Weiter zum Inhalt

„Es lag nicht an ihrer Herkunft, sondern am Weltbild des Täters“ – Newsletter März 2020

"Es lag nicht an ihrer Herkunft, sondern am Weltbild des Täters" - Newsletter März 2020 der Amadeu Antonio Stiftung

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

wir erleben gerade eine Zeit der Eskalation. Es sind nur wenige Wochen nach dem rechtsextremen Terroranschlag von Hanau vergangen. Zwischen Schreck und Empörung war, wie ich finde, viel zu wenig Zeit zum Trauern. Die Familien und Freunde der Toten erhielten vielleicht viel Aufmerksamkeit, doch ist da genug an Trost und Trauer? Haben sie von uns allen die Wärme, Anteilnahme und Unterstützung bekommen, die sie jetzt so dringend brauchen? Von der ganzen Gesellschaft und nicht nur von den sogenannten betroffenen Gruppen?

Sie wurden ermordet, weil ein Rassist und Rechtsextremist fand, dass sie nicht leben sollten. Es lag nicht an ihrer Herkunft und Hautfarbe, sondern an dem Welt- und Menschenbild des Täters. Nicht ihre Merkmale sind der Grund für eine solche Tat, sondern seine! Nicht sie müssen irgendwie integriert werden, wie es üblicherweise heißt, sondern er sollte wissen, dass Taten wie diese, Menschen wie er, außerhalb jeglicher menschlicher Gemeinschaft stehen. Er, nicht die Opfer! Nicht Herkunft ist der Makel, sondern Haltungen und Taten, die andere abwerten, ausgrenzen und sogar töten.

Viel zu lange wurde in Deutschland das Thema Rassismus ignoriert, ja seine Existenz bestritten. Welche schmerzhaften Erfahrungen die Generation der „Gastarbeiter“ in Deutschland machen musste, wurde nie ausreichend gehört. Wie selbstverständlich Menschen mit Rassismuserfahrungen aufgewachsen sind, war nie Teil der gesellschaftlichen Erzählung über das Leben in Deutschland. Wie groß die Benachteiligungen, der Missbrauch, die Exotisierung von People of Color noch immer sind, darüber beginnt erst jetzt eine zögerliche Diskussion. Wie lange an dem hochmütigen Verleugnen dieser Situation gegen jede Erkenntnis, sogar entgegen wissenschaftlicher Expertise festgehalten wurde, ist eine Schande. Und für die Betroffenen unerträglich. Viel zu lange geht das schon. Rassismus als allgemeiner Usus und Rechtsextremismus als konkrete Aktion – es wird Zeit, dass Deutschland dieses unselige Erbe als solches erkennt und dagegen antritt.

Wie das geschehen kann? Die Expertise darüber ist längst da. Viele kluge und engagierte Menschen haben dazu Vorschläge gemacht und langjährige Erfahrungen ausgewertet. Die nötigen Maßnahmen sind keine Wunderpillen oder ganz ungewöhnliche, revolutionäre Dinge. Nein, es sind erprobte Maßnahmen, weitergedachte Handlungskataloge, veränderte Perspektiven, weitergehende Förderung und immer wieder Empowerment. Die Amadeu Antonio Stiftung hat dies in zehn Punkten zusammengefasst. Und Sie werden sehen, daran ist nichts Wundersames. Es sind längst bekannte Schritte, um in der Gesellschaft, also im alltäglichen Leben, die Prinzipien des Grundgesetztes – Gleichwertigkeit für alle und das damit verbundene Diskriminierungsverbot – durchzusetzen.

Im Moment ist politisch und gesellschaftlich viel in Bewegung. Die Gründe dafür sind schrecklich. Dennoch ist es gut, dass die Morde von Hanau für Unruhe sorgen. Viel besser, als die Ruhe nach so vielen vorangegangenen Morden. Wir wissen nicht, wie die Entwicklung weitergeht. Aber ganz sicher haben wir gerade einen Einfluss darauf, wie in Zukunft über Minderheiten gesprochen wird, wie sich die Gesellschaft für die nächsten Jahrzehnte definieren wird. Ob sie sich selbst in ihrer Vielfalt anerkennt oder verleugnet. Der Kampf um dieses Bild mit allen Konsequenzen ist nicht die Spaltung, von der immer gesprochen wird. Es handelt sich um Konflikte. Konflikte, die es in Deutschland schon sehr lange gibt. Und die unter den Teppich gekehrt wurden. Solange, bis daraus braune Klumpen wurden.

