Ausgabe Nr. 141, Juni 2017

Spenden gegen Rechtsextremismus

 
 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

zu den wohl ansteckendsten Übeln dieser Welt gehört die schlechte Laune. Sie braucht eigentlich keine Anlässe, weil es immer Dinge gibt, die einen grummeln lassen oder schlimmeres. Schauen wir uns um: Unsere Welt ist voller Ereignisse, die schlechte Laune provozieren. Terror, Feindseligkeiten, himmelschreiende Ignoranz, Rassismus und allenthalben Leid und Unglück. Wenn es mir schlecht geht und ich in eine Stimmung gerate, in der mir angesichts all dessen die Welt hoffnungslos erscheint, dann schaue ich auf einen Brief, den ich mir selbst geschrieben habe. Darin steht an erster Stelle: „Bitte, mach keine Haufen aus ungelösten Problemen. Schichte sie nicht so hoch auf, dass sie wie ein unerklimmbares Gebirge erscheinen.“ Nun ist es das Wesen der schlechten Laune, dass sie unbeeindruckt bleibt von solchen Tricks. Also kommt der zweite Punkt: „Schau näher hin. Viel näher. Wenn man sich schwach fühlt und die Straße kehren will, dann ist es besser vor den Füßen zu fegen, als an den Dreck der ganzen Stadt zu denken. Das kannst du machen, wenn du ungefähr weißt, wie es geht.“

Gewiss, es gibt massenweise Probleme: Flüchtlinge werden weiter angegriffen, Rassisten wittern Morgenluft und verbreiten Hass in den sozialen Netzwerken, die Stimmung ist mies, pessimistisch, aggressiv, selbstherrlich, furchtsam. Gründe dafür gibt es genug, denn wir erleben gerade eine Art Umbruch, ein Ringen um Zukunft und Werte, wie seit dem Mauerfall nicht mehr. Überall reiben sich die Gesellschaften am momentanen Zustand und zwar auf allen Kontinenten. Es knirscht und kracht im Gebälk. Nichts ist mehr, wie es war. Und das hat Folgen. Denn vielen Menschen erscheint das sehr bedrohlich. Und sie wehren sich gegen Veränderung und gegen die Art, wie sie geschieht.

Wer aber nur die Reaktionen sieht, die Folgen der Veränderung, versteht nicht, was wir gerade erleben und sehnt sich alte Zeiten zurück. Doch es stimmt einfach nicht, dass früher alles besser war. Dass es weniger Kriege, weniger Hunger oder weniger Armut gab, ist eine Legende. Es gibt davon zu viel, ohne Zweifel und die Art der Globalisierung ist oft sehr problematisch und brutal. Doch zu behaupten, es gebe ein besseres „Früher“ wäre zynisch. Wann soll das gewesen sein? Als Frauen nur mit Erlaubnis arbeiten durften? Als Schwule ins Gefängnis kamen? Als Asien Millionen Hungertote zählte? Als Analphabetismus zur „3. Welt“ gehörte wie Kindersterblichkeit und Elend? Als Lateinamerika das Land der faschistischen Diktatoren war? Als Migrantenkinder fast immer in der Hauptschule landeten? Als in der DDR die Kinder dem Staat Treue schwören mussten? Oder türkische Gastarbeiter in drei Schichten in ein und demselben Bett schlafen mussten?

Wenn heute etwas besser geworden ist, dann weil die Zivilgesellschaft dafür gekämpft hat. So wie wir es auch heute tun! Mehr als sechs Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich nach wie vor für Flüchtlinge, davon immer mehr junge Leute und Eingewanderte. Die Zahl ging erst etwas zurück, jetzt bleibt sie aber auf hohem Niveau. Die Leute in Deutschland sind wacher, konfliktbewusster, hilfsbereiter geworden. Dass Deutschland Einwanderungsland ist, bestreitet niemand mehr und die Diskussion um die Flüchtlinge hat zu vielen erstaunlichen Ergebnissen geführt. Die Unvernunft und Hysterie des Pegida- und AfD-Milieus hat einige paradoxe Wirkungen. Mehr Vernunft und Realitätssinn sind die Folge, mehr Kenntnis und mehr Klarheit über die Heterogenität der Gesellschaft. Und mehr Freude an genau diesem Umstand. Sogar die Bereitschaft, Missstände anzusprechen, ist dort gestiegen, wo sie einst nur umschrieben wurden aus Furcht vor Applaus von der falschen Seite. Deutschland als Einwanderungsland muss sich mit Rassismus und anderen Formen der Abwertung beschäftigen und zwar in alle Richtungen. Auch wenn Einwanderer sie verursachen.

