Ausgabe Nr. 140, Mai 2017

Spenden gegen Rechtsextremismus

 
 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt eigentlich keine bessere Überschrift über all das, was geschieht, als die leidige Leitkultur. Der Versuch des Innenministers Dr. Thomas de Maizière, zu erklären, um was es in der demokratischen Gesellschaft geht, kann getrost als misslungen beschrieben werden. Nur Satiriker profitieren von seinen Formulierungen und produzieren für das geneigte Publikum einen Schenkelklopfer nach dem anderen. Die zehn Punkte, um die es hier geht, geben dafür zugegebenermaßen genug her. Politisch gesehen ist auch der Versuch misslungen, über ein wichtiges Thema in Deutschland ernsthaft zu debattieren.

Die deutsche Gesellschaft ist, gewollt oder nicht, eine Einwanderungsgesellschaft. Das weiß auch Dr. Thomas de Maizière. Die Tatsache, dass dies lange nicht gewollt war, obwohl Deutschland in der Realität längst als ein Land mit Einwanderern - also Einwanderungsland - bezeichnet werden konnte, trägt ohne Zweifel dazu bei, dass sich über die jetzige Diskussion lustig gemacht wird. Auch der Begriff Leitkultur ist mehr als unglücklich gewählt, hat er doch in der Vergangenheit immer ein kleines, völkisches Geschmäckle im Mund hinterlassen. Es ist Unsinn, dies zu leugnen, denn so schwierig war und ist nun mal der deutsche Weg zur Einwanderungsgesellschaft. Das anzuerkennen, hätte den Innenminister vor einigem Spott bewahrt.

Es ist ein leichtes Spiel, sich über Innenminister de Maizière lustig zu machen - wichtiger ist es aber, eine ernsthafte Debatte zu führen. Im Gegenteil: jede Gesellschaft, die durch die Demokratie die Chance dazu hat, sollte das tun. Die Frage, in welcher gesellschaftspolitischen Kultur wir leben wollen, ist sogar dringend notwendig. Die Demokratie heute besteht aus allem, was seit der Aufklärung erkämpft wurde, zäh und voller Rückschläge. Die schlimmsten gingen dabei von Deutschland aus, die - durch Kriege und den Zivilisationsbruch des industriellen Massenmordes - die Idee von Menschenrechten und Universalismus fast zerstört haben. Wenn Deutschland heute eine Demokratie ist, dann weil die Alliierten es so wollten, unter anderem die USA. Diese Tatsache stinkt vielen Populisten – auch linken, Reichsbürgern, Querfrontapologeten und Rechtsextremisten. Wenn diese Leute heute über den Bundesinnenminister lachen, dann finde ich das gar nicht komisch. Ihr Vergnügen besteht darin, dem Pessimismus und Defätismus zuzujubeln, denn das ist der Boden, den Hysterie und Demokratiefeindlichkeit zum Wachsen brauchen.

Demokratische Kultur entsteht nicht von selbst und sie ist keine Einbahnstraße. Demokratische Kultur ist ein permanentes Bemühen um Gleichwertigkeit und Respekt. Und zwar mit und ohne Migrationshintergrund, oder wie immer das heißen mag. Grundlagen dafür sind das Grundgesetz und geltendes Recht. Jeder Mensch ist gleich viel wert, so sagt es die rechtliche Norm, die in Deutschland gilt. Und weil wir im Alltag mehr oder weniger weit davon entfernt leben, braucht es den Staat UND die Zivilgesellschaft, um dieses Bemühen zu unterstützen. Anders geht es nicht in der Demokratie. Und wir sind uns sicher –oder hoffentlich einig darüber - dass es bei dem Ziel Gleichwertigkeit keine Ausnahmen geben darf. Weder sind davon Bundeswehroffiziere mit rechtsextremem Weltbild entbunden, noch Saufköppe, die ihre Frauen schlagen, noch Rassisten, die auf asylsuchende Kinder einprügeln wollen, noch Fußballfans, die Schwule hassen. Noch Bildungsbürger, die Antisemitismus für eine lässliche Sünde halten. Auch nicht Autofahrer, die eine ägyptische Studentin totfahren und sich danach auch noch über sie lustig machen.

