Ausgabe Nr. 133, September 2016

Spenden gegen Rechtsextremismus

 
 

In eigener Sache

 


Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt, in Zeiten der AfD-Wahlerfolge, reden alle von der Angst. Und jeder meint damit etwas anderes. Die Parteien haben Angst davor, Wähler zu verlieren, die besorgten Bürger haben Angst vor Überfremdung, die Antirassisten haben Angst vor den besorgten Bürgern, die Linken haben Angst vor Faschismus, und die Rechten haben Angst vor der Aufklärung. Dieses Phänomen der Angst bringt Hysterie oder zumindest Nervosität mit sich. Man stelle sich nur vor, das Ganze fände in einer echten Krisensituation statt. Das mag man sich für die deutsche Lust an der Angst nicht wünschen. Als die Kanzlerin vor einem Jahr sagte: “Wir schaffen das!“, hat sie nicht etwa an die dunkle Seite der Deutschen appelliert, sondern eine der Bundesrepublik angemessene und hoffnungsvolle Feststellung gemacht. Klar schaffen wir das! Wieso auch nicht? Deutschland boomt, die Initiativen der Flüchtlingshilfe sind nach wie vor engagiert, und der Staat hilft sogar. Das ist ja nicht überall so. Nicht die Kanzlerin mit ihrer Botschaft ist also schuld am Aufstieg der AfD, wie viele heute behaupten. Es sind viele Dinge, die dazu geführt haben. An allererster Stelle sei hier aber der Umgang mit Rassismus und Antisemitismus genannt.

Rassismus ist, fragt man die Leute auf der Straße, ausschließlich ein Problem in den USA. Abgesehen vom antiamerikanischen Kern dieses Satzes ist er auch falsch. Selbstverständlich gibt es Rassismus in Deutschland. Wie auch nicht nach Shoah und Kolonialgeschichte? Wieso sollte er ausgerechnet in Deutschland verschwunden sein? Weil er immer geleugnet wurde? Genau wie der Antisemitismus? Beides, so unterschiedlich es in Erscheinung und Funktion auch sein mag, war in Deutschland nie überwunden. Dazu hätte es Gegenstand einer ernsthaften Debatte der politischen und gesellschaftlichen Eliten sein müssen; doch das geschah nur punktuell und nicht systematisch. Eine solche Debatte hätte die Frage danach aufgeworfen, was deutsche Identität bedeutet, ob sie sich an der Farbe von Haut und Haaren festmacht oder an der Treue zum Grundgesetz. Mit anderen Worten: keine Debatte, keine Folgen, so einfach ist das. Diesen Fakt mag die Kanzlerin unterschätzt haben mit ihrem Satz „Wir schaffen das“. So wie er generell unterschätzt wird.

Dass die Flüchtlinge überhaupt nach Deutschland kamen, hat ganz gewiss auch andere Gründe, als die AfD stärken zu wollen. Das wäre sehr unterkomplex. Die Situation in der südlichen Nachbarschaft Europas ist gefährlich. Die Menschen fliehen, weil sie es müssen und weil sie es können. Und das wird auch so bleiben, bis es nicht mehr gefährlich ist, dort zu leben. Die Deutschen haben hier zum ersten Mal erlebt, wie nah sie am Weltgeschehen leben und dass die Probleme und Chancen unserer globalisierten Zeit nicht ausgesperrt bleiben werden. Sich dagegen zu wehren, mag verständlich sein, doch es zum Ausgangspunkt von Hass und Gewalt zu machen, ist menschlich wie politisch kurzatmig. Europa ist ein Teil dieser Welt, einer von vielen. Völkische Vorstellungen werden daran nichts ändern, sondern vielmehr die ernsthafte Gestaltung von Herausforderungen wie Flucht und Migration.

Wir schaffen das. Wir können uns den Luxus des Pessimismus nicht leisten, wie Golda Meir einst richtig sagte. Die AfD und die NPD und alle anderen, die das Völkische betonen, können die Vernunft der Mehrheit der Deutschen nicht abschalten. Was allerdings Besorgnis erregt, ist der Zustand des Teils der Mitte, der schon immer indifferent gegenüber dem Rassismus und Antisemitismus war, der auch den klassischen Rechtsextremismus nicht ernst genommen hat. Wenn sich hier Opportunismus und Indolenz durchsetzen, statt einer politischen Debatte, die dringend notwendig ist, dann wird der deutsche Nachkriegskonsens aufgekündigt, der im Wesentlichen das Grundgesetz über ein irgendwie geartetes Deutschtum gestellt hat. Denn es geht nicht um die AfD, sondern um uns und die Demokratie.
Über all diese Dinge müssen wir reden. Unbedingt. Wir schaffen das.
 

