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Was ist Antifeminismus?

Was ist Antifeminismus?

Antifeminismus gibt es, seit es Feminismus gibt – in Europa also seit mehr als 200 Jahren. Seitdem ist viel geschehen in Sachen Gleichberechtigung. Aber der Kampf um die Gleichstellung der Frau ging schon immer auch mit Gegendiskursen und -bewegungen einher. So auch heute: Seine Gegner*innen machen den Feminismus für persönliche Probleme (z.B. Ehescheidungen) sowie für wirtschaftliche und soziale Probleme der Gesellschaft insgesamt verantwortlich. Antifeminismus kann sowohl gegen Feminismus als kollektive Bewegung gerichtet sein als auch gegen die konkrete Frauen- und Gleichstellungsarbeit.

 

Unter Antifeminismus werden soziale Bewegungen oder gesellschaftliche, politische, religiöse und akademische Strömungen verstanden, die sich organisiert gegen Feminismus wenden. Antifeminismus richtet sich gegen feministische Anliegen, wie beispielsweise die Beseitigung von Sexismus, die Umsetzung von Gleichberechtigung oder die Stärkung weiblicher Selbstbestimmung.

(c) David Janzen, Protest gegen die "Demo für Alle“ am 22.11.2014 in Hannover

Für eine Gesellschaft der Gleichberechtigung und Vielfalt


Gleichberechtigung gehört zu einer demokratischen Gesellschaft und ist nicht verhandelbar. Rechtsextreme und rechtspopulistische Strömungen sehen hierin jedoch eine Gefahr für eine Ordnung, die Männer privilegiert und Frauen unterordnet. Ihre Ablehnung richtet sich gegen die Gleichstellung der Frauen genauso wie gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt. Rechtspopulismus, Rechtsextremismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Gender müssen deshalb zusammengedacht werden. Alle Geschlechter sollen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt und frei von Diskriminierung leben können - dasselbe gilt für Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Gegenwärtig gibt es jedoch noch diverse gesellschaftliche Gruppierungen, die den Abbau von Ungleichwertigkeit zwischen den Geschlechtern verhindern wollen.

  

Antifeminismus und Gender im Rechtspopulismus und Rechtsextremismus

 

Antifeminismus ist eine zentrale Ideologie im Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Das Erstarken extrem rechter Bewegungen und menschenfeindlicher Weltanschauungen in den letzten Jahren in Deutschland geht daher auch mit einem Erstarken von Antifeminismus einher. Populistischen und extrem rechten Bewegungen gelingt es dabei verstärkt auszunutzen, dass Antifeminismus im Vergleich zu Rassismus oder Antisemitismus weniger stark als menschenfeindlich erkannt und gewertet wird. Feministinnen oder Gender-Mainstreaming werden lächerlich gemacht oder bekämpft. Die Agitation gegen sexuelle Vielfalt und die Gleichwertigkeit aller Geschlechter fällt auch in der Mitte der Gesellschaft auf fruchtbaren Boden.

 

Über antifeministische Themen können Menschen und breite Bündnisse bis weit in die politische Mitte angesprochen, mobilisiert und organisiert werden. Antifeministische Positionen und Meinungen können überdies eine Brückenfunktion über diverse extremistische Lager und eine Scharnierfunktion bis weit in konservative oder bürgerliche Kreise hinein haben. Im Antifeminismus verorten sich also verschiedene gesellschaftliche Strömungen, Akteur*innen und Netzwerke.

 

Themen und Ziele des Antifeminismus

 