Selbstverständlich gilt das Gleiche für jede Einwanderungscommunity. Schlagen, totfahren und Schwule hassen und Juden sowieso, ist auch dann zu sanktionieren, wenn sich Einwanderer dergleichen hingeben. Das zu sagen, ist nicht reaktionär oder rassistisch und auch nicht komisch, sondern Ausdruck einer Realität, in der ein wachsender Teil der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte hat und Teil der deutschen Gesellschaft ist. Ohne Wenn und Aber. Die Frage ist also nicht, was ist deutsch oder undeutsch. Sondern was ist demokratische Kultur. Egal welche Farbe, Religion oder Tradition sie hat. Sie ist nicht besser oder schlechter. Sie sollte nur eines sein: Im Sinne der Aufklärung auf die Gleichwertigkeit jedes einzelnen Menschen bedacht. Ausnahmslos.

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

 

Im Fokus

Neuer Antisemitismusbericht der Bundesregierung darf nicht folgenlos bleiben!

 

Die Bundesregierung hat ihren neuen Antisemitismusbericht veröffentlicht. Die Amadeu Antonio Stiftung fordert, den Bericht und seine Forderungen ernst zu nehmen und ihn nicht erneut folgenlos in der Schublade verschwinden zu lassen.

 
Neue Schriftenreihe

Wissen schafft Demokratie!

 

Im April veröffentlichte das Institut in Jena nun die erste Ausgabe der neuen und zukünftig zweimal im Jahr erscheinenden Schriftenreihe „Wissen schafft Demokratie.“ Der über 300 Seiten umfassende Band möchte menschenfeindliche Einstellungen und rechte Strukturen sichtbarmachen und verschiedene Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit analysieren.

 
Interview

Vom Willkommen zur Integration - Trainings und Vernetzung für die Arbeit mit Geflüchteten

 

Laura Piotrowski leitet das Projekt „Vom Willkommen zur Integration“ der Amadeu Antonio Stiftung. Es setzt sich dafür ein, die Perspektive von Geflüchteten stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Seit 2005 engagiert sie sich in verschiedenen Projekten gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Im Interview sprach sie darüber, wie ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsarbeit verstärkt und die gesellschaftliche Teilhabe von Geflüchteten befördert werden kann.

 

Geförderte Projekte

Dieses Jahr konnten wir bundesweit bereits 56 Projekte fördern und in 10 Fällen Betroffene von rechter Gewalt finanziell unterstützen. Neben tätiger und ideeller ist es die finanzielle Hilfe, die diese Initiativen möglich macht. Spenden Sie hier und unterstützen Sie gemeinsam mit uns Engagament vor Ort gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit.

Spenden

 

Theater: Emotionen sind uns ins Gesicht geschrieben

© Klatsch&Muff

 

In Dresden entsteht gerade etwas ganz Neues: Julia Schleißner und Nora Otte inszenieren ein nonverbales Theaterstück mit Masken, in dem Fragen nach dem Fremden, dem Eigenen, dem Ankommen, der Heimat oder der eigenen Identität aufgeworfen werden. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt das Projekt.

 

„Die Bewegung“ – Ein Rollenspiel thematisiert Rassismus und Ausgrenzung

 

Wie fühlt es sich an, aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden? Was heißt es, Vorurteile zu haben und bin ich vielleicht selbst voreingenommen gegenüber anderen Menschen? Und wie kann ich mich verhalten, wenn ich Diskriminierung und Rassismus beobachte? Das sind nur einige der Fragen, die sich Schülerinnen und Schüler in Oberhausen stellten. Gefördert wird das innovative Konzept durch die Amadeu Antonio Stiftung.

 

 

 

Aktuelle Publikation

Bürgerwehren - Hilfssheriffs oder inszenierte Provokation?

 

Rechtsextreme Bürgerwehren inszenieren sich als „Macher“, um Stimmung gegen Minderheiten zu machen. Werden Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung, Polizei und Medien vor Ort mit solchen Gruppen konfrontiert, stehen sie dem Problem meist ratlos gegenüber. Die neue Handreichung „Bürgerwehren“ der Amadeu Antonio Stiftung ordnet das Phänomen ein und bietet praktische Handlungsempfehlungen.

