Ausgabe Nr. 154, November 2018

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

In eigener Sache

 

Liebe Leserinnen und Leser,

historisch gesehen sind 80 Jahre eine kurze Zeit. Doch manche Ereignisse, auch wenn sie 80 Jahre zurückliegen, prägen die Gegenwart mehr als das Glück von vorgestern. Als der November 1938 begann, waren die Jüdinnen und Juden in Deutschland bereits entrechtet und wurden systematisch schikaniert. Jeden einzelnen Schritt zu ihrer Enthumanisierung haben die Nationalsozialisten öffentlich kundgetan. Und die ihnen zujubelnde Bevölkerung nahm es zur Kenntnis. Mal erfreut, mal gleichgültig. Ganz selten entsetzt. Viel war den Novemberpogromen also schon vorausgegangen. Sie hatten sich gewissermaßen herangeschlichen. Schritt für Schritt, Hetze für Hetze, Gewalttat für Gewalttat. So waren dann die Nächte, in denen Jüdinnen und Juden und jüdische Einrichtungen konzertiert angegriffen wurden, eigentlich keine Überraschung. Sondern nur ein erster Höhepunkt. Victor Klemperer sagte über die Ereignisse um den 9. November, er hätte von einem Freund „gehört, dass man die Nacht zuvor spontan die hiesige Synagoge niedergebrannt u. jüdische Fensterscheiben eingeschlagen habe. Ich brauche die historischen Ereignisse der nächsten Tage, die Gewaltmassnahmen, unsere Depression nicht zu schildern. Nur das Engpersönliche und conkret Tatsächliche“ (Victor Klemperer: Die Tagebücher, S. 1155). Er wusste gleich, dass diese Nächte historisch genannt werden würden, nicht jedoch, wie weit die Eskalation gehen und wie viele Tote sie kosten würde.

Am 9. November vor neuem Antisemitismus zu warnen klingt wie ein Klischee, wie die hohle Ansage politischer Routine. Selbst mit allerbester Absicht ist es schwer, am 9. November der Ereignisse zu gedenken, die als Konsequenz zur Folge hatten, sich der schlimmsten Grausamkeiten der modernen Geschichte gegenwärtig zu werden. Am 9. November brannten Synagogen, und es wurden Jüdinnen und Juden erschlagen. Nicht wenige, nicht viele, gerade so viele, dass daraus am Ende Berge von Leichen wurden. Die Nazis erschossen, erschlugen und vergasten Millionen von Menschen. Sie verbrannten sie mitunter auch. Darunter kleine Kinder und Babys, mit Benzin übergossen und angezündet – vor den Augen ihrer Mütter. In die Luft geworfen und zum Zielschießen freigegeben – unter dem Gelächter ihrer Kameraden. Man mag das nicht hören, niemand will sich vorstellen, wie es war, wie es roch, wie sich die Schreie anhörten. Doch manchmal müssen wir das tun.

Nichts ist damit vergleichbar. Und nichts, was heute geschieht, kommt dem im Entferntesten nah. Darüber sollten wir froh sein. Ernsthaft und wirklich. Dennoch müssen wir uns daran erinnern. Um der Erinnerung wegen. Um der Opfer wegen. Und weil wir sonst nicht im Ansatz verstehen, was wir zu verteidigen haben.

Und wir müssen doch auch an heute denken. Allein die Tatsache, dass es politische Gruppen gibt, die jene Verbrechen für einen Vogelschiss halten oder sonstige gedankliche Anleihen aus der Ideologie der Mörder*innen beziehen, muss ein Grund sein, sich Gedanken zu machen und zu handeln. Wer heute Menschen für minderwertig erklärt, sie als Dreck bezeichnet oder mit Tieren gleichsetzt, übt psychische Gewalt aus und bereitet den Boden für physische Gewalt. Und dieser Boden ist fruchtbar. Jeden Tag werden Menschen aus rassistischen Gründen angegriffen. Dies geschieht in einem gesellschaftlichen Klima, das von Entgrenzung und Enthemmung geprägt ist und Hass verbreitet. Wenn manche Politiker*innen diese Stimmung dann auch noch für ihre Zwecke missbrauchen oder gar genau darauf setzen, kann die Situation schnell gefährlich werden. Besonders für jene, die ohnehin ein leichtes Ziel rechtsextremer Attacken sind. Asylsuchende, Einwandernde oder einfach Menschen mit dunkler Hautfarbe. Besser, als den Täter*innen ständig mit Verständnis zu begegnen oder ihre Taten mit sozialem Unwohlsein zu rechtfertigen, wäre etwas Mitgefühl mit den Angegriffenen. Die Betroffenen brauchen unseren Schutz und unsere Empathie. Vor allem sie. Ursachenforschung kommt danach.

