Wie antisemitisch war die DDR?

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Wie antisemitisch war die DDR?

 


Die Ausstellung ''Das hat’s bei uns nicht gegeben - Antisemitismus in der DDR" sorgt weiter für Diskussionen. Bis vor Kurzem war sie in Leipzig zu sehen. Sehr unterschiedliche Sichtweisen offenbarten sich auch im Rahmenprogramm der Ausstellung in Berlin-Köpenick. Besonders beeindruckte ein lehrreicher Vortrag von Arno Lustiger.     



Von Marek Voigt

Im Mittelpunkt des Rahmenprogramms in Berlin-Köpenick stand die Auseinandersetzung, was überhaupt unter Antisemitismus zu fassen sei und die Frage nach dem Verhältnis von staatlichem Handeln und alltäglichem Antisemitismus, konkret also, ob in der DDR alltäglicher Antisemitismus durch staatliches Handeln gefördert wurde.

Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum, der selbst dem wissenschaftlichen Beirat der Ausstellung angehört, sprach auf einer von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit organisierten Podiumsdiskussion über seine Erfahrungen als Jude in der DDR. Bezugnehmend auf den Titel „Die Geschichten der Anderen", den die Berliner Zeitung für eine Doppelseite zum Thema Jüdischsein in der DDR wählte, beschwichtigte er: „Das fand ich ein bisschen komisch. Denn wie fühlte ich mich in der DDR? Eigentlich nicht so wesentlich anders, ein bisschen schon, aber dieses Bisschen war eigentlich meine Privatangelegenheit." Die DDR-Führung war seiner Meinung nach daran interessiert, die jüdischen Gemeinden zu erhalten. Ohne die staatliche Förderung wäre das nicht möglich gewesen, so Simon. Andererseits habe es klare Grenzen für die Gemeinden gegeben: „Sobald es über das Beten hinausging, wurde es problematisch." In der Gesamtschau kommt Simon dennoch zu der Einschätzung, dass es zwar Antisemitismus in der DDR gegeben habe, aber „wenn wir sagen, die DDR war antisemitisch, dann ist das aus meiner Sicht nicht richtig. Es gab auch immer das Andere."

Ein Urteil, dem sich Arno Lustiger sicher nicht angeschlossen hätte. Auf einer zweiten Veranstaltung kritisierte der Historiker die DDR scharf. „Die Behandlung der Juden in der DDR gehört zu den dunkelsten, schändlichsten und bis heute am wenigsten bekannten Kapiteln in der ostdeutschen Zeitgeschichte", erklärte er. Auch wenn man davon ausgehen müsse, dass die DDR kein souveräner Staat gewesen sei, warf Lustiger insbesondere den deutschen Kommunisten Versagen vor. „Sie hatten aufgrund der Geschichte eine besondere Verantwortung gegenüber den Juden." Das Leiden des jüdischen Volkes sei als Klassenfrage interpretiert und in der Folge nicht wahrgenommen worden: „Die Juden galten entweder als heldenhafte Kämpfer, wie Herbert Baum und seine Widerstandsgruppe in Berlin, oder aber als feige Opfer."

Die Geschichte des Holocaust-Überlebenden Julius Meyer ist für Lustiger ein eindrückliches Beispiel. Meyer war Vorsitzender des Verbands der Jüdischen Gemeinden in der DDR, SED-Mitglied und Volkskammerabgeordneter. Im Januar 1953 geriet er in den Sog der antisemitischen Welle, die über die Ostblockstaaten rollte. Die Vertreter der jüdischen Minderheit in der DDR sollten eine Erklärung unterzeichnen, die die Hilfslieferungen der amerikanischen Organisation „Joint" als Deckmantel für Spionage „enttarnte". Meyer war fest entschlossen, diese lügenhafte Erklärung nicht zu unterzeichnen und sah, ebenso wie viele andere Funktionäre der jüdischen Gemeinden, keinen anderen Ausweg, als sich dem durch die Flucht in den Westen zu verweigern. Wie recht sie damit hatten, zeigte sich noch am selben Tag, als in der Moskauer Prawda die Meldung über das angebliche Komplott der jüdischen Kremlärzte erschien.

In den darauf folgenden Wochen verlor die DDR durch deren Flucht mehr als die Hälfte ihrer staatstreuen jüdischen Bürger. Julius Meyer wurde aus der SED ausgeschlossen. Er wanderte nach Sao Paulo aus und führte dort ein kleines Lebensmittelgeschäft. Das Ergebnis der DDR-Politik gegenüber Jüdinnen und Juden könne man laut Lustiger an den Zahlen ablesen: 1946 habe es noch 8000 Juden in der sowjetischen Besatzungszone gegeben, von denen 1989 nur 300 oder 400 übriggeblieben seien. Lustiger nannte in seinem Vortrag noch eine Reihe von weiteren Ereignissen in der Politik der DDR und der Sowjetunion, die zum Teil erst durch seine Forschungen einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden sind, besonderes Augenmerk legte er auf die Unterstützung des antizionistischen Linksterrorismus in der Bundesrepublik durch die DDR.