 

Neue Spendenaktion: „Brezel the World“

 

Es war noch nie so einfach, für uns zu spenden! Die Initiative „Brezel the World“ macht sich für Zusammenhalt und Toleranz stark – und sammelt Spenden für die Amadeu Antonio Stiftung. Alles, was sie tun müssen: Formen Sie mit ihren Händen ein Brezel-Mudra – wie im Beispielbild! Laden Sie ein Foto davon auf Twitter oder Instagram unter dem #brezeltheworld hoch oder taggen Sie die Initiative bei Facebook auf Ihrem einem Brezel-Bild oder laden Sie das Bild auf der Homepage der Aktivist_innen hoch: www.brezel.world

 

Termine

09.05.2017 I Fachtag "Mit Jugendbeteiligung auf dem Weg zu einer jugendgerechten Kommune?!" I Hannover
Golschan Ahmad Haschemi und Michael Rogenz von der „Praxisstelle ju:an – antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit“ nehmen am Fachtag "Mit Jugendbeteiligung auf dem Weg zu einer jugendgerechten Kommune?!" teil, der am 9. Mai im Haus der Jugend in Hannover stattfindet. Dieser Fachtag wird organisiert vom Landesjugendamt Niedersachsen in Kooperation mit der Stadt Hannover.

11.05.2017 I Was ist Demokratie? Vortrag mit Dr. Matthias Quent I Berlin
Es gibt so viele unterschiedliche Formen von Demokratie wie es demokratisch regierte Staaten gibt. Was zeichnet die Demokratie in Deutschland aus und inwiefern unterscheidet sie sich von anderen Demokratien?

12.05.2017 I Fachtagung: Wegschauen geht nicht I Köln
Ziele der Fachtagung sind:Einblicke in geschlechtsspezifische Äußerungsformen von Rechtsextremismus und Konsequenzen für das pädagogische Handeln; Erarbeitung von Handlungsmöglichkeiten und Qualitätskriterien für die pädagogische Arbeit; Möglichkeiten einer geschlechterreflektierten Präventionsarbeit mit Mädchen und Jungen; Sensibilisierung von Fachkräften

19.05.2017 I Die völkische Mobilisierung. Rechtsextreme Siedler_innen in Mecklenburg-Vorpommern I Schwerin
In seinem Vortrag wird Marius Hellwig zunächst klären, was mit dem Begriff „völkische Siedler_innen“ gemeint ist, auf welche Traditionen sich völkische Siedlungsprojekte berufen und was hinter der völkische Ideologie steckt. Zudem soll es einen kurzen Überblick darüber geben, wo die völkische Bewegung aktiv ist und welche verschiedenen Gruppierungen es gibt. Der Schwerpunkt des Vortrags wird auf der konkreten Situation in Mecklenburg-Vorpommern liegen, das eine Hochburg rechtsextremer Siedlungsbestrebungen darstellt.

22.05.2017 I Fachtagung: „Berufsethik Sozialer Arbeit mit den Schwerpunkten Rassismus und Antisemitismus“ I Berlin
Die ju:an Praxisstelle veranstaltet den 4. Fachaustausch Jugend(sozial)arbeit für Fachkräfte aus Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Pankow und Treptow-Köpenick zum Thema „Berufsethik Sozialer Arbeit mit den Schwerpunkten Rassismus und Antisemitismus“. Nach einem Vortrag von Leah Carola Czollek zur Bedeutung der Berufsethik in der Sozialen Arbeit, diskutieren Pädagog*innen in einem dialogischen Fachaustausch über die praktische Arbeit gegen Diskriminierungen sowie Strategien im Umgang mit dem zunehmenden Einfluss von rechtspopulistischen Stimmen auf Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit.

23.05.2017 I Was ist Diskriminierung? Über illegitime Ungleichbehandlung, Demokratie und Sand im Getriebe I Bonn
Auftaktveranstaltung zur Veranstaltungsreihe „Diskriminierung – Erscheinungsformen, Ursachen, Strategien“ von Mai bis November 2017.

02.06.2017 I Verschwörungsideologien - Im Gespräch mit Jan Rathje I Mannheim
Verschwörungsideologien konstruieren einfache Weltbilder und Rollen: Da gibt es die bösen Verschwörer*innen und die Guten, welche die Verschwörung aufdecken und bekämpfen. Ein wesentliches Element von Verschwörungsideologien ist deren identitätsbildende Funktion. Sie bieten ihren Anhänger*innen neben dem negativen Feindbild ein positives Selbstbild, das ihnen in der Gesellschaft abhandengekommen zu sein scheint. Sie fühlen sich zugehörig zu der „Guten“ Seite und können sich nun ihr Unwohlsein erklären, mit dem sie sich bisher alleine gefühlt haben.

 

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Redaktionsschluss: 04. Mai 2017

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Redaktion: Sofia Vester, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Anetta Kahane, Mick Prinz, Simone Rafael, Teresa Sündermann

 
 


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