Diesen November ehren wir das Andenken derer, die 1938 ermordet wurden und, ja, warnen auch vor den Folgen von rassistischer Enthemmung. Deshalb stehen die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus in diesem November ganz im Zeichen des 80. Jahrestags der Pogromnächte. Erinnern, verstehen, handeln. Das gilt auch für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie, den wir mit vier weiteren Stiftungen wie jedes Jahr vergeben. Auch er ist der Ausdruck unseres Handelns heute zu Ehren der Toten von damals. Der Sächsische Förderpreis war noch nie so wichtig. Die bundesweiten Projekte gegen Antisemitismus und die in Sachsen brauchen eine klare Haltung. Wir sind sehr froh, dass es möglich ist, aus der Zivilgesellschaft heraus diese Form der aktiven Erinnerung mitzugestalten.

Die Zivilgesellschaft ist wichtig und braucht deshalb Ihre und unsere Unterstützung. Wenn sie genug Mittel sammelt, ist sie unabhängig. Sie sagt die Dinge direkt, sie kann, wenn es denn sein muss, dann auch allein handeln. Darauf müssen sich die Initiativen verlassen können und die Betroffenen. Die zivile Gesellschaft sind wir, die wir die Erinnerung wachhalten, auch wenn sie schwer zu ertragen ist.

Spenden

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

P.S. Ich würde mich sehr freuen, Sie am 8. November um 10 Uhr zur Eröffnungsveranstaltung der Aktionswochen gegen Antisemitismus begrüßen zu dürfen.

 

Im Fokus

Gegen Rassismus und Antisemitismus – Ohne Wenn und Aber

 

Mit der Kampagne „Gegen Rassismus und Antisemitismus – ohne Wenn und Aber“ positioniert sich die Amadeu Antonio Stiftung klar gegen rechte Vereinnahmungsversuche auf der Frankfurter Buchmesse. Und erfährt dafür viel Zuspruch.

 

Ein Fest der Demokratie – Sieben Projekte zeigen, wie’s geht

 

Am 9. November wird in der Dresdner Semperoper der Sächsische Förderpreis für Demokratie 2018 vergeben. Mit einem Projektpreis, einem Sonderpreis Schule, einem Kommunenpreis und mehreren Anerkennungspreisen wollen wir das mutige und kreative Engagement sächsischer Initiativen für eine demokratische Kultur, Vielfalt und die Wahrung der Menschenwürde ehren und einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Hier stellen wir die sieben von der Jury – aus insgesamt 78 Einreichungen – nominierten Projekte vor.

 

Treffpunkt gewaltbereiter Neonazis in Sachsen: "Kampf der Nibelungen"

 

Vor zwei Wochen fand im sächsischen Ostritz das völkisch-faschistoide Kampfsport-Event „Kampf der Nibelungen“ statt. Rund 700 Teilnehmer*innen reisten aus allen Teilen Deutschlands und dem europäischen Ausland an: ein ziemlich gewaltbereites und gefährliches Publikum. Wenige Meter entfernt auf dem Marktplatz wurde auf einem „Friedenslauf“ Geld für Aussteigerprogramme gesammelt.

 

Aktionswochen gegen Antisemitismus

„Angriffe auf die Erinnerungskultur werden wir nicht dulden“

 

„Gegen Antisemitismus – Mehr als warme Worte!“ Zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome starten die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus – deutschlandweit und stärker denn je. Das Gedenken steht am Anfang eines breiten Engagements gegen Antisemitismus hier und heute. Über 150 Veranstaltungen sind bereits mit 90 Kooperationspartnern für die kommenden Wochen geplant. Schirmherr der diesjährigen Aktionswochen ist der Beauftragte der Bundesregierung für die Bekämpfung des Antisemitismus Dr. Felix Klein.

 

Die Stiftung fördert: Leuchtturmprojekte

Hetze gegen Flüchtlinge und Migrant*innen sowie die Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen und neurechten Entwicklungen und Organisationen waren die beiden Hauptthemen der Initiativenförderung der Amadeu Antonio Stiftung in 2018. Die Stiftung konnte Dank der Unterstützung der Spender*innen und Stifter*innen dieses Jahr bereits 144 Projekte und Einzelpersonen mit 179.570 Euro fördern. Die meisten Spenden bekommt die Stiftung zum Jahresende. Damit wir auch 2019 wieder engagierte Initiativen und Menschen fördern können, sind wir auf Ihre Unterstützung angewiesen und danken bereits jetzt für Ihr Vertrauen!

Spenden

 

„Die Texte sind kaum sprechbar“

 

Die Wortwahl rechtspopulistischer bis rechtsextremer Sprachrohre ist menschenverachtend und tabulos. Mit seinem aktuellen Stück ‚Aufspüren Jagen Entsorgen – Die Sprache der Neuen Rechten‘ zeigt Arne Retzlaff im ‚projekttheater dresden‘ anhand von Originalzitaten, wie sich durch diese Sprache die Kommunikation, der Umgang miteinander und das Klima im öffentlichen Diskurs wandeln.

