Ausgabe Nr. 137, Febraur 2017

Spenden gegen Rechtsextremismus

 
 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

viele Menschen sind der Meinung, dass Erinnern nichts nützt. Aus der Geschichte zu lernen wäre ohnehin eine Illusion, die sich in der Wirklichkeit nicht einlösen lässt. Vielleicht sind deshalb für das Gedenken nur kleine Zeitfenster vorgesehen, wie im November beispielsweise, wenn sich Pogromnacht und Maueröffnung jähren. Oder Ende Januar, am Holocaustgedenktag, der sich nicht einfach so ergab, sondern mit Bedacht ausgesucht wurde, damit die Welt neben der schlechten Botschaft – es gab wirklich einen Holocaust – auch eine gute empfängt: Auschwitz konnte befreit werden. Diese Anlässe sind ehrenwert, und Rituale werden gebraucht, auch wenn viele darüber schimpfen. Was zu ergänzen wäre, ist, dass und wie Erinnerung auch unseren Alltag bestimmt.

Wenn Erinnerungen verdrängt werden, kriechen sie durch die Knopflöcher und brechen meist dem Unguten Bahn. Aus dem Verdeckten, Verhehlten kann so rasch unverhohlener Hass werden. Werden sie nicht in der untersten Schublade versteckt, können Erinnerungen durchaus dabei helfen, den menschlichen und politischen Alltag zu prägen. Ich wehre mich gegen den Fatalismus, nach dem Menschen keinen Willen haben, sondern ausschließlich Produkt der Umstände sind, in denen sie leben. Gewiss haben viele Dinge einen großen Einfluss auf uns, aber sind wir ihnen deshalb einfach ausgeliefert? Erinnerungen, sowohl die privaten als auch die historischen, sind Orientierungen für das eigene Leben, wenn sie denn gewusst werden und bewusst sind. Niemand muss Objekt bleiben, weder das seiner sozialen noch das seiner politischen Herkunft. Jeder kann Subjekt sein – ehrlich gesagt, sind wir das viel mehr, als es sich jeder eingesteht. Das hat auch mit der ethischen und politischen Bildung zu tun, die auf aktivem Erinnern beruht.

Die Amadeu Antonio Stiftung arbeitet sehr viel mit dem Erinnern. So wurde eine Ausstellung eröffnet, in deren Mittelpunkt rechtsextreme Frauen in der DDR stehen. Sie anzuschauen bedeutet, sich mit Fragen zu konfrontieren, die zwar für die Vergangenheit abgebildet sind, sich aber heute ebenso stellen: Frauen im Rechtsextremismus? Gab es das, gibt es das? Die DDR und Nazis? Die Ohnmacht des autokratischen Staates, damit umzugehen? Protest gegen das Regime oder geistiges Erbe? Überhaupt: Wie ist das Bild dieser DDR heute? Wird es verharmlost, wird es benutzt? Ist es überhaupt relevant? Damit hat sich eine Gruppe Wissenschaftler auseinandergesetzt, gerade auch im Kontext des Missbrauchs von DDR-Geschichte, also deutscher Geschichte, für die Renaissance einer Argumentation, die der des Kalten Krieges mehr ähnelt als der eines lange vereinten Deutschland. Rechtsextremismus kann man nur verstehen, wenn man seine Geschichte kennt.

Das gilt auch für Rechtspopulismus und andere Phänomene der Menschenverachtung. Das Phänomen AfD erklärt sich nicht aus der Flüchtlingsfrage des Jahres 2015. Ebenso verstehen wir nur, was Rassismus ist, wenn auch an die deutsche Kolonialgeschichte erinnert wird. Und wie jetzt mit Rassismus umgegangen wird, dazu ist wiederum der Umgang mit dem NSU ein wichtiger Schlüssel. Kurz: Erinnern ist Teil der Arbeit der Amadeu Antonio Stiftung an jedem einzelnen Tag. Das ist mühsam, das ist oft auch sehr schmerzvoll, aber es ist die Grundlage jeder Erneuerung im Sinn von Humanität.