Rechtsextreme, die AfD und andere Rassisten und Antisemiten ernähren sich von ungelösten Konflikten. Lassen wir uns nicht einreden, dass sich die Gesellschaft spaltet. Gehen wir besser die überfälligen Konflikte an. Sie liegen da schon viel zu lange.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane


P.S. Ganz herzlich möchten wir allen danken, die unserem Spendenaufruf gefolgt sind und für die Angehörigen der Ermordeten von Hanau gespendet haben.

© Peter van Heesen

Im Fokus

Stellungnahme

10 Forderungen nach Hanau

1. Rassismus benennen Noch immer wird Rassismus verharmlost. Es ist Zeit, ihn als solchen zu benennen und nicht als Phänomen…

#saytheirnames

Am Abend des 19. Februar 2020 verübte der Rechtsterrorist Tobias Rathjen einen rassistisch motivierten Anschlag in Hanau, bei dem zehn…

Verharmlosung durch Pathologisierung

Unmittelbar nach dem terroristischen Anschlag in Hanau am 19.2.2020, bei dem zehn Menschen ermordet wurden, twitterte die notorische Erika Steinbach:…

Ermutigen. Beraten. Fördern. Ihre Spende hilft!

Wer Hasskrimininalität erlebt, braucht Unterstützung. Mit dem Opferfonds CURA hilft die Amadeu Antonio Stiftung Betroffenen rechtsextremer, rassistischer, antisemitischer und anderer vorurteilsmotivierter Angriffe - schnell und unbürokratisch. Mit Ihrer Spende können wir das auch weiterhin tun.

 

Geförderte Projekte

Gefördertes Projekt

Schwarze Geschichten sichtbar machen

Mit Interviews, Modeausstellungen und künstlerischen Werken feierte das Berliner Kunsthaus Kule in den vergangenen Wochen den Black History Month. Unter…

Gefördertes Projekt

Empowern gegen „Colourism“

„Wo haben sie denn das Kind her? Das ist doch nicht Ihres?“ Schmerzhafte Aussagen wie diese spiegeln die Alltagserfahrungen von…

Gefördertes Projekt

Sie halten dagegen

Türen öffnen, um Neues zu entdecken –  doch was erwartet uns hinter den Türen? Wenn es klingelt, gehen wir zur Tür,…

Aktuelle Publikationen

Neuer Monitoringbericht rechts-alternativer Medienstrategien - Wie konstruierte "Wirklichkeiten" die Demokratie gefährden

Weltweit mehren sich die Warnzeichen dafür, dass ein Zusammenhang zwischen gewalttätigen rechtsextremen Übergriffen und vorangegangener Online-Radikalisierung besteht. Die neue Broschüre "Alternative Wirklichkeiten" der Amadeu Antonio Stiftung untersucht, wie rechts-alternative Akteur*innen im Internet Meinung machen, bis aus Worten Handlungen werden.

Zur Publikation

"Diskriminieren Mädchen* und Jungen* anders? Pädagogischer Umgang mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit"

Wie kann pädagogisch mit Abwertungen und Ausgrenzungen umgegangen werden? Und was heißt das aus einer Geschlechterperspektive? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Handreichung der Fachstelle Gender, GMF und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung. Untersucht wurden unterschiedliche Arbeitsfelder der Jugend- und Bildungsarbeit - Mädchen*arbeit, Jungen*projekte und koedukative Angebote. Die Ergebnisse zeigen Handlungsmöglichkeiten auf.

Zur Publikation

Diskriminieren Mädchen* Jungen*

Impressum

Copyright (c) 2020
Redaktionsschluss: 5. März 2020

Amadeu Antonio Stiftung
Schirmherr: Wolfgang Thierse

info@amadeu-antonio-stiftung.de
www.amadeu-antonio-stiftung.de
Novalisstraße 12 | 10115 Berlin
Tel.: 030. 240 886 10
Fax: 030. 240 886 22

Spendenkonto der Amadeu Antonio Stiftung: 
GLS Bank | BLZ 43060967 | Konto 6005000000
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00 | BIC: GENODEM1GLS

Sollten Sie zur Verwendung von Spenden Fragen haben, können Sie sich jederzeit an uns wenden.

Redaktion: Franziska Schindler, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Lorenz Blumenthaler, Anetta Kahane, Robert Lüdecke, Jule Müller-Dormann

Mitmachen stärkt Demokratie

Engagieren Sie sich mit einer Spende oder Zustiftung!

Neben einer Menge Mut und langem Atem brauchen die Aktiven eine verlässliche Finanzierung ihrer Projekte. Mit Ihrer Spende unterstützen Sie die Arbeit der Stiftung für Demokratie und Gleichwertigkeit.