Antifeminismus richtet sich gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, gegen Geschlechtergerechtigkeit und Gleichberechtigung, gegen die Auflösung vermeintlich traditioneller Familien, gegen Erziehung zu einer selbstbestimmten Sexualität und gegen eine diverse Gesellschaft mit vielfältigen Lebensentwürfen von Frauen*, Männern*, allen, die sich weder als Mann oder Frau verstehen und Familien. Dazu gehört darüber hinaus die Bekämpfung von Frauen- und Geschlechterforschung und Gender-Mainstreaming sowie die Ablehnung der Gleichberechtigung von Homosexuellen und Trans*. Kennzeichnend ist außerdem die permanente Diffamierung der Emanzipation gesellschaftlicher Gruppen als übertriebene political correctness. Geschlechterrollen werden als genetisch vorgegeben und eindeutig aufgeteilt begriffen. Sie werden zugleich mit bestimmten Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und eben auch mit gesellschaftlichen Positionen verknüpft. Antifeminist*innen verfolgen also ein biologistisches Geschlechtermodell. Geschlechterrollen sind jedoch abhängig von sozialen und gesellschaftlichen Verhältnissen und damit wandelbar. Davon abweichende Lebensweisen und Identitäten werden als ‚unnatürlich‘ herabgesetzt und bekämpft.

 

Antifeministische Ressentiments werden derzeit vor allem über Rassismus und Islamfeindlichkeit und unter Berufung auf die Bewahrung vermeintlich traditioneller, konservativer oder christlicher Werte geschürt. So werten Antifeminist*innen kinderlose Frauen ab und machen sie für den Geburtenrückgang in Deutschland verantwortlich; sie lehnen die gleichgeschlechtliche Ehe ab; sie sprechen vom sogenannten ‚Gender-Wahn‘; sie konstruieren die rassistische Figur des ‚übergriffigen Fremden‘, durch die sie eingewanderte junge Männer als alleinige Ursache für Gewalt an Frauen darstellen. Obwohl Statistiken belegen, dass Täter*innen meist aus dem familiären und sozialen Nahbereich der Betroffenen stammen. Die Schuld an den Übergriffen sprechen sie wiederum den Feminist*innen zu, da sie Migration befürworten würden.

  

  

Was ist mit Gender gemeint?

 

Im Alltag jedes Menschen spielt Geschlecht ein zentrale Rolle. Fast kein Behördenformular kommt ohne Geschlechtseintrag aus, Vornamen gelten als entweder weiblich oder männlich, Anreden in E-Mails adressieren Männer oder Frauen. Im Alltag wird Geschlecht unter den Vorzeichen einer angenommenen Zweigeschlechtigkeit permanent abgefragt, in Szene gesetzt, hervorgebracht und damit erst relevant.

 

Diese Phänomene und Zusammenhänge werden u.a. mit dem Begriff gender beschrieben und analysiert. Unter gender wird die gesellschaftliche, also die soziale Dimension von Geschlecht verstanden - im Gegensatz zum deutschen Begriff “Geschlecht”, worunter das biologische Geschlecht verstanden wird. In dieser Auseinandersetzung  lässt sich überhaupt erst verstehen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen soziale und geschlechtsbezogene Zuschreibungen haben. Diese zu verstehen ist eine Voraussetzung für den Abbau von Ungleichheiten in den Geschlechterverhältnissen, für den sich Feministinnen und Frauenrechtler*innen seit vielen Jahrzehnten einsetzen.

 

Feminismus und Gender als Feindbild

 

Gender – bzw. alles was darunter verstanden wird – ist mittlerweile zu einem massiven Feindbild im Rechtspopulismus und in der extreme Rechten geworden. Eine Spielart des Antifeminismus ist der ‚Antigenderismus‘. Dieser spricht der Frauen- und Geschlechterforschung bzw. den Gender Studies ihre Wissenschaftlichkeit ab; er zieht massiv gegen die liberale Idee der Geschlechtervielfalt zu Felde und wendet sich unter dem Kampfbegriff der ‚Frühsexualisierung‘ gegen eine plurale Sexualerziehung.

Im Rechtspopulismus finden sich verschiedene Auffassungen, was die Rolle von Frauen, das Ziel ihrer gewünschten gesellschaftlichen Stellung oder die Frage des Feminismus betrifft. Einerseits ist der Feminismus ein Feindbild, das schuld an Migration und einer angeblichen  ,Überfremdung‘ sei. Andererseits wird eine nationalistische Frauenrolle vertreten - mit biologistischen und ultrakonservativen Argumentationen werden Mutterschaft und vermeintlich typisch weibliche Eigenschaften aufgewertet. Rechtskonservative bis extrem rechte Frauen werden als ‚wahre Feministinnen‘ inszeniert, die ‚deutsche Frauen‘ vor sexualisierter Gewalt durch ‚Fremde‘ schützten.