Herzliche Grüße,
Ihre Anetta Kahane

 

PS: Ich möchte Sie noch auf unsere Konferenz "Connect – Willkommensstruktur trifft Selbstorganisation" aufmerksam machen. Es erwartet Sie ein spannendes Programm zum Thema Flucht, gesellschaftliche Vielfalt und Teilhabe. Die Konferenz findet am 24. September in der Alice Salomon Hochschule in Berlin statt. Die Anmeldung ist noch bis zum 15.09. möglich. Mehr Informationen finden Sie hier.

 

Im Fokus

ONE SWEET WORLD – Städtetour von Ben & Jerry's und der Amadeu Antonio Stiftung

© Ben&Jerry´s

 

Mit tollen Aktionen, leckerem Eis und wichtigen Themen im Gepäck tourten Ben & Jerry´s und die Amadeu Antonio Stiftung diesen Sommer bundesweit durch elf Städte, um für eine offene und inklusive Gesellschaft zu werben. Denn nur gemeinsam wird´s zu ONE SWEET WORLD.

 

Konferenz „Connect – Willkommensstruktur trifft Selbstorganisation“

© Amadeu Antonio Stiftung

 

Informieren, diskutieren und gemeinsam neue Möglichkeiten des Engagements von Geflüchteten sowie Unterstützer_innen entwickeln – am 24. September findet die Konferenz "Connect" in der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin statt. Was ist das Besondere an dieser Konferenz? Wir haben dazu Laura Piotrowski, Nicole Wiedemann und Tahera Ameer befragt, die die Konferenz organisieren.

 

Geförderte Projekte

 

Jede_r Einzelne kann sich für ein demokratisches Miteinander einsetzen, sich informieren und Menschen, die bedroht oder ausgegrenzt werden, unterstützen. Kreatives und tatkräftiges Engagement vor Ort wird auch durch Ihre Spende ermöglicht – wir wollen weiterhin zeigen, dass es keinen Platz für Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit in einer vielfältigen Gesellschaft gibt. 

 

Spenden

 

10 Jahre „Jamel rockt den Förster“

© Andreas Hornoff

 

Das Ehepaar Lohmeyer wehrt sich gegen die Vereinnahmung des Ortes Jamel durch Neonazis. Mit dem Festival „Jamel rockt den Förster“ setzten sie auch dieses Jahr ein Zeichen für Demokratie und Toleranz gemeinsam mit Bands, Künstler_innen und mittlerweile 1200 Besucher_innen.

 

Es wird bunt, es wird laut, es wird schöner! Demokratiefest in Marzahn-Hellersdorf

© Bündnis für Demokratie und Toleranz am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf

 

Wie wir gemeinschaftlich oft scheinbar grauen Alltag vielfältig gestalten können, macht das Bündnis für Demokratie und Toleranz am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf in Marzahn-Hellersdorf in diesem Sommer vor!

 

Publikationen bestellen

10 Punkte für das Engagement mit Flüchtlingen

 

Wenn Flüchtlinge den Weg zu uns gefunden haben, brauchen sie Unterstützung. Nicht jede Unterstützung kann oder sollte von "ehrenamtlichen" Privatpersonen angegangen werden. Aber engagierte Laien sind wichtig: Sie unterstützen Flüchtlinge bei der Wahrnehmung ihrer Rechte, helfen im Alltag und vermitteln den Betroffenen das Gefühl, willkommen zu sein.

Diese 10 Punkte geben Anregungen, wie Sie sich aktiv einbringen können, damit geflüchtete Menschen gut ankommen, in Sicherheit leben, die Chance auf Teilhabe erhalten und sich zuhause fühlen können.