Es ändert sich vieles und wir sind gerade jetzt wieder mittendrin. Wir arbeiten weiter daran, dass die Rechte von Minderheiten geschützt werden, egal von wem sie bedroht werden. Das ist das Wichtigste. Heute entsteht, was wir im Rückblick wertschätzen können. Und um das zu tun, sollten wir auch wertschätzen, was heute geleistet wird. Von jedem Einzelnen. Ohne diesen Blick auf die Entwicklung bleibt alles nur ein tiefes Meer aus schlechter Laune.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

 

Im Fokus

Es hört nicht auf - Rechte Gewalt gegen Asylsuchende

 

Bedrohungen, Brandanschläge, Schüsse – die Amadeu Antonio Stiftung dokumentiert seit 2014 zusammen mit Pro Asyl in einer Chronik Übergriffe gegen Geflüchtete. Im Jahr 2016 zählte sie fast drei Mal so viele Fälle wie in den beiden vorangegangenen Jahren zusammen. Die Chronik bietet eine Bestandsaufnahme der rassistischen Gewalt in Deutschland - und sie ist ein wichtiges Korrektiv zu den Angaben von Polizei und Behörden.

 

Neue Podcast-Reihe über rechte Ideologien

 

Immer wieder hören wir, dass es wichtig sei, rechtsextremen, rassistischen und rechtspopulistischen Ideologien etwas entgegenzusetzen. Aber wie? Im Projekt de:hate der Amadeu Antonio Stiftung ist ein Podcast entstanden, der in mehreren Folgen über unterschiedliche rechte Ideologien aufklärt.

 
Unterrichtsmaterialien

Demokratische Debattenkultur im Netz statt Fake News und Verschwörungsdenken

 

Politische Debatten finden immer mehr im digitalen Raum statt. Hier kursieren aber auch Verschwörungsideologien, Hasskommentare und Falschinformationen. Für Lehrer_innen ist das häufig Neuland. Wie lässt sich eine demokratische Debattenkultur im Netz gestalten? Wie können Jugendliche dafür sensibilisiert werden? Die Stiftung hat an einer neuen Broschüre mitgewirkt, die praktische Unterrichtsmaterialien zu diesen Themen bereitstellt.

 

Geförderte Projekte

Vor Kurzem hat die Amadeu Antonio Stiftung den 1.200 Projektantrag seit ihrer Gründung 1998 bewilligt. Das Stralsunder Projekt "Beteilige dich!" setzt sich für eine demokratische Kultur in Mecklenburg-Vorpommern ein. Hier haben rechtsextreme Übergriffe und Aktionen seit dem Ankommen von Geflüchteten deutlich zugenommen.
Allein 2017 hat die Stiftung mit Hilfe ihrer Spenderinnen und Spender bisher 67 Projekte gefördert. Helfen Sie uns, diese Erfolgsgeschichte fortzusetzen!

Spenden

 

Lautstark gegen Rassismus!

© Jamel rockt den Förster

 

Die Sonne strahlt, die Tage werden länger und die Vorfreude auf die bevorstehende Festivalsaison steigt. Dass sich Kunst, Musik und der Einsatz für ein demokratisches Zusammenleben bestens verbinden lassen, beweisen jedes Jahr aufs Neue verschiedene Musikfestivals, die sich für eine offene Gesellschaft ohne Hass und Menschenfeindlichkeit einsetzen.

 

Ohne Angst verschieden sein – Aktionswochen gegen Homophobie

 

Erst am 17. Mai 1990 wurde Homosexualität als Krankheit aus dem Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation gestrichen – daran erinnert seitdem der Internationale Tag gegen Homo-, Inter- und Transphobie. In Greifswald machen aus diesem Anlass Aktionswochen auf die nach wie vor bestehende Diskriminierung von Homo-, Inter- und Transmenschen aufmerksam.