 

 

Vergessen verboten

 

2012 startete in Bremen das Projekt ‚Köfte Kosher‘. Jüdische und muslimische Jugendliche teilten ihre Diskriminierungserfahrungen, eigneten sich Wissen über verschiedene Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit an und gestalteten einen Erinnerungsort für Opfer rechtsmotivierter Gewalt. Was hat sich seitdem in der Hansestadt getan?

 

Aktuelle Publikation

Aktionswochen gegen Antisemitismus - jetzt auch als Plakat!

 

800 Grad – das ist die Kerntemperatur von Feuer. Es ist die Temperatur des Feuers, mit dem vor 80 Jahren unzählige Synagogen in Brand gesetzt wurden, mit dem unzählige Menschen in den Krematorien von Auschwitz verbrannt wurden. 800 Grad ist der Titel des Hauptmotivs der diesjährigen „Aktionswochen gegen Antisemitismus“. Das ist eines von vier Motiven der diesjährigen Plakatkampagne. 

 

 

 

Termine

08.11.2018 I Auftaktveranstaltung: Aktionswochen gegen Antisemitismus I Berlin
Die 16. Aktionswochen gegen Antisemitismus werden vom Botschafter des Staates Israel S.E. Jeremy Issacharoff, dem Staatsminister im Auswärtigen Amt Niels Annen und dem Beauftragten der Bundesregierung für die Bekämpfung des Antisemitismus Dr. Felix Klein sowie Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, feierlich in Berlin eröffnet.
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14.11.2018 I Podiumsdiskussion: Der Schäferhund-Science-Hoax I Berlin
Hatten Schäferhunde eine Mitschuld an der Nazi- und SED-Diktatur? Machte der Fall der Berliner Mauer Kaninchen zu den eigentlichen Leidtragenden? Solche und ähnliche Behauptungen, vorgetragen auf einer akademischen Konferenz und veröffentlicht in einer bekannten Fachzeitschrift, sind als „Schäferhund-Hoax“ bekannt geworden. Sie haben (nicht nur) den Geschichtswissenschaften eine unangenehme Diskussion beschert. Eine öffentliche Debatte zum Thema findet am 14. November um 19 Uhr in der Amadeu Antonio Stiftung statt.
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19.11.2018 I Kampagnenstart: „Berlin steht an der Seite von Betroffenen rechter Gewalt“ I Berlin
In Berlin hat das Thema rechte Gewalt besondere Aktualität erhalten durch die Anschlagsserie in Neukölln gegen Menschen, die sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus engagieren. Rassistische und andere rechte Angriffe gehören für viele Berliner*innen jedoch dauerhaft zu ihrem Alltag, auch unabhängig von aktuellen Aufmerksamkeiten. Unsere Kampagne will die Perspektive von Betroffenen auf die Stadt stärker ins Bewusstsein bringen und die Berliner Stadtgesellschaft aktivieren, sich mit ihnen durch eine Spende für den CURA-Fonds zu solidarisieren.
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21.11.2018 I Filmgespräch: Das blinde Auge I Jena
Axel U. wurde in der thüringischen Kleinstadt Bad Blankenburg am 24. Mai 2001 von einem stadtbekannten Neonazi brutal getötet. Doch Polizei, lokale Medien und Stadtpolitik tun sich schwer damit, dies als Tat eines gewalttätigen Neonazis einzuordnen...Im Anschluss an die Filmvorführung von Das Blinde Auge - Ein Todesfall in Thüringen wird mit dem Autor über Entstehung und Aktualität des Projekts diskutiert.
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22.11.2018 I Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR I Berlin
Spätestens seit dem Aufkommen der völkischen PEGIDA und der AfD ist erkennbar, dass das politische System und die Gesellschaft der DDR aus dem Kontext des historischen Nationalsozialismus wie des gegenwärtigen Rechtsextremismus genauso wenig herausgelöst werden können wie die alte und neue Bundesrepublik. Im Gespräch mit Prof. Samuel Salzborn, Gastprofessor am Zentrum für Antisemitismusforschung, werden die Herausgeber den Sammelband „Schwieriges Erbe: der Umgang mit Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland“ vorstellen.
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27.11.2018 I Vortrag: „Rassismus, Radikalisierung und Rechtsterrorismus in Deutschland - Lektionen aus dem NSU-Komplex“I Heidelberg
Das Entsetzen war groß, als die Existenz der rechtsterroristischen Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) im Jahr 2011 bekannt wurde. Dr. Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena, untersucht in seinem Vortrag, wie sich die gesellschaftliche Situation und die rechtsterroristische Szene seither verändert haben und welche Schlüsse aus dem Fall NSU für aktuelle Entwicklungen im Rechtsterrorismus zu ziehen sind.
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Redaktionsschluss: 30. Oktober 2018

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Redaktion: Franziska Schindler, Timo Reinfrank (verantwortlich)
Mitarbeit: Anetta Kahane, Vincent Weiler

 
 


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