Ausgabe Nr. 132, August 2016

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Sommerloch war vor dem Klimawandel. Gerade geht es hoch her in den Medien und der Politik. Nach den Ereignissen von Würzburg, Ansbach und München ist das auch verständlich. Doch es ist eine andere, bis jetzt noch nicht so relevante Art von Aufregung, die das Klima in Deutschland deutlich macht. In den Sozialen Netzwerken tobt ein entfesselter Kampf, nicht etwa über Realitäten und Krisen in Zeiten weltweiter Konflikte, sondern darüber, wie darüber gesprochen werden darf. Ist es in Deutschland erlaubt, im Netz jeder Erregung Ausdruck zu verleihen oder nicht? Darf man Wut äußern? Darf man des Herzens Mördergrube einfach mal öffnen und den Hass rauslassen? Wo, wenn nicht im Netz? Ist doch nur viral. Und die Meinungsfreiheit muss doch auch auf der persönlichen Ebene ein Ventil finden dürfen, oder nicht? Die Regeln des zivilen Anstands in der Offlinewelt mag man ja irgendwie ertragen, aber online die Sau rauszulassen ist doch sowas wie ein menschliches Grundbedürfnis.

Interessant dabei ist, dass es weniger um Inhalte geht, um Themen und die großen Wiedersprüche unserer Zeit und Gesellschaft, sondern vielmehr darum, wie darauf reagiert werden kann. Wenn in einer solchen Zeit der Anspannung dann die Amadeu Antonio Stiftung Publikationen herausbringt, die sich mit dem Hass in Social Media beschäftigen, eskaliert die Situation. Warum? Der Frust über den eigenen Umgang mit Konflikten des zivilen Westens, Wut und Hass über die Folgen der politischen Eskalationen überall ergießen sich dann auf die Stiftung, die Ratschläge im Umgang mit Hassrede gibt. Wie eine gewaltige Projektion wird der Stiftung vorgeworfen, das Netz zu zensieren, Beiträge zu löschen oder Gesinnungspolizei zu spielen. Gewiss bietet sich die Arbeit der Stiftung dafür an, denn sie hat sich schon lange für den Minderheitenschutz eingesetzt. Da hat sich was aufgestaut. Die Stiftung war immer klar gegen Rechtsextremismus, schon, als der noch für eine ostdeutsche Folklore gehalten wurde. Sie hat immer Antisemitismus UND Rassismus thematisiert, ganz gleich, von wem diese jeweils kamen. Im Osten waren wir die dreckigen Nestbeschmutzer, im Westen die Linksextremen, die unkritisch gegen alles sind, was mit Einwanderung zu tun hat. Und für die Linken sind wir die Zionisten, Islamophoben und Kapitalistenfreunde, auch Neoliberale genannt. So ist seit langem für jeden was dabei.

In der Politik der Stiftung ist das Gegenteil von Rechtsextremismus nicht Linksextremismus, sondern demokratische Kultur. So wie das Gegenteil von Faschismus nicht Antifaschismus war und ist, sondern eine demokratische und konfliktfähige Gesellschaft. Uns also Linksextremismus zu unterstellen, weil wir Rechtsextreme bekämpfen, ist politisch einfältig und unterliegt der dummen Logik der antithetischen Bindungen. Solche Bindungen gibt es häufig, aber das macht sie nicht intelligenter oder politisch relevanter.

Also: Das Gegenteil von rechts ist für mich nicht links oder umgekehrt. Das Gegenteil aller autoritären oder totalitären Strukturen ist eine lebendige und diverse Demokratie, in der das Individuum mit seinen unveräußerlichen Rechten im Mittelpunkt rechtsstaatlicher Kriterien steht. Das aber geschieht in einer Demokratie nicht automatisch. Deshalb bemüht sich die Amadeu Antonio Stiftung um Minderheitenschutz, ohne den Demokratie nicht funktionieren kann. Das gilt auch im Netz. Und dafür setzen sich die Projekte gegen Hassrede ein. Was wir dort tun, ist Folgendes: Wir publizieren und informieren, beraten beispielsweise Unternehmen und Schulen, leiten Webinars mit interessierten Partnern und Bildungseinrichtungen, machen Monitoring über Entwicklungen der Szene, entwickeln pädagogische Onlinearbeit, analysieren die Entwicklung bei Verschwörungstheorien und rechts-links-Querfronten, erfinden Memes und Bots zu Antisemitismus, organisieren Tweet-Ups zu verschiedenen Themen, arbeiten mit Peer Leaders und jungen Aktivist_innen und liefern tagesaktuellen Journalismus. Das ist KEINE Zensur, wie gerade hysterisch behauptet wird.

