"Wir wollten das Problem an der Wurzel packen!"

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"Wir wollten das Problem an der Wurzel packen!"

© Amadeu Antonio Stiftung

 

Elftklässler aus dem Politik-Grundkurs des Schulzentrums Blumenthal in Bremen haben eine Ausstellung zum Thema "Vorurteile und Diskriminierung" organisiert.

Als im August 2007 mehrere indische Textilverkäufer von einem rassistischen Mob durch die sächsische Kleinstadt Mügeln gehetzt und teilweise erheblich verletzt wurden, war für Frank Sobich und Tim von Oehsen das Maß voll. Die beiden Referendare setzten sich im 400 Kilometer nordwestlich von Mügeln entfernten Bremen zusammen, weil sie etwas unternehmen wollten gegen den zunehmenden Rassismus. Denn auch an ihrem Arbeitsplatz, dem Schulzentrum Blumenthal, konnten Sobich und von Oehsen problematische Einstellungen unter den Jugendlichen beobachten. "Wir wollten das Problem an der Wurzel packen", so Frank Sobich. Was, so die Überlegung der beiden Bremer Kollegen, würde es groß bringen, wenn die Schüler sich mit Rassismus auseinandersetzen, gleichzeitig aber andere Formen der Diskriminierung nicht wahrnehmen? Oder wenn es zwar keine rassistischen Beleidigungen mehr gäbe unter den Jugendlichen, dafür aber antisemitische? Sobich und von Oehsen setzten sich mit der Amadeu Antonio Stiftung in Verbindung, die kurz zuvor zusammen mit der Freudenberg Stiftung das Netzwerk "Living Equality" aus der Taufe gehoben hatte. Dieses in Deutschland einmalige Projekt, gefördert durch die Freudenberg Stiftung und die Ford Foundation, hat sich das Ziel gesetzt, alle Formen der Diskriminierung gleichermaßen auf die Agenda zu setzen und somit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – so der wissenschaftliche Begriff dafür – allgemein entgegen zu wirken. Die Idee für ein neues Schulprojekt in Bremen war geboren.

Studien zur "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" belegen, dass gerade diejenigen Menschen anfällig für feindselige Mentalitäten sind, die selbst zu wenig Anerkennung erfahren. Will heißen: Wenn ein Junge mit türkischem Background ständig zu spüren bekommt, dass er von der deutschen Mehrheitsgesellschaft abgelehnt oder als minderwertig angesehen wird, leidet sein Selbstbewusstsein enorm – möglicherweise so sehr, dass er, um sich selbst aufzuwerten, anfängt, seine Mitschüler zu beschimpfen. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Bekämpfung von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit heißt also Anerkennung und Menschenrechtsbildung.

Leider sucht man auf den deutschen Lehrplänen entsprechende Projekte bislang vergeblich. Umso wichtiger, dass Einzelne hier die Initiative ergreifen – so auch die Teilnehmer der Politik-Grundkurse in Blumenthal. Die Jugendlichen entschieden sich für eine Ausstellung, die sie eigenständig konzipieren wollten. So interviewten sie beispielsweise Muslime und Juden, um mehr über deren Lebensumstände in Deutschland zu erfahren. Großes Interesse zeigten die Jugendlichen auch gegenüber Menschen, die sich gegen Rassismus engagieren. Im Laufe des Projektes entstand so nicht nur eine Ausstellung, die unter anderem im Bürgerhaus in Bremen-Vegesack einem breiteren Publikum vorgestellt wurde, sondern auch ein selbst gedrehter Film. Im Verlauf der Vorbereitungen wurde deutlich, dass bei vielen Schülern nur wenig Hintergrundwissen zu den einzelnen diskriminierten Gruppen vorhanden war. "Wir mussten im Arbeitsprozess immer wieder einen Schritt zurück gehen und erst einmal klären, was Judentum oder Islam überhaupt bedeuten", erzählt Tim von Oehsen. Und auch dem Thema Homosexualität mussten sich die Schüler stellen - für viele vor Projektbeginn ein absolutes Tabu. Doch die Abwertung aufgrund der sexuellen Orientierung wollten die Kursleiter nicht außen vor lassen. Jetzt können die Schülerinnen und Schüler auch über Lesben und Schwule reden, ohne dabei rot zu werden.

Hat das Projekt dauerhaft etwas bewirkt bei den Jugendlichen? "Auf jeden Fall", antwortet Tim von Oehsen. "Die gemeinsame Auseinandersetzung mit Diskriminierung hat sich positiv auf das Unterrichtsklima ausgewirkt." Die Schülerinnen und Schüler hätten ein stärkeres politisches Bewusstsein und eine größere Sensibilisierung für die verschiedenen Formen der Diskriminierung entwickelt. Ein erfreulicher Lerneffekt für alle Beteiligten, der durch ein herkömmliches Antirassismus-Projekt so nicht erreicht worden wäre. Neben den Schülerinnen und Schülern hat sich auch die ganze Schule geändert. Sie nehmen in ihrer Umgebung auf einmal Probleme wahr, die sie vorher nicht gesehen haben. Die AG "Politik-Geschichte" engagiert sich jetzt nicht mehr nur an der Schule, sondern auch im Stadtteil gegen Menschenfeindlichkeit. Mit Hilfe der Förderung aus dem Projektnetzwerk "Living Equality" haben sie nun ein Stadtteilprojekt gegen Rassismus ins Leben gerufen. Jetzt gehen die Schülerinnen und Schüler des Oberstufenzentrums Bremen-Blumenthal in die Kindergärten der Umgebung und erzählen, diskutieren und lesen Geschichten zum Thema Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung vor und bringen ein selbst geschriebenes Theaterstück zum Thema auf die Bühne ihrer Schule. Die Anwohner sind herzlich eingeladen.

Jan Schwab

 

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