Es ist nicht so schwierig, wie es vielleicht scheinen mag, die Dinge immer auch im Kontext des Vergangenen zu sehen. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, ich jedenfalls könnte mich ohne meine Erfahrungen – und nichts anderes sind Erinnerungen auch – keine Minute orientieren in dieser schwierigen Welt. Erinnerungen kann man auswerten und zu Erfahrungen werden lassen. Und Erfahrungen muss man überprüfen mit dem menschlichen Maß, das jedem von uns zur Verfügung steht. Dann wird es leichter, orientiert zu handeln. Wir tun unser Bestes, uns und Ihnen dabei zu helfen.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

PS: Ich möchte Sie noch zum Auftakt unserer neuen Veranstaltungsreihe "Lesen und lesen lassen" am 23. Februar in die Amadeu Antonio Stiftung einladen. Autor Marc-Oliver Bischoff ließt aus seinem Krimi "Die Sippe" vor. Im Anschluss diskutieren wir über Rechtsextremismus im ländlichen Raum und über die Gefahren, die von "Völkischen Siedler_innen" ausgehen. 

 

Im Fokus

Workshop: „Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR“

 

Der Historiker Jeffrey Herf (University of Maryland, History Department) war der prominenteste Teilnehmer beim Workshop, der am 26. Januar in der Amadeu Antonio Stiftung zur DDR, Israel und Antisemitismus stattfand. Er weist nach, wie die DDR sich nicht nur propagandistisch, sondern auch durch Waffenlieferungen, Ausbildung von Militärspezialist_innen, Pflege von Guerillakämpfer_innen und vielem mehr an den Kriegen gegen Israel beteiligte.

 

Fachtag: „Under Construction – Für eine Willkommensstruktur in der Sozialen Arbeit“

© Maik Hasenbank

 

Der Fachtag „Under Construction – Für eine Willkommensstruktur in der Sozialen Arbeit“ fand gestern an der Hochschule Hannover statt. Unter dem Label „Dialog Soziale Arbeit“ wird der Fachtag jedes Jahr von der Fakultät 5 der Hochschule Hannover organisiert, diesmal in Kooperation mit der Praxisstelle ju:an – Antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit der Amadeu Antonio Stiftung.

 

Interview zur neuen Ausstellung: „Angeblich friedliebend“ - Rechtsextreme Frauen in der DDR

 

Eine Ausstellung zu rechtsextremen Frauen in der DDR – das klingt erstmal ungewöhnlich. Rechtsextremismus in der DDR wird selten thematisiert und rechtsextreme Frauen wurden von der Forschung lange Zeit wenig beachtet. Die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus der Amadeu Antonio Stiftung beleuchtet diesen Teil der deutschen Geschichte nun mit der Ausstellung „Rechtsextreme Frauen in der DDR der 1980er Jahre im Blick von MfS und Polizei“. Die Ausstellung kann ausgeliehen werden und ist aktuell bis zum 28. Februar im Jugendwiderstandsmuseum in Berlin zu sehen. Ein Interview mit der Kuratorin Henrike Voigtländer.

 

Die Stiftung aktiv

2017: Was kommt auf uns zu – Was gehen wir an?

Engagement statt Hetze! Das ist unser Slogan für das Jahr 2017. Wir wollen uns nicht von der Hetze treiben und die Debatte bestimmen lassen. Beim Kampf um die Demokratie geht es nicht nur darum, Fehlinformationen, Fake News und Gerüchten mit sauberer Recherche und Klarstellung zu entgegnen, auf Hasskommentare mit Gegenrede zu reagieren – sondern es geht darum, aktiv für- und miteinander die Gesellschaft zu gestalten, in der wir leben. Es gibt viel zu tun!

 

Geförderte Projekte

Das neue Jahr begann mit tollen Projekten und tatkräftigem Engagement! Seit Anfang 2017 haben wir bundesweit bereits 36 Projekte gefördert und konnten in 6 Fällen Betroffene von rechter Gewalt finanziell unterstützen. Wir sagen Danke für einen ermutigenden Start in das neue Jahr!

Ein wichtiger Bestandteil jeglichen Engagements ist neben tätiger und ideeller auch die finanzielle Unterstützung. Spenden Sie hier und machen Sie sich gemeinsam mit uns stark für eine offene und demokratische Zivilgesellschaft.