 

Termine

01.09.2016 I taz on tour: Völkische Siedler_innen in Mecklenburg-Vorpommern I Güstrow

Ein spannender Diskussionsabend mit Timo Reinfrank (Amadeu Antonio Stiftung), Reinhard Knaack (Die Linke, Bürgermeister von Lalendorf), Karen Larisch (Geschäftsführerin Villa Kunterbündnis, Lokalpolitikerin für Die Linke in Güstrow) und Ralf Boldt (Direktor der Freien Schule Güstrow)
Moderation: Jan Feddersen, taz-Redakteur
>mehr

 

03.09.2016 I Demokratiefest "Schöner leben ohne Nazis - heißt willkommen für alle!" I Berlin Marzahn-Hellersdorf

Mit einem bunt gemischten Kulturprogramm auf zwei Bühnen wirbt „Schöner leben ohne Nazis“ für eine offene und demokratische Gesellschaft in Marzahn-Hellersdorf und wendet sich gegen Menschenfeindlichkeit jeglicher Art. Von 14:00 bis 19:00 Uhr wird ein musikalisches Programm geboten, daneben geben es internationale Leckereien und ein buntes Kinderprogramm, u.a. mit einem Wahlzirkel zur diesjährigen U18-Wahl in Berlin.
>mehr

 

07.09.2016 I Diskussionsabend zur Frage "Digitaler Extremismus: Verkommt das Netz zur Hass-Plattform?" I Berlin

Warum radikalisieren sich immer mehr Menschen im Internet? Wie nutzen extremistische Organisationen dieses Phänomen und wie können wir das in Zukunft verhindern?

Darüber wird bei der nächsten telegraphen_lounge gemeinsam diskutiert, u.a. mit unserer Kollegin Simone Rafael von netz-gegen-nazis.de
>mehr

 

09.09.2016 I Tagung: Rassismus und Männlichkeiten I Köln

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und anderswo wird in Deutschland weniger über das Leid der Opfer der sexuellen Nötigungen diskutiert, sondern vor allem über die Herkunft der mutmaßlichen Täter und ihre problematischen Männlichkeitsvorstellungen. Warum braucht es Rassismuskritik in Männlichkeitsdebatten und in Rassismusdebatten Männlichkeitsperspektiven? Welche Folgen hat ein sensibler Blick auf Migration und Geschlecht für die soziale und pädagogische Praxis? Die Tagung „Rassismus und Männlichkeiten“ bietet Fachleuten aus der sozialen, pädagogischen und politischen Arbeit die Möglichkeit sich mit diesen Debatten auseinanderzusetzen.
>mehr

 

08.09.-11.09.2016 I Clinch Festival I Hannover

Vier Tage lang stehen im Kulturzentrum Pavillon in Hannover (post)migrantische und postkoloniale Positionen und Perspektiven auf Gesellschaft im Fokus. Dazu hat CLINCH diverse Künstler_innen, Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen mit ihren Ideen, Fragen und Standpunkten eingeladen. Unsere Ju:an-Kollegin Golschan Ahmad Haschemi wird außerdem neben Massimo Perinelli und Nivedita Prasad am Sonntag, den 11. September, von 14 bis 16 Uhr an der Diskussion "Strategien gegen Rassismus" teilnehmen.
>mehr

 

13.09.2016 I Podiusmdiskussion: Querfront als Strategie der Neuen Rechten? I Berlin

„Nicht links, nicht rechts, sondern gegen die da oben“ - auf dieser Veranstaltung wird mit interessanten Gästen über die Querfront und ihre Strategien diskutiert. Die Podiusmdiskussion ist eine Kooperationsveranstaltung des Jüdischen Forums gegen Antisemitismus und für Demokratie e.V. und der Amadeu Antonio Stiftung.
>mehr

 

15.09.2016 I ju:an stellt sich in der Hochschule Hannover  vor I Hannover

Golschan Ahmad Haschemi von der Praxisstelle ju:an – antisemitismuskritische und rassismuskritische Jugendarbeit stellt an der Hochschule Hannover, im Fachbereich Soziale Arbeit, den Ansatz der Willkommensstruktur in Jugendeinrichtungen sowie die Arbeit der Praxisstelle vor.

 

15.09.2016 I Fachtag: Rassismus in der Sozialen Arbeit (Teil II) I Bremen

Unsere Kollegin Pasquale Rotter von ju:an - Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit gibt zusammen der Empowerment-Expertin Oihane Schmutte den Workshop "Körper, Rassismus und Machtverhältnisse – Empowerment in Motion" im Rahmen des Fachtags zu Rassismus in der Sozialen Arbeit. Dieser soll dem Empowerment von Sozialarbeiter_innen und -pädagog_innen mit Rassismuserfahrungen dienen.
>mehr

 

15.09.2016 I Podiusmdiskussion: Wann beginnt israelbezogener Antisemitismus? I Hannover

Die HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen bietet seit vielen Jahren am Standort Hildesheim das Seminar „Soziale Lage der Jugendlichen in Palästina“ an. Mehrere Wissenschaftler und politische Akteure stufen das Seminar als antiisraelisch und antisemitisch ein. Wann beginnt israelbezogener Antisemitismus? Und wie kann darüber mit der Hochschule debattiert werden? Gäste sind u.a. Anetta Kahane (Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung).
>mehr

