Wie lebt es sich mit einem Shitstorm? Zwei Betroffene berichten

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Wie lebt es sich mit einem Shitstorm? Zwei Betroffene berichten.

Jasna Strick, Feministin, Bloggerin, Aktivistin, bekannt als eine der Initiatorinnen des mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten Hashtags #aufschrei


Wie bist du in einen Shitstorm geraten?

Ich habe im August 2013 einen Vortrag bei der Konferenz »Open Mind« in Kassel gehalten. Das Thema war Hate Speech gegen die Beteiligten und besonders die Initiatorinnen des Hashtags #aufschrei. Ich habe vor allem Screenshots mit Texten und Kommentaren gezeigt, die Drohungen gegen uns richteten. Daraufhin brach ein Shitstorm aus, weil es als Pranger gilt, ohnehin öffentliche Beiträge öffentlich zu zeigen. Seitdem gerate ich immer wieder in Shistorms, auch wenn ich nichts mache, aber mir Beteiligung unterstellt wird.

Was steckte in Deinen Augen eigentlich dahinter?

Ich bin Feministin und ich äußere mich öffentlich feministisch und erreiche dabei etwas - der Hashtag #aufschrei bekam zum Beispiel den Grimme Online Award verliehen. Ich zeige auf, dass es Ungerechtigkeiten gibt, die auf Gender beruhen, und diejenigen, die das nicht wahrhaben wollen, starten dann einen Shitstorm. Sie schieben Gründe vor (ich würde Menschen anprangern, zur Gewalt aufrufen, sei des Teufels u.ä.), aber im Grunde geht es um einen Machtverlust. Wenn Feministinnen ihre politischen Forderungen umsetzen könnten, gäbe es eine Machtverschiebung und weiße heterosexuelle cis-Männer [Anm. d. Red: cis bedeutet die Einheit von biologischem und sozialem Geschlecht und ist der begriffliche Gegensatz zu trans] müssten von ihren bisherigen Machtpositionen zur Seite rutschen. Das ist nicht gewünscht. Shitstorms gegen Feministinnen sind der Versuch, diese zum Schweigen zu bringen und damit zu verhindern, dass sie Politik machen können und gehört werden.

Wie bist du damit umgegangen?

Den großen Shitstorm nach der »Open Mind 2013« habe ich öffentlich einfach gar nicht kommentiert. Ich habe alle geblockt, die sich daran beteiligt haben, und von allem Screenshots gemacht. Das habe ich alleine getan und mir keine Hilfe dafür geholt - was vermutlich sinnvoll gewesen wäre. Ich habe fast alles gelesen, was geschrieben wurde. Ich habe öffentlich nicht Stellung bezogen und die Füße still gehalten. Über ein Jahr später habe ich meinen Fall etwas verkürzt und »anonymisiert« in meine Vorträge zum Thema aufgenommen. Überhaupt halte ich verstärkt Vorträge zu Hate Speech und analysiere so gut es geht, was ich oder andere erleben.

Wer hat dich unterstützt?

Meine Twitter-Timeline hat solidarische Tweets an mich geschickt und Diskussionen mit Hatern geführt, damit ich sie nicht führen muss. Eine Person hat bei einem der Hauptverantwortlichen angerufen und den zur Sau gemacht. Ein paar Leute haben zuvor diesen Hauptverantwortlichen »ermittelt« und mir somit geholfen, sich aber nie mit mir in Verbindung gesetzt und die »Ermittlungen« vermutlich eher aus persönlicher Neugier und Freude an der Arbeit gemacht, als um mir zu helfen. Ansonsten haben enge Freund*innen und vor allem andere Feminist*innen mir ihr Ohr und ihre offenen Arme geboten.

Was ist seitdem anders?

Ich twittere weniger persönlich. Ich litt und leide immer noch unter Albträumen. Fremde Männer, die zu meinen Vorträgen kommen, bereiten mir Angst. Ich gehe nicht mehr an unterdrückte Nummern, weil auch meine Handynummer im Netz veröffentlicht wurde. Ich habe kein Blog-Impressum mehr, damit meine Adresse nicht mehr auffindbar ist. Mein Instagram-Account ist privat geschaltet, damit wenigstens nur Fotos von Twitter verschandelt werden können. Ich vermeide größere Familienfeste, weil ich allgemein keine Menschen mehr vertrage, die meine Arbeit in Frage stellen. Ich lüge meine Mutter an, wenn sie mich fragt, wie es mir geht, damit sie sich keine Sorgen macht. Ich vermeide, dass auf Twitter ersichtlich wird, mit wem ich eine Partnerschaft führe, damit die Hater sich nicht auf die Person stürzen. Als ich noch Mitglied bei den Piraten war, vermied ich auf Parteitagen zu viel alleine rumzustehen oder alleine von Fremden angesprochen zu werden, weil ich mich nicht sicher fühlte. Nicht zuletzt konnte ich meine Masterarbeit nicht so schnell beenden, wie ich wollte, und musste ein Semester dranhängen, was auch noch finanzielle Folgen hatte.


Orkan Özdemir, Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg, Berlin

Wie bist du in einen Shitstorm geraten?

Ich bin mehrmals in solch einen »Sturm« geraten. Am übelsten war es jedoch, als ich ein Statement des American Jewish Committee (AJC) zur Hisbollah und deren Vertretungsanspruch in Palästina unterzeichnet habe. Ich wurde regelrecht zugespamt. Das ging so weit, dass ich Morddrohungen erhalten habe. Ein weiterer Fall war eine meiner kritischen Reden zu Buschkowskys Buch. Er strafte mich mit einer Unterlassungsklage und machte dies öffentlich. Das weiße Bürgertum strafte mich mit unendlich vielen Mails und Beschimpfungen.

Was steckte in Deinen Augen eigentlich dahinter?

Ich denke, wenn Menschen sich die Mühe machen und sich hinsetzen, um mir eine »unnette « Mail zu schreiben, dann steckt dahinter sehr viel Wut und Unverständnis ... ja, vielleicht sogar Angst. Manchmal hat man auch den Eindruck, dass hinter einem Shitstorm ein System von Menschen steckt, welche ganz gezielt verunsichern wollen.

Wie bist du damit umgegangen?

Bei den Morddrohungen, zerbombten Briefkästen und dem Schweineblut an meiner Klingel habe ich unter anderem den Staatsschutz eingeschaltet. Bringt alles jedoch nicht wirklich viel. Ich bin aufmerksamer und poste in den Sozialen Netzwerken nichts mehr zu meiner Familie. Ich achte auf meine Umgebung und meide bestimmte soziale Räume.

Wer hat dich unterstützt?

Ich habe mir Rat von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus und vom Mobilen Beratungsteam »Ostkreuz« geholt. Ansonsten ist man ziemlich allein.

Was ist seitdem anders?

Früher war mein politisches Engagement unbeschwert, fröhlich naiv, fast schon »romantisch «. Durch diese ernüchternden Erfahrungen bin ich »ernster« geworden. Ich rede mittlerweile in der Öffentlichkeit mehr als bedacht und positioniere mich nicht mehr so stark, als dass ich Hass und Wut provozieren würde (wobei mir das nicht immer gelingt). Sowas geht natürlich irgendwo einher mit einer Art »Verwässerung« der eigenen klar formulierten Position. Ich denke, ich bin immer noch dabei zu lernen, damit umzugehen. 


Die Interviews führte Julia Schramm

 

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