Ein Projekt gegen Vorurteile im sächsischen Borna

Spenden gegen Rechtsextremismus

 

Ein Projekt gegen Vorurteile im sächsischen Borna

© Bon Courage Borna

Teile der Ausstellung "Pui! Wie sieht das denn aus?" von Bon Courage Borna

 

Die Ausstellung "Pfui, wie sieht das denn aus" portraitiert gesellschaftlich nicht akzeptierte Gruppen, z.B. Homosexuelle, Obdachlose und Punks. Dazu befragten die Mitglieder von "Bon Courage" Betroffene in Borna zu ihren Erfahrungen. Ein Projekt im Rahmen des Netzwerks "Living Equality".

Das Maß aller Dinge in unserer Gesellschaft heißt „Normalität“. Alles, was der Norm entspricht, ist „normal“. Abweichungen von Normen, die die Gesellschaft willkürlich und stillschweigend setzt, werden selten akzeptiert. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um Normabweichungen im Aussehen, den Einstellungen oder dem Auftreten geht. Begegnet man einer unbekannten Person, so löst diese nach dem ersten Blick meist sofort eigene Assoziationen aus. Diese sind neben den eigenen Erfahrungen unter anderem von der Norm abhängig. Entspricht die Person der Norm, fallen die Assoziationen sowie das daraus resultierende Urteil über die Person wahrscheinlich positiver aus, als wenn sie von der Norm abweicht.

Grauer, rechter Mainstream


Ein Beispiel aus der sächsischen Stadt Borna soll das verdeutlichen. Borna liegt im Landkreis Leipziger Land und hat 21.500 Einwohner. Im Raum Borna leisten viele Menschen, die sich als alternativ verstehen und auch äußerlich so auftreten, sozial-politische und gemeinnützige Arbeit, mit der sie die Gesellschaft unterstützen. Diese Leistung wird aber, meist wegen ihres Aussehens, nicht anerkannt, manchmal sogar überhaupt nicht wahrgenommen. Denn ihr Aussehen und ihre Leistungen lassen sich in den Augen vieler Einwohner nicht miteinander vereinbaren. Ein solcher Umgang mit Menschen, der Eigenschaften und Verhaltensweisen aufgrund von Äußerlichkeiten bestimmt, wird zum Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gezählt. Alternativ aussehende Personen werden häufig als „unnütz“ und „faul“ betrachtet. Durch diese Zuschreibungen werden die betroffenen Menschen abgewertet und ihnen ihre Daseinsberechtigung entzogen, da sie scheinbar der Gesellschaft keinen Gewinn bringen. Auch wenn die im Mainstream verankerte Ansicht „Machst du was, dann bist du wer“ kritisch hinterfragt werden muss, ist die Ableitung von bestimmten Eigenschaften und Verhaltensweisen aufgrund des Aussehens eines Menschen schlichtweg einfach nicht möglich. Doch von denjenigen, die solche Zuschreibungen vornehmen, werden die eigenen Denkmuster selten hinterfragt. Im Gegenteil – die Nicht-Anerkennung der Leistungen alternativer Menschen oder sogenannte „Linker“ führt mitunter sogar so weit, dass diese weniger akzeptiert werden als Rechtsextremisten, die manchmal bürgerlicher und somit „normaler“ erscheinen. Dadurch entsteht eine gefährliche Akzeptanz von Rechtsextremisten, die bis zu deren aktiver Unterstützung reichen kann.

Und die Rechtesextremen sind in Borna aktiv: Seit 2004 ist eine Neustrukturierung der rechtsextremen Szene erkennbar. In der Stadt existieren zwei Kameradschaften, und der Verein „Gedächtnisstätte e.V.“ ist seit seinem Umzug nach Borna Anlaufpunkt für die lokale Nazi-Szene sowie eine Plattform zur Vernetzung mit überregional aktiven Altnazis. Wir bei verschiedenen rechtsextremen Veranstaltungen deutlich wurde, besitzt die rechtsextreme Szene ein hohes Mobilisierungspotenzial. Sie hat Kontakte nach Thüringen, Sachsen-Anhalt, in den Muldentalkreis und in die Landkreise Döbeln und Mittweida. Und es kommt zu gezielten Angriffen auf nicht-rechte Jugendliche und deren Eltern – die meisten rechtsextremen und rassistisch motivierten Gewalttaten in den ostdeutschen Bundesländern werden im Leipziger Land gezählt. Damit wird der öffentliche Raum wird durch die Rechtsextremisten gefährdet, und somit entstehen Räume und Gebiete, die nicht mehr für alle gefahrlos zugänglich sind.

Vielfalt zeigen – Toleranz erzeugen

Diesen Entwicklungen will der 2007 gegründete Verein Bon Courage e.V. etwas entgegen setzen. Er hat sich zum Ziel gesetzt, ein gewalt- und diskriminierungsfreies Miteinander in der Stadt zu etablieren. Um Menschen zur Auseinandersetzung mit ihren eigenen Vorurteilen anzuregen, die Normabweichungen pauschal als negativ bewerten, hat Bon Courage e.V. eine Ausstellung mit dem Namen „Pfui! Wie sieht das denn aus?“ erarbeitet. Erstellt wurden 15 Tafeln mit Bildern unterschiedlicher Personen, die alternativ aussehen, also von der Norm abweichen. Sie tragen beispielsweise Nietenjacken, Dreadlocks, Piercings, bunte Haare, ausschließlich schwarze Kleidung oder eine Glatze. Den Bildern wird das soziale, kulturelle und politische Engagement der Person gegenüber gestellt und somit ihre Wichtigkeit für die Gesellschaft betont. So sollen Widersprüche zu den Assoziationen und Denkmustern der Betrachter erzeugt werden, die in eine kritische Selbstreflexion münden.