Spenden

 
Gefördertes Projekt

„History Reclaimed. Digitale Geschichtspfade zum NSU-Terror“

 

„Rechter Terror…? Der NSU…? Hier…? Davon weiß ich (noch) nichts.“ Hinterfragen, lernen, austauschen, weitergeben und selbst wachsen: Gemeinsam mit LaTalpa e.V. wollen Jugendliche eine Stadtrundgangs-App zum NSU-Terror in ihrem Stadtteil erstellen. Das Ziel ist dabei, eigene Aha-Momente in Bezug auf rechte Gewalt an andere weiterzugeben.

 
Gefördertes Projekt

Wo Unverarbeitetes und Unverstandenes fortlebt

 

Wie hängen Gewalt, Volk und Sexualität zusammen? Dieser Frage wird am 4. Februar in Hannover nachgegangen. Ein Symposium zu Ehren von Prof. Rolf Pohl bietet eine gute Gelegenheit mit Expert_innen zu diskutieren, unter anderem darüber was "Sex und Crime" mit kritischer Theorie und Rassismus zu tun hat.

 

 

Aus technischen Gründen erhielten leider nur 50% aller Empfänger_innen unseren Januar-Newsletter. Aus diesem Grund wollen wir uns deshalb (noch einmal) für die vielfältige und solidarische Unterstützung im vergangen Jahr bei Ihnen bedanken und Ihnen unsere Förderbilanz 2016 vorstellen. Tausend Dank!

 
Die Förderbilanz der Amadeu Antonio Stiftung 2016

Couragiertes Engagement vor Ort

 

Mit Hilfe unserer Spender_innen konnte die Amadeu Antonio Stiftung 2016 mit insgesamt 212.967,70 Euro 134 lokale Initiativen fördern. Initiativen und Projekte bundesweit, die sich für demokratische Kultur und den Schutz von Minderheiten engagieren. Wichtiger Förderschwerpunkt 2016 war der Austausch und das gemeinsame Engagement mit Flüchtlingen als Antwort auf rassistische Hetze und Gewalt. In 37 Fällen unterstützte die Stiftung mit dem Opferfonds CURA Betroffene rechter Gewalt.

 
Spendenideen 2016

Unterstützung mit Pfiff und Humor

 

Letztes Jahr hat uns und vielen unserer Partner_innen und Mitstreiter_innen einiges abverlangt. Und doch haben die meisten sich nicht den Kopf von Hetze und Fake News verwirren lassen. Im Gegenteil: Viele ließen ihre Kreativität sprühen, um nicht nur zu spenden, sondern unsere gemeinsamen Anliegen zu teilen. Hier sind einige der zahlreichen spannenden Aktionen, die uns dieses Jahr das Herz erwärmt haben.

 

Aktuelle Publikation

Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik

© Barbara Budrich Verlag

 

Rechtsextreme Frauen werden mit ihren Einstellungen und ihrem Handeln oft übersehen und unterschätzt – auch in der Sozialen Arbeit und Pädagogik. Dies hat Folgen für das demokratische Miteinander, insbesondere aber für Menschen, die von rechter Gewalt betroffen sind. Doch wie kommt es zu diesem Wahrnehmungs- und Interventionsdefizit? Welche Ursachen lassen sich in Geschichte und Gegenwart in der Sozialen Arbeit und Pädagogik erkennen? Diese und weitere Fragen werden im Buch beantwortet. Die Autor_innen plädieren für eine professionsethische Haltung von (sozial)pädagogischen Fachkräften. Das Buch wird von den Autorinnen im Rahmen unserer neuen Veranstaltungsreihe am 23. März in den Räumen der Amadeu Antonio Stiftung präsentiert.

Lehnert, Esther/ Radvan, Heike (2016): Rechtsextreme Frauen – Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik. Analysen und Handlungsempfehlungen für die Soziale Arbeit und Pädagogik, Leverkusen, Barabara Budrich Verlag.

