis würdigt das Kunstprojekt "Tribunal NSU-Komplex auflösen".

Wir sind in diesen Tagen Zeug_innen dessen, wie der NSU-Prozess selbst in seinen letzten Zügen  von Aufklärung weit entfernt ist. Er beschränkt sich auf Beate Zschäpe und wenige Unterstützende des Trios - um die rechtsextremen Netzwerke, die den NSU 14 Jahre unbemerkt blieben ließen, geht es ebenso wenig wie um das Versagen von Verfassungsschutz, Polizei und Politik. Die Stigmatisierung der Betroffenen durch Medien und gesellschaftlicher Rassismus werden vollkommen außer Acht gelassen, nach der Perspektive der Betroffenen suchen wir vergeblich.

„In Zeiten, da öffentliche rassistische Parolen wieder traurige Realität werden, brauchen wir engagierte Künstler, die daran erinnern, wie gefährlich es für uns alle ist, wenn Rechtsextremismus kleingeredet und Opfer zu Tätern gemacht werden“, sagt Anetta Kahane, Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung.

Genau darum geht es dem Lückenlos e.V. aus Köln. In einem nachgestellten Tribunal klagten Betroffene rassistischer Gewalt, Künstler_innen und Aktivist_innen fünf Tage lang stellvertretend 90 Personen an, die aus ihrer Sicht für das unbeachtete Morden des NSU-Komplex und den strukturellen Rassismus, der die Täter-Opfer-Umkehr überhaupt erst ermöglichte, verantwortlich gemacht werden. Das Tribunal schafft damit einen Raum, in dem zuallererst das Wort der Betroffenen gilt. Deren Klage ist vielschichtig - sie beinhaltet gleichzeitig den Schmerz über den Verlust der geliebten Menschen, die Anklage der Täter_innen und ihrer Unterstützer_innen und das Einklagen von Aufklärung, die rassistische Strukturen benennt und angeht. „Das Tribunal war ein Meilenstein in der Art und Weise, wie wir als politische Menschen Kunst als Mittel nutzen können, um aufzuklären“ lobt Laudator und Jury-Mitglied Van Bo Le-Mentzel. Tim Klodzko, Sprecher des Aktionsbündnis ‚NSU-Komplex auflösen‘ betont, dass dieser Preis eigentlich den Betroffenen gebührt. Sie haben im Tribunal allen Mut zusammen genommen, um das Schweigen zu durchbrechen - trotz der Erfahrung, dass alles, was sie sagten, gegen sie verwendet wurde.

„Ich hätte jemanden als illusionär betrachtet, der mir gesagt hätte, dass wir heute einen solchen Preis ausschreiben“ gesteht Friedhelm Boginski, Bürgermeister der Stadt Eberswalde. Im Jahr 1990 wurde der angolanische Vertragsarbeiter Amadeu Antonio in Eberswalde von rechten Schlägern ins Koma geprügelt und erlag zwei Wochen später seinen Verletzungen. Heute ist in der Stadt klar: so etwas darf nicht wieder passieren. Das Klima hat sich verändert, Entscheidungsträger_innen und Zivilgesellschaft stehen öffentlich gegen Rassismus ein - und setzen sich aktiv mit dem Erbe der Stadt auseinander. Mit dem nach Amadeu Antonio benannten Kunstpreis würdigen die Stadt Eberswalde und die Amadeu Antonio Stiftung kreatives Engagement für Menschenrechte und gegen Rassismus und Diskriminierung.

Neben dem Hauptpreis wurden zwei weitere herausragende Werke geehrt: Raman Zaya’s „träumen auf deutsch ohne untertitel“ schafft einen Raum, den Autor in sein Leben in Teheran im inneren Exil zu begleiten, das nach der Flucht nach Deutschland zum äußeren Exil wird. Die autobiografische Erzählung spricht von der inneren Zerrissenheit des Ankommenden, der Schwierigkeit, sich selbst trotz aller Widersprüche und Brüche zusammenzuhalten, der Suche einer Heimat in der neuen Heimat.

„Add your Heroine!“ begann mit einem Comic, in dem Evelyn Rack ihre Heldinnen vorstellt, die sie zu der gemacht haben, die sie heute ist. Das Anliegen: Ihre Heldinnen sichtbar zu machen, denn mangelnde Diversität und Sexismus sind in der Filmlandschaft omnipräsent, und Heldinnen unterrepräsentiert. Weil schnell klar wurde, dass das Interesse groß und der Heldinnen viele sind, konzipierte Evelyn Rack zusammen mit Billie Mind eine Ausstellung, in der 12 Porträts der Heldinnen die Besucher_innen einladen, sie kennenzulernen, und Rack erzählt, welche Geschichte sie mit den Heldinnen verbindet. Rack ruft die Besucher_innen auf, ihre eigenen Heldinnen auf der Website des Projekts hinzuzufügen. So werden mehr und mehr Heldinnen entdeckt.

Außerdem waren folgende Kunstprojekte nominiert:

  • Kanaltheater, Eberswalde: Inszenierung „Gulliver unter uns“
  • GRIPS-Theater, Berlin: Inszenierung „Nasser #7Leben“
  • Neue Jüdische Kammerphilharmonie Dresden: Schülergesprächskonzerte mit Werken verfemter jüdischer Komponisten
  • Nyx e.V. und Regionalverband deutscher Sinti und Roma Augsburg: Theatraler Stadtspaziergang „Schluchten“


Der Amadeu Antonio Preis wird alle zwei Jahre verliehen. Der Hauptpreis ist mit 3.000 €, die beiden weiteren Preise sind mit jeweils 1.000€ dotiert.

 

Kontakt

Amadeu Antonio Stiftung
Novalisstraße 12
10115 Berlin
 

info@amadeu-antonio-stiftung.de

Tel.:  ++49 (0)30. 240 886 10
Fax:  ++49 (0)30. 240 886 22

 

Spendenkonto

Amadeu Antonio Stiftung
GLS Bank Bochum
BLZ 430 609 67
Konto 6005 0000 00
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00
BIC: GENODEM1GLS