Bereits auf der ersten Veranstaltung hatte Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, erklärt, die Frage, ob die DDR antisemitisch war, müsse mit Ja und Nein beantwortet werden. „Sie war deshalb antisemitisch, weil sie antidemokratisch war. In einem Land, in dem man nicht frei seine Meinung äußern kann, da kann man auch nicht frei jüdisch sein. Insofern ist die DDR strukturell antisemitisch gewesen." Aber auch das Gegenteil stimme. Die zentrale Figur des Hasses in der DDR sei der Hass auf den Klassengegner und nicht der Hass auf den Juden gewesen. „In manchen ideologischen Zuspitzungen kam das zusammen. Es war aber nicht der Grundbaustein der Ideologie der SED. Das ist ein großer Unterschied zum Nationalsozialismus und insofern war die DDR nicht antisemitisch. Man muss diese Dinge auseinanderhalten: strukturell ja, aber ideologisch im Grunde nicht", so Kahane weiter.

Heike Radvan, die für die Amadeu Antonio Stiftung die Ausstellung betreute, macht die fehlende öffentliche Diskussion über Antisemitismus für das heutige Problem verantwortlich. Entscheidend sei die Überlieferung im privaten Bereich. „Antisemitische Stereotype, die durch das öffentliche Tabu in die Latenz gedrängt worden sind, sind weitergetragen worden und kommen jetzt wieder mehr an die Oberfläche", so Radvan. Sie bemühte sich, deutlich zu machen, dass es der Ausstellung nicht um die Diffamierung der DDR gehe. „Es geht uns mit der Ausstellung überhaupt nicht darum, die Identität des Staates anzugreifen, sondern darum, dass das Thema Antisemitismus in der DDR auf den Tisch kommt." Damit sprach sie einen wichtigen Punkt bei dem Streit um die Ausstellung an.

Auch bei diesen Veranstaltungen gab es einige Teilnehmer, die vom Verlauf der Debatte einen anderen Eindruck gewonnen hatten. Sie sehen ihr persönliches Engagement gegen Antisemitismus durch eine „Diffamierung" des Antifaschismus in der DDR abgewertet. So stellte eine Geschichtslehrerin dar, wie sie in ihrer Arbeit versucht habe, den Schülern Wissen über den nationalsozialistischen Antisemitismus zu vermitteln. Auch der letzte SED-Bürgermeister des Stadtbezirks Köpenick betonte, wie wichtig ihm der Kampf gegen Antisemitismus gewesen war. Er habe es immer als seine Aufgabe verstanden, Hakenkreuze und antisemitische Schmierereien schnell zu entfernen.

Auf der anderen Seite stehen Erfahrungen von Antisemitismus, die in der DDR nicht thematisiert werden konnten und von offizieller Seite gedeckelt, vertuscht und geleugnet wurden. Die engagierte Diskussion, die anzustoßen Ziel der Ausstellung ist, brachte auch auf dieser Veranstaltung sehr unterschiedliche Einschätzungen hervor. Und dabei gehen die Meinungen durchaus nicht nur zwischen nicht-jüdischen und jüdischen Diskussionsteilnehmern auseinander.

Ähnlich wie Simon äußerte sich Ruth Frey, die als Kind jüdischer Eltern in der DDR gelebt hat. Für sie ist die DDR ein antifaschistischer und kein antisemitischer Staat gewesen, aber dennoch habe es Antisemitismus in der DDR gegeben. Sie hob die Bedeutung von Literatur und Filmen hervor, die Ort der Begegnung mit dem Judentum gewesen seien. Eine andere Diskussionsteilnehmerin meinte sogar, sie habe als Tochter einer jüdischen Mutter keinerlei Antisemitismus in der DDR erlebt. Salomea Genin machte ganz gegenteilige Erfahrungen. Vor dem Nationalsozialismus aus Deutschland geflohen, kehrte sie in den 60er Jahren aus Australien in die DDR zurück und lebte ständig in der Angst, sich als Jüdin erkennen zu geben. „Ich habe als Gespenst" gelebt, voller Angst zu sagen, dass ich jüdisch bin." Ihrer Meinung nach habe es eine völlige Unkenntnis über das Schicksal der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus gegeben. Im Jahr 1982 hätten Geschichtsstudenten ihr gegenüber darauf beharrt, dass alle Juden Widerstandskämpfer waren. „Die jungen Leute haben nicht verstanden, dass die Juden als Juden verfolgt worden waren."

 

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