„Es ist wichtig, alternative Kulturen, die sich oft für eine bessere, von Toleranz und gegenseitigem Respekt geprägte Gesellschaft einsetzen, zu fördern, statt zu versuchen, sie in die Norm zu zwängen“, so Rico Knorr, Vorsitzender des Vereins Bon Courage e.V. anlässlich der Ausstellungseröffnung. „Eine demokratische Gesellschaft lebt von ihrer Pluralität, von gelebter Gleichwertigkeit und Akzeptanz und nicht von Ausgrenzung und Abwertung. Eine Kultur der Gleichwertigkeit und Vielfalt ist zwingend notwendig, um der Menschenfeindlichkeit und dem Rechtsextremismus als ihrem extremstem Vertreter zu begegnen. Nur durch die Akzeptanz von Vielfalt kann der entindividualisierenden, homogenisierenden Einfalt der Menschenfeindlichkeit in all ihren Formen entgegen gewirkt werden“, betont Knorr.

Die Ausstellung „Pfui! Wie sieht das denn aus?“ wurde im Juli 2008 im Bornaer Stadtkulturhaus eröffnet. Ursprünglich waren 30 Bilder geplant, aber es erwies sich als relativ schwer, Personen zu finden, die sich fotografieren lassen und so viele Informationen über sich preisgeben wollten. Doch die Ausstellung ist erweiterbar und soll auch überregional zu besichtigen sein. Begleitet wurde die Eröffnung von einer Veranstaltung mit Klaus Farin, Schriftsteller und Leiter des Berliner Archivs der Jugendkulturen e.V. Farin gab einen Überblick über jugendliche Subkulturen, beleuchtete ihr Ansehen in der Gesellschaft und diskutierte anschließend rege mit Vertretern von Bon Courage e.V., drei Protagonisten der Ausstellung sowie dem Publikum. An der Eröffnung nahmen 100 Personen teil, die durchweg positiv reagierten. Durch die Ausstellung sind kleine thematische Auseinandersetzungen und Diskussionen in der Kirche, den Ortsgruppen von Parteien und bei Vertretern der Stadtverwaltung entstanden. Neben dem Zeigen der Ausstellung an anderen Orten sind als weitere Schritte Workshops an Schulen und Jugendeinrichtungen geplant.

Bei der Erarbeitung der Ausstellung gab es außer der Schwierigkeit, Jugendliche als Motiv zu finden, noch andere Hürden. Ein Problem stellte die Auswahl der Personen dar. Dabei musste reflektiert werden, was von der Gesellschaft als „abnormal“ empfunden wird und durch die Ausstellung ins Wanken gebracht werden soll. Dazu mussten die Ausstellungsmacher sich auch mit den eigenen Vorurteilen auseinandersetzen. Ebenso war es für sie schwierig festzulegen, welche Fakten über die gezeigte Person dazu geeignet sind, Widersprüche bei den Betrachtern zu erzeugen, und deshalb auf den Tafeln präsentiert werden sollen. Gleichzeitig mussten die Projektmitarbeiter darauf achten, bestehende Denkformen nicht zu reproduzieren – beispielweise , dass „wichtig für die Gesellschaft“ nicht zwingend bedeutet, dass es sich bei dem Engagement eines Menschen um entlohnte Arbeit handelt.

Eine Ausstellung wie die von Bon Courage über Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit hat den Vorteil, dass sie, wenn sie gut organisiert wird, eine breite Öffentlichkeit erreichen und so eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema in Gang setzen kann. In der Vorbereitung und Erstellung einer solchen Ausstellung ist eine ständige Reflexion und kritische Auseinandersetzung mit den gesammelten Informationen und Materialien sowie den dargestellten Inhalten notwendig, um nicht bestehende Vorurteile zu reproduzieren und zu verfestigen. Wichtig ist auch, dass eine gute Öffentlichkeits- und Pressearbeit betrieben wird. Zu empfehlen ist, die Eröffnung der Ausstellung wie in Borna von einer Gesprächs- oder Diskussionsrunde begleiten zu lassen, um eine viel intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen. Ebenfalls ist zu bedenken, dass sich eine Ausstellung nicht von selbst erklärt und daher zusätzlicher Materialien wie beispielsweise Flyer bedarf. Nicht zu unterschätzen sind auch Überlegungen zum Aufbau und zur Gestaltung der Ausstellung. Dabei spielen Fragen nach Ort, Material und Anordnung eine große und entscheidende Rolle. Durch ein richtiges Aufhängen oder Anbringen der Ausstellung kann sie viel an Wirkung gewinnen.


Sebastian Dolsdorf


 

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