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„Die Show ist zu Ende – 184 Todesopfer sind 184 zu viel!“

Die Engagierten setzen sich für ein würdiges Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt ein. Foto: JuBiKu e.V.

Im Allgäu hat sich die Neonzi-Szene in den letzten Jahren feste Strukturen aufgebaut. Zwei Todesopfer rechter Gewalt in der Region zeigen, welche Gefahr von den Rechtsextremen ausgeht. Mit Förderung der Amadeu Antonio Stiftung engagiert sich ein Jugendzentrum gegen die rechtsextremen Umtriebe.

Jedes Jahr findet im Juli in Kaufbeuren im Allgäu das traditionelle „Tänzelfest“ satt. Spätestens seit dem letzten Jahr ist das Fest aber nicht mehr nur für sein traditionsreiches Festival-Programm bekannt. Denn 2013 erlangte die Veranstaltung auch außerhalb Bayerns traurige Berühmtheit, als ein Neonazi einen in Kaufbeuren wohnhaften Spätaussieder aus Kasachstan mit einem schweren Schlag tödlich verletzt hat. Die Reaktionen auf die Tat, die von einem rassistischen Hintergrund des Täters nichts wissen wollten, offenbarten die fehlende Sensibilität im Umgang mit rechter Gewalt. Im Gästebuch des Festes hieß es sogar: „Lieber Tänzelfestverein, bitte sagt das Feuerwerk nicht ab! The show must go on!’“

Auch das Gericht, das den Täter später zu elf Jahren Haft verurteilte, erkannte kein rassistisches Motiv. Doch damit wollten sich die Engagierten des JuBiKu e.V. in Kempten nicht zufrieden geben. In dem Antirassistischen Jugendaktionsbüro engagiert sich ein offener Zusammenschluss junger Menschen aus dem Allgäu, die sich für eine vielfältige und solidarische Gesellschaft ohne Diskriminierung einsetzt. Ihr Ziel: Auch in einer strukturschwachen, ländlichen Region eine offene, bunte Jugendkultur schaffen, um so rechtem Gedankengut keinen Platz zu lassen. Schon seit einigen Jahren unterstützen die Jugendlichen auch Flüchtlinge mit Beratungsangeboten.

Das Büro, das in den Räumen des selbstverwalteten Jugendzentrums react!OR untergekommen ist, dient außerdem als Recherche- und Dokumentationsstelle für lokale Neonaziaktivitäten im Allgäu, das mit verschiedenen Gruppen, Druckereien und Bands eine hohe Dichte an Neonazi-Aktivitäten zu verzeichnen hat. Schon 2008 wurde im nahegelegenen Memmingen der 40-jährige Peter Siebert von einem jungen Neonazi erstochen, weil er sich über die laute Rechtsrock-Musik beschwert hatte. Seitdem setzen sich die Engagierten für eine Erinnerungskultur vor Ort ein. Mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung werden politische Workshops angeboten und mit Konzerten, Gedichtlesungen und Poetry Slams eine selbstbestimmte nicht-rechte Alltagskultur belebt.
Damit die Neonazi-Show ein Ende hat.

Von Konrad Eucken

 

Der Mord an Konstantin M. in Kaufbeuren

Am 17. Juli 2013 wird in Kaufbeuren ein 34-jähriger Mann aus Kasachstan von einem Neonazi getötet. Zum Tatzeitpunkt findet in Kaufbeuren gerade das Tänzelfest statt. Zum Ende des Fests beginnen mindestens sieben, zum Teil alkoholisierte, Männer im Alter von 22 bis 53 Jahren auf der kleinen Straße hinter dem Zelt drei Spätaussiedler zu provozieren. Sie beleidigen die drei Männer rassistisch. Schließlich attackieren sie sie auch körperlich. Die Angegriffenen setzen sich gegen die rassistischen Schläger erfolgreich zur Wehr, erleiden dabei allerdings leichte Verletzungen. Als sich Security-Kräfte zu der Schlägerei begeben, folgt ihnen eine fünfköpfige Gruppe aus reiner Neugier. Unter ihnen ist der 34-jährige Familienvater aus Kasachstan. Die aus Thüringen stammenden Angreifer beginnen nun auch die dazukommende, unbeteiligte Gruppe zu provozieren. Unvermittelt schlägt der 36-Jährige Thüringer, der Verbindungen in die rechte Szene hat, dem 34 jährigen Kasachen mit einem Fausthieb auf den Kopf. Der Mann bricht bewusstlos zusammen. Trotz Reanimationsversuche vor Ort, stirbt er kurze Zeit später im Krankenhaus. Auf der bisherigen Grundlage der Informationen im Fall Kaufbeuren hat sich die Amadeu Antonio Stiftung dazu entschieden, den 34-jährigen Familienvater, der eine Ehefrau sowie die sechs und zehn Jahre alten Kinder hinterlässt, in die Liste der Todesopfer rechter Gewalt aufzunehmen. Da die Polizei nun auch die Möglichkeit einer rechtsextrem motivierten Tat näher prüfen wird, bleibt abzuwarten, welche Ergebnisse sich bei den weiteren polizeilichen Ermittlungen ergeben werden. Der Fall aus Kaufbeuren wird zunächst als Verdachtsfall geführt, da noch keine Ergebnisse des Gerichtsprozesses vorliegen.

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