Vielleicht sind wir schon länger gewohnt, mit Wut und Hass umzugehen. Vielleicht lernen viele, die unsere Standpunkte nicht teilen, aber dialogfähig sind, dass es auch im Netz eine Entwicklung geben wird, in der zivile Standards gelten müssen. Und dass sich die Menschen auch im Netz an geltendes Recht halten müssen. Die Auflehnung dagegen artikuliert sich gerade als Kampagne gegen die Stiftung. Es wäre aber zu leicht, dies nur als kommunikationstechnisches Problem zu sehen. Wir wissen, dass wir gerade wegen unserer menschenrechtsliberalen Haltung viele Feinde haben. Das ist recht so. Diejenigen, die Argumente brauchen, weshalb die Hasswelle auf die Stiftung eine Kampagne ist, mögen sich bitte unsere FAQs anschauen.

Die Entwicklung der digitalen Welt und Sozialen Netzwerke steht ganz am Anfang. Wir werden noch viele Kämpfe durchstehen und Veränderungen erleben. Aber solange es die Stiftung gibt, nie ohne den Schutz der Minderheiten.

Herzliche Grüße
Ihre Anetta Kahane

 

PS: Ich möchte Sie noch auf unsere Konferenz "Connect – Willkommensstruktur trifft Selbstorganisation" aufmerksam machen. Es erwartet Sie ein spannendes Programm zum Thema Flucht, gesellschaftliche Vielfalt und Teilhabe. Die Konferenz findet am 24. September in der Alice Salomon Hochschule in Berlin statt. Die Anmeldung ist ab sofort möglich. Mehr Informationen finden Sie hier.

 

Im Fokus

Auch geflüchtete Kinder haben Rechte

© Projektfoto „Kinderrechte Club“

 

Welche Bedeutung hat die UN-Kinderrechtskonvention für geflüchtete Kinder in Deutschland? Darüber sprach Pasquale Rotter mit Prof. Dr. Lothar Krappmann vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

 

Das Engagement der Amadeu Antonio Stiftung zum Thema Hassrede

 

Seit einigen Monaten wird mit einer beispiellosen Kampagne versucht, die Arbeit der Amadeu Antonio Stiftung zu diskreditieren. Dabei geht es vor allem um ihr Engagement zum Thema Hassrede und immer wieder werden bestimmte Fragen aufgeworfen. Die wichtigsten haben wir hier zusammengestellt.

 

Die Stiftung aktiv

10 Jahre Mut zum Mitmischen

 

Zum 10. Mal wird in diesem Jahr der Sächsische Förderpreis für Demokratie ausgeschrieben. 45 Projekte und Initiativen sowie zwei Kommunen konnte unter anderem die Amadeu Antonio Stiftung seit 2007 für ihr Engagement für Menschenrechte, den Schutz von Minderheiten und mehr Demokratie vor Ort auszeichnen. Bewerbungen sind noch bis zum 1. September möglich.

 

Geförderte Projekte

 

Seit ihrem Bestehen hat die Amadeu Antonio Stiftung bereits 1094 Projekte gegen Menschenfeindlichkeit und für eine demokratische Kultur gefördert - in diesem Jahr sind es bereits 245. Das wäre ohne unsere vielen Spenderinnen und Spender nicht möglich gewesen - ganz herzlichen Dank für die großartige Unterstützung!

 

Spenden

 

"Wir sind bunt und machen weiter!"