 

Termine

02.12.2016-28.02.2017 I Austellung: Rechtsextreme Frauen in der DDR der 1980er Jahre im Blick von MfS und Polizei I Berlin
Die Ausstellung der Amadeu Antonio Stiftung ist verlängert worden und ist noch bis zum 28. Februar im Jugendwiderstandsmuseum zu sehen.
>mehr

01.-28.02.2017 I Black History Month I weltweit I Berlin, Hamburg, Frankfurt a.M.
Jedes Jahr im Februar wird in zahlreichen Ländern der Black History Month (BHM) gefeiert. Diese Tradition geht auf das Jahr 1926 zurück, als der Historiker Carter G. Woodson eine Veranstaltungsreihe initiierte, um die breite Öffentlichkeit in den USA über Schwarze Geschichte und die kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leistungen der afro-amerikanischen Bevölkerung aufmerksam zu machen.
>mehr

17.02.2017 I Vortrag: Prävention von Rechtsextremismus aus Geschlechterperspektive: Analysen und Herausforderungen für die Soziale Arbeit I Trier
Dr. Heike Radvan (Fachstelle Gender und Rechtsextremismus) von der Amadeu Antonio Stiftung legt in ihrem Vortrag an der Uni Trier einen Fokus auf Strategien rechtsextremer Frauen, die in der Nachbarschaft, im sozialen Nahraum mit ihren Einstellungen und Handlungen häufig übersehen werden. Hier zeigt sich, dass die Wahrnehmung rechtsextremer Frauen durch stereotype Bilder über „die Frau“ als „friedfertig“ und „unpolitisch“ überformt und eingeschränkt wird.
>mehr

23.02.2017 I Lesen und lesen lassen - Couchsurfing mit Marc-Oliver Bischoff: "Die Sippe" mit anschließendem Fachgespräch I Berlin
Marc-Oliver Bischoff  liest aus seinem Roman "Die Sippe" vor. Anschließend diskutieren Marius Hellwig und Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung über die realen Gefahren der "Völkischen Siedler_innen" und des Rechtsextremismus im ländlichen Raum im Allgemeinen.
>mehr

03.03.2017 I Lesen und lesen lassen - Couchsurfing mit Carlo Strenger: "Zivilisierte Verachtung: Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit" I Berlin
Laut Carlo Strenger ist eine Ideologie der „politischen Korrektheit“ entstanden, welche alle Glaubens- und Lebensformen respektiert und in Watte gepackte Diskurse öffnet. Es wird zu sehr toleriert und zu wenig kritisiert, was Grundprinzipien des menschlichen Zusammenlebens wie Gerechtigkeit, Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Wahrheitssuche und insbesondere den Schutz des Individuums vor ungerechtfertigten Eingriffen, zu bedrohen scheint.
>mehr

03.03.-05.03.2017 I Schreibworkshop: un_sichtbar – queere Geschichte(n) aufgeschrieben!
Anfang März findet in Mecklenburg-Vorpommern unter der Leitung von Karen-Susan Fessel eine Schreibwerkstatt für gleichgeschlechtlich und trans*lebende Menschen statt. Viele hegen, wenn auch oft nur insgeheim, den Wunsch, das, was sie erlebt haben, was ihnen geschehen und manchmal auch zugestoßen ist, sich von der Seele oder einfach mal aufzuschreiben und damit festzuhalten, ob für sich oder für andere.
>mehr

 

Impressum

Copyright (c) 2017
Redaktionsschluss: 08. Februar 2017

Amadeu Antonio Stiftung
Schirmherr: Wolfgang Thierse

info@amadeu-antonio-stiftung.de
www.amadeu-antonio-stiftung.de
Novalisstraße 12 | 10115 Berlin
Tel.: 030. 240 886 10
Fax: 030. 240 886 22

 

 

Spendenkonto der Amadeu Antonio Stiftung: 
GLS Bank | BLZ 43060967 | Konto 6005000000
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00 | BIC: GENODEM1GLS
 

Spenden


Sollten Sie zur Verwendung von Spenden Fragen haben, können Sie sich jederzeit an uns wenden.


Redaktion: Sofia Vester, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Anetta Kahane, Martin Jander, Britta Kollberg, Anne Gehrmann, Michael Rogenz, Teresa Sündermann

 
 


Die Amadeu Antonio Stiftung wird als bundeszentraler Träger gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!"

 

Kontakt

Amadeu Antonio Stiftung
Novalisstraße 12
10115 Berlin
 

info@amadeu-antonio-stiftung.de

Tel.:  ++49 (0)30. 240 886 10
Fax:  ++49 (0)30. 240 886 22

 

Spendenkonto

Amadeu Antonio Stiftung
GLS Bank Bochum
BLZ 430 609 67
Konto 6005 0000 00
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00
BIC: GENODEM1GLS