 

Frauen und Antifeminismus

 

Frauen selbst spielen eine wichtige Rolle wenn es darum geht, antifeministische Ziele und frauenpolitische Themen zu transportieren. Sie geben antifeministischen oder sexistischen Argumentationen Gewicht – nach dem Motto: ‚Wenn sogar eine Frau das sagt, ...‘. Außerdem geben sie extrem rechten Bewegungen ein weibliches, vermeintlich friedfertiges Gesicht und machen sie damit anschlussfähig an die gesellschaftliche Mitte. Geschlechterpolitische Fragestellungen und sogenannte Frauenthemen werden in (neu)rechten Bewegungen – auch von weiblichen Vertreter*innen – dabei teilweise mehrdeutig verhandelt: So stehen beispielsweise die propagierten Geschlechterbilder und die zugrundeliegenden sexistischen Ideologien, wonach sich Frauen um die Versorgung der Kinder zu kümmern haben, im Widerspruch zu den aktiven politischen Rollen von Frauen innerhalb extrem rechter Bewegungen und Parteien.

 

  

  

Antifeminismus und Antisemitismus

 

Einige Akteur*innen des Antifeminismus sind in ihrer Ideologie auch im antisemitischen Weltbild verhaftet und sehen Jüd*innen als „Strippenzieher“ des Feminismus und „Genderismus“. Das ist nicht sonderlich verwunderlich: Sowohl im Antisemitismus als auch im Antifeminismus gelten eine vielfältige Gesellschaft, Liberalismus und weitere Aspekte der Moderne als Bedrohung. Veränderungen werden nicht als Folge von teils langwierigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, sondern personalisierend als „Machwerk“ weniger einflussreicher Menschen angesehen, die auf Kosten der Gesellschaft nur an ihren eigenen Vorteil denken würden. Diese “Strippenzeiher” werden im Verschwörungsdenken oftmals als jüdisch imaginiert.  Der „Genderismus“ wird in dieser Verschwörungsideologie als zentraler Bestandteil für die Manipulation des „deutschen Volkes“ gesehen.

 

Normalisierung von Sexismus und Antifeminismus

 

Frauenfeindlichkeit, Frauenhass (Misogynie) oder Sexismus sind Teil von Antifeminismus und nehmen sehr unterschiedliche Gestalten und Formen an. Frauenhass oder Sexismus wird dabei eingesetzt, um Antifeminismus durchzusetzen. In welch erschreckendem Ausmaß und mit welcher Heftigkeit Gewalt, Vergewaltigungen oder sexualisierter Mord angedroht werden, davon können vor allem feministische Politiker*innen und Netzfeminist*innen berichten. Hetze und Diffamierungen in sozialen Medien und in den Kommentarspalten von Zeitungen sowie sexistische Äußerungen mächtiger Politiker sind dabei Ausdruck einer Normalisierung von Sexismus und Antifeminismus.

 

Nicht jede Kritik an Feminismus und feministischen Zielen ist antifeministisch; Feminismus ist dynamisch und befindet sich in einem Prozess ständiger Veränderung. Der Kampf für Frauenrechte und gegen Sexismus verbindet sich seit jeher mit dem Kampf für Menschenrechte und gegen Formen der Diskriminierung und Hierarchisierung wie Rassismus, Kapitalismus, Nationalismus, Kolonialismus oder Heterosexismus. Dieses ideelle Verständnis von Feminismus ist mit antiliberalen, antimodernen und rassistischen Vorstellungen extrem rechter Bewegungen und Politiken nicht vereinbar. Die Verschärfung einer antifeministischen und frauenverachtenden gesellschaftlichen Stimmung, Gegendiskurse zur Gleichstellung von Mann und Frau sowie genderbezogene Aggressionen müssen im Blick behalten werden und als das bezeichnet und bekämpft werden, was sie sind: demokratiefeindlich.

Das können Sie tun

Sie fragen sich, was Sie gegen Antifeminismus tun können? Wir haben Ihnen einige Vorschläge zusammengetragen.

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