 

Die Initiative BAFF der evangelischen Kirchengemeinde Joachimsthal machte auch im Juli wieder deutlich: Joachimsthal ist bunt und lässt sich nicht beirren – auch nicht von der Zerstörung symbolträchtiger Blümchen.

 

„Wir werden immer lauter“ – Women in Exile auf Aktionstour quer durch Deutschland

© Women in Exile e.V.

 

Für Empowerment, Selbstorganisation und gegenseitiger Austausch touren die „Women in Exile and Friends“ derzeit durch Deutschland. 

 

Publikationen bestellen

Neue Nachbarn - Vom Willkommen zum Ankommen

 

Die Broschüre stellt fachliche Rahmenlinien und zahlreiche Beispiele kommunalen, ehrenamtlichen und professionellen Engagements vor – Bilder einer Gesellschaft, die Rassismus, Unbarmherzigkeit und Gewalt echte Inklusion entgegensetzt.

 

Termine

11. August | 4. Empowerment-Netzwerktreffen für Jugendliche und junge Erwachsene of Color | Hannover
Golschan Ahmad Haschemi von der Praxisstelle ju:an und Verena Mayer vom Mädchenhaus zwei13 werden in Hannover das vierte Empowerment-Netzwerktreffen für Jugendliche und junge Erwachsene of Color veranstalten. In einem safer space können sie sich über ihre Erfahrungen und Strategien austauschen. Eine Anti-Rassismus-Trainerin of Color wird über ihre Erfahrungen und Handlungsansätze sprechen.

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17. August | Workshop: Geschlechterverhältnisse und Migration | Leipzig
Die Gerüchte über sexualisierte Gewalt, die insbesondere geflüchteten jungen Männern zugeschrieben wird, finden sich in Medien und sozialen Netzwerken und werden zur Diskreditierung von Asylsuchenden genutzt. Sexismus wird schneller und mit Vorverurteilungen thematisiert, wenn Menschen mit Migrationshintergrund tatverdächtig sind. Anhand der Debatte um die Silvesternacht in Köln lässt sich das beobachten. Doch warum verbreiten sich entsprechende Geruüchte? Im Workshop werden wir meinungsbildende Fakten zur Thematik diskutieren.

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22. August | „Land zum Leben – für alle?“ Antimuslimischer Rassismus im ländlichen Raum | Ludwigslust (MV)
Das Projekt „Land zum Leben – für alle?“ Antimuslimischer Rassismus im ländlichen Raum soll dazu beitragen, dass Muslim_innen ein gewaltfreies und menschenwürdiges Leben in Mecklenburg-Vorpommern ermöglich wird. Ein dort noch äußerst begrenztes und von verzerrten Bildern bestimmtes Wissen über muslimisches Leben soll erweitert werden.

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25. August | Fachtagung „Junge Flüchtlinge in der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Thüringen“ | Erfurt
Michael Rogenz von ju:an Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit der Amadeu Antonio Stiftung stellt in Erfurt auf der Fachtagung „Junge Flüchtlinge in der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Thüringen“ den „15 Punkte Plan für eine Willkommensstruktur in Jugendeinrichtungen“ vor.
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26. August | Aktion "Platz nehmen" | Hannover

Michael Rogenz von ju:an Praxisstelle antisemtismus- und rassismuskristische Jugendarbeit und Verena Meyer vom Mädchenhaus zwei13 werden von 16 bis 18 Uhr an der Aktion „Platz nehmen“ auf dem Kröpcke, Hannovers zentralem Platz, teilnehmen. Die Aktion findet im Rahmen des Projektes "Jugendgerechte Kommune" statt.

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Redaktionsschluss: 04. August 2016 

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Spenden


Sollten Sie zur Verwendung von Spenden Fragen haben, können Sie sich jederzeit an uns wenden.

Redaktion: Timo Reinfrank (verantwortlich), Sofia Vester. Mitarbeit: Anetta Kahane, Teresa Sündermann, Roxana Erath, Pasquale Rotter

 
 


Die Amadeu Antonio Stiftung wird als Bundeszentraler Träger gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!"

 

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