 

17.09.2016 I Genossenschaftsversammlung taz 2016: Podiumsdiskussion "Engagiert gegen rechts" I Berlin

Bringt uns das Denken in „gut“ – wir Demokrat_innen – und „böse“ – die Rechtspopulisten – weiter? Was muss getan werden? Fragen an die offene Gesellschaft.
Es diskutieren u.a. Golschan Ahmad Haschemi (Bildungsreferentin der Amadeu Antonio Stiftung).
>mehr

 

20.09.2016 I Workshop: Willkommenskultur in Jugendeinrichtungen I Glienicke

Judith Rahner von der Praxisstelle ju:an – antisemitismuskritische und rassismuskritische Jugendarbeit gibt einen Workshop zum „15 Punkte Plan für eine Willkommensstruktur in Jugendeinrichtungen“ für das sozialpädagogische Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg.

 

22.09.2016 I Workshop: Geschlechterverhältnisse und Migration I Bautzen

Die Gerüchte über sexualisierte Gewalt, die insbesondere geflüchteten jungen Männern zugeschrieben wird, finden sich in Medien und sozialen Netzwerken und werden zur Diskreditierung von Asylsuchenden genutzt. Sexismus wird schneller und mit Vorverurteilungen thematisiert, wenn Menschen mit Migrationshintergrund tatverdächtig sind. Diese Debatte wird in einem Workshop unseres Kollegen Enrico Glaser (Fachstelle Gender und Rechtsextremismus) gemeinsam mit Mitarbeiter_innen des Kulturbüro Sachsen e.V., des DGB Sachsen sowie Religionswissenschaftler_innen aufgegriffen.
>mehr

 

24.09.2016 I Konferenz: connect - Willkommensstruktur trifft Selbstorganisation I Berlin

Seit 2015 ist das Thema Flucht in Deutschland wieder im Fokus und zeigt, wie die Fragen gesellschaftlicher Vielfalt und Teilhabe neu verhandelt werden müssen. Die Konferenz connect will die verschiedenen Perspektive von migrantischen und nicht-migrantischen Akteur_innen zusammenbringen und miteinander verknüpfen, weil sie für eine offene Gesellschaft unabdingbar sind. Die Konferenz findet in der Alice Salomon Hochschule Berlin statt und wird von der Amadeu Antonio Stiftung organisiert.
>mehr

 

27.09.-28.09.2016 I Konferenz: Rechtsruck in Kirche und Gesellschaft I Am Seddiner See

Pasquale Rotter und Michael Rogenz von der Praxisstelle ju:an – antisemitismuskritische und rassismuskritische Jugendarbeit teamen mehrere Workshops zur rassismuskritischen Jugendarbeit auf der Konferenz „Rechtsruck in Kirche und Gesellschaft“.

 

Impressum

Copyright (c) 2016
Redaktionsschluss: 01. September 2016 

Amadeu Antonio Stiftung
Schirmherr: Wolfgang Thierse

info@amadeu-antonio-stiftung.de
www.amadeu-antonio-stiftung.de
Novalisstraße 12 | 10115 Berlin
Tel.: 030. 240 886 10
Fax: 030. 240 886 22

 

Spendenkonto der Amadeu Antonio Stiftung: 
GLS Bank | BLZ 43060967 | Konto 6005000000
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00 | BIC: GENODEM1GLS

Spenden


Sollten Sie zur Verwendung von Spenden Fragen haben, können Sie sich jederzeit an uns wenden.

Redaktion: Timo Reinfrank (verantwortlich), Sofia Vester. Mitarbeit: Anetta Kahane, Teresa Sündermann, Roxana Erath

 
 


Die Amadeu Antonio Stiftung wird als Bundeszentraler Träger gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!"

 

Kontakt

Amadeu Antonio Stiftung
Novalisstraße 12
10115 Berlin
 

info@amadeu-antonio-stiftung.de

Tel.:  ++49 (0)30. 240 886 10
Fax:  ++49 (0)30. 240 886 22

 

Spendenkonto

Amadeu Antonio Stiftung
GLS Bank Bochum
BLZ 430 609 67
Konto 6005 0000 00
IBAN: DE32 4306 0967 6005 0000 00
BIC: GENODEM1GLS