 

Aktuelle Publikation

Gender und Social Media bei Pegida

 

Während die Pegida-Bewegung auf der Straße den Ermüdungserscheinungen der Gewohnheit erliegt, haben die Wutbürger_innen doch eine deutliche Verschiebung des öffentlichen Meinungsklimas nach rechts erreicht. Dass Rassismus und Islamfeindlichkeit zu Pegida gehören, liegt auf der Hand. Die neue Broschüre "Peggy war da!" der Amadeu Antonio Stiftung wirft einen frischen Blick auf die Straßenproteste.

 

Termine

07.06.2017 I Verschwörungen - Ein Workshop zur Aktualität eines antisemitischen Phantasmas I Hannover
Im Rahmen der Verantsaltungsreihe "Dagegen habe ich etwas!" richten der niedersächsische Landesverband der Falken und der Jusos und die Praxisstelle für antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit ju:an der Amadeu Antonio Stiftung einen Workshop zu Verschwörungsideologien aus. In diesem Workshop werden wir aktuelle Ausprägungen von Verschwörungstheorien betrachten und nach den Gründen fragen, die sie attraktiv machen.
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09.06.2017 I Rassismus ist kein Randproblem. Rassismuskritische Perspektiven in der Flüchtlingsarbeit I Cottbus
Das Seminar richtet sich an Ehren- und Hauptamtliche in der Flüchtlingsarbeit und findet in Kooperation mit der Stadtverwaltung Cottbus statt.
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19./20.06.2017 I Globaler Triumph des Populismus? - Vortrag und Diskussion mit Prof. Jan-Werner Müller (Princeton University) I Berlin/Erfurt
In den USA haben es rechte Populistinnen und Populisten in die Regierung geschafft. Auch in Europa halten sie Einzug in Regierungen. Aufklärung und Versachlichung sind gefragt gegen die Verführungskraft des "Post-Faktischen": Was ist eigentlich Populismus? Ist er ein neues Phänomen? Was sagt er aus über eine Gesellschaft?
19.06., Erfurt >mehr | 20.06., Gera >mehr

 

23.06.2017 I Umgang mit Bedrohung durch rechte Gewalt I Cottbus
Das Seminar richtet sich an Ehren- und Hauptamtliche in der Flüchtlingsarbeit und findet in Kooperation mit der Stadtverwaltung Cottbus statt.
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29.06.2017 I Lesen und Lesen lassen: Couchsurfing mit Teresa Forcades i Vila I Berlin
Auf die Couch zu einem philosophischen Gespräch bitten wir Teresa Forcades. Die Geschlechterverhältnisse, die Frage nach Gerechtigkeit und ob Frauen als Gruppe besonders von Hass und Ablehnung betroffen sind – das sind aktuell viel besprochene Themen. Und sie haben eine lange Tradition: Seit der Erzählung von Eva und der Schlange im Paradiesgarten wird gern mit dem Finger auf Frauen gezeigt, sie werden als schuldig markiert und zu Opfern von Ablehnung bis hin zu kollektiver Gewalt.
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30.06.2017 I Für eine demokratische Debattenkultur - Ein Argumentationstraining I Prenzlau
Viele vermeintliche Fakten können wir im Feld der Unwahrheiten verorten, trotzdem begegnen sie uns alltäglich und besonders in der Arbeit mit Geflüchteten. Viel zu oft steht man diesen Aussagen sprachlos gegenüber oder es fällt schwer, in eine sachliche Auseinandersetzung zu gehen. In einem sechsstündigen Training durch Referent*innen der Amadeu Antonio Stiftung wird deshalb geübt, wie man Diskussionen führen kann.
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14.07.2017 I Spaces of feminist resistance – Aktionsformen im Netz I Berlin
Aktive kritische Meinungsbildung und politisches Engagement sind gefragt, mehr denn je. In Zeiten von Trump & Co gilt es auch für Feminist*innen, sich zu Wort zu melden und widerständige Praxen zur Anwendung zu bringen. Welche Räume, welche Vernetzung und welche Diskussionskultur sind für Widerständigkeit notwendig? Wie kann durch Widerständigkeit mobilisiert und die demokratische Debattenkultur gestärkt werden; und welche Rolle spielt das Internet dabei?
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Impressum

Copyright (c) 2017
Redaktionsschluss: 07. Juni 2017

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Spenden


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Redaktion: Robert Lüdecke, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Ruben Bögeholz, Anetta Kahane, Niklas Schröder

 
 


Die Amadeu Antonio Stiftung wird als bundeszentraler Träger gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!"